Der Mann, der sich abschaffte
Ein Wort, von Heinrich Heine stammend, längst überfremdet: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht, …“, in den letzten Tagen heiß diskutiert.
„Deutschland schafft sich ab“, Kolumnentitel der vergangenen Woche, Thema des sich durch seine Rolle als rechtsgerichtet anmutender Provokateur offenbar selbst abschaffenden Thilo Sarrazins und längst noch nicht gegessen.
In den 1950er Jahren etabliert sich der Begriff des "Migrationshintergrundes", als die junge Bundesrepublik feststellen muss, das die geladenen Gäste nicht Gäste bleiben, sondern Bundesbürger werden wollen. Provokant plattitüd zeigte nun Thilo Sarrazin – Mann mit religiösem Migrationshintergrund, wenn man so will, schließlich geht seine Familiengeschichte in Deutschland auf die Flucht der Hugenotten in Frankreich zurück – in den vergangenen Tagen auf, dass die Gäste zwar nun Bundesbürger seien, das intellektuelle Niveau Deutschlands jedoch massiv gefährdeten. Dumme Kinder sind dumm auf Grund ihrer Gene, Hartz-IV vererbt sich weiter, selbstverständlich nicht beim guten deutschen Bundesbürger: So kann man es verstehen. Der Mann mit dem ewig skeptisch-prüfenden Blick kommt ins Rudern, so genau geprüft habe er die Statistiken dann wohl doch nicht und Rassismus? Nein, er doch nicht!
Weder die Parteigenossen – die SPD hat ein Parteiordnungsverfahren angekündigt, dessen Ziel der Ausschluss Sarrazins sein soll – noch die Vorstandsmitglieder der Zentralbank der BRD können und wollen ihn, den, der viel zu oft als öffentliche Person durch Negativschlagzeilen auch die Organisationen, deren Vertreter er ist, ins Blitzlichtgewitter der Presse zerrt, weiter tragen. Dabei sind seine Thesen nicht einmal besonders originell oder verwegen, bei jeder NPD-Demonstration sind ähnliche Plattitüden zu lesen und zu hören: „Deutschland schafft sich ab“, und diese Erkenntnis macht Sie schlaflos, lieber Herr Sarrazin?
Der Dichter Heine schließt seine Sehnsuchtsklage nach dem geliebten Vaterland mit den Worten „Gottlob, durch meine Fenster bricht/ Französisch heitres Tageslicht; Es kommt ein Weib, schön wie der Morgen,/ Und lächelt fort die deutschen Sorgen.“ So einfach ist das? So einfach ist das! Das Weib, in unserem Falle die Bundeskanzlerin, wird sich deutlich äußern und Stellung beziehen müssen, ein mütterlicher Klaps auf den Po wird weder dem Vorstand der Deutschen Bundesbank, die Sarrazins Abberufung durch den Bundespräsidenten fordert – der wiederum nicht ohne Mutti kann, aber das ist eine andere Geschichte – noch der SPD genügen.
Aber wir kennen sie, die gute Angie, sie wird milde lächelnd vor die Kameras treten und ihn, den sich Verrennenden rügen, dann darf weitergespielt werden mit den Gefühlen und Erinnerungen derer, die sich integrieren sollen und die wir nicht schaffen zu integrieren.
