Eine Chronik vorweihnachtlicher Idylle

23. Dezember, 11 Uhr - Du sitzt auf deinem Koffer im überfüllten Zug Richtung Heimat. Eine SMS von deiner Mutter tickert herein: „Hoffe, du hast das Geschenk für Oma dabei. Schaffe es nicht, dich vom Zug abzuholen, es gibt ein Problem mit dem Weihnachtsbaum.“ Typisch Mutter, schießt es dir in den Kopf, behandelt dich immer noch wie ein Kleinkind. Und überhaupt: Problem mit dem Weihnachtsbaum? Im Rheinland heißt es beim zweiten Mal sei etwas Tradition, ab dem dritten Mal Brauchtum...
 
11:20 Uhr - Du kramst in deiner Tasche nach Kopfschmerztabletten. Nach der gestrigen Last-Minute-Geschenke-Shopping Pleite hast du noch mit ein paar Kommilitonen den ersten Schnee auf dem Weihnachtsmarkt gefeiert. Leider! Nun hast du deinen regulären Zug mit Sitzplatzreservierung verpasst und kuschelst unfreiwlllig im Türbereich mit einem Hund und seinem mit Dosenbier und Weihnachtsmütze geschmückten Besitzer.

12:07 Uhr - Drei Bekloppte spielen sich derweil Technoversionen von Jingle Bells vor. Der Hund bellt dazu. Du fragst dich, wo die verdammten Kopfschmerztabletten sind.

12:32 Uhr - Eine weitere SMS, diesmal von deiner Schwester: „Mama hat mich gerade dazu gezwungen, einen Weihnachtsbaum zu stehlen. Bleib wo du bist, hier ist das totale Chaos. Habe noch kein Geschenk für Oma. Hoffentlich hast du was?!?!“

13:11 - Du suchst hektisch die Tüte mit den Geschenken. Bite, bitte, bitte, lass sie ganz unten in der Tasche sein. Oder steht sie doch vielleicht noch neben dem Schreibtisch...?

13:17 Uhr - Aaaaarrrgggghhhhh! - Die Wahrheit tut weh.

13:37 Uhr - Der Typ mit Weihnachtsmütze und Dosenbier haucht dir ein "Frohe Weihnachten" entgegen und schenkt dir einen Kräuterschnaps.

13:42 Uhr - Und noch einen.

13:48 Uhr - Und noch einen.

14:02 Uhr - Hicks!

15:07 Uhr - Du wankst aus dem Zug – rein in den Bus. „Na, Weihnachten ist es eben bei Mutti am schönsten!“, sagt eine ältere Dame. Du sagst nichts. Die Gedanken an den alljährlichen Ausnahmezustand "Familienzusammenkunft" benebeln dir die Sinne - oder waren das die Kräuterschnäpse? Als dich der Bus durch die geschmückten Kleinstadtstraßen schaukelt, denkst du kurz: Vielleicht wird dieses Jahr doch alles ganz anders.

 Über das Format
"Moment mal!" ist der Titel für die neue Kolumne auf theologiestudierende.de Jede Woche schreibt ein/e andere/r Redakteur/in seine/ihre Sicht auf ein Thema rund um Bildung, Kirche und Gesellschaft. Du auch? Mail an das Redaktionsteam



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Dieses Jahr alles ganz anders?

Bild von Julia-Rebecca Riedel

Ich kann mir nicht vorstellen, das dieses Jahr alles ganz anders wird. Will ich auch gar nicht! 

Das würde nämlich bedeuten, dass mein Vater nicht fluchend unter dem noch ungeschmückten Weihnachtsbaum bäulings auf dem Boden läge und versuchte wenigstens einen Hauch von Standhaftigkeit in die verkrüppelte Tanne zu sägen, biegen, schütteln, die meine Mama mit dem Hinweis darauf, dass sie im Januar (tendenziell aber eher im März) so oder so aus dem Fenster flöge und man daher auch nicht unbedingt die schönste Tanne im heimischen Wald schlagen müsse, ausgesucht hat (sie erspart sich damit stundenlanges durch den Schnee stapfen und Papa braucht am Ende der Justierungsaktion ca. 3 1/2 Betablocker mehr als sonst). 

Derweil versuchte unser Hund (R.i.P) bislang immer herauszufinden, welche Art- oder auch Unartgenossen den Baum schon beschnuppert, angepinkelt oder behüpft haben und hing in der Regel in eben diesem, was wiederum der Standhaftigkeit der Tanne erheblich zusetzte, daher wurde jedes Jahr aufs Neue, ein Fausgroßer Haken in die Wand gebohrt und das Tännchen angekettet.

Während dessen bereitet Mama die ländlich-späriche Deko vor (echte Kerzen, Rot-karrierte Schleifen, hübsch glänzende Äpfelchen), während ihre Töchter bereits die erste Flasche Eierlikör hinter sich haben und damit vom Traditionsgrünkohl definitiv nicht mehr viel schmecken werden.

Gut das Weihnachten bei uns erst am 25. so richtig los geht, ... 

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