Der Laufsteg der Akademiker
Die Theologie gehört, zumindest im Vergleich mit anderen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu den privilegierten Disziplinen an deutschen Hochschulen: Dank alter Staats-Kirchenverträge ist es nicht ganz so leicht wie anderswo Etat- und Stellenkürzungen vorzunehmen und so geschieht es hier und da sogar, dass eine vakant gewordene Professur wiederbesetzt werden darf, wie das derzeit z.B. in Bonn der Fall ist. Was dann folgt ist ein aufwändiges Verfahren: Dozenten der entsprechenden Disziplin aus dem gesamten deutschsprachigen Raum werden eingeladen, auf eigene Bewerbung oder Initiative einer Berufungskommission einen Vortrag zu halten. 30 Minuten zu einem Thema ihrer Wahl. 30 Minuten wissenschaftliches Schaulaufen. 30 Minuten, das ist gerade einmal ein Drittel einer normalen Vorlesung. 30 Minuten, das ist ziemlich wenig Zeit um zu beurteilen, welche Qualitäten jemand für die Lehre mitbringt. Sicherlich, im Anschluss gibt es Zeit für Fragen und Diskussionen. Es gibt eine Berufungskommission, die sich vorher mit den Bewerbern beschäftigt hat, Publikationen gelesen hat. Der eine oder die andere ist vielleicht schon persönlich bekannt mit irgendwem, der in irgendeiner Form in den Prozess involviert ist. Für die breite Öffentlichkeit sind es aber nur 30 Minuten um sich ein Urteil zu bilden über die Qualität des Bewerbers. Nicht viel mehr also, als den Zuschauern einer Casting-Show bleibt, um zu entscheiden, wer ihr persönlicher Favorit ist. Und wie bei DSDS oder The Voice of Germany oft die Wahl des Liedes über Wohlwollen oder Missgunst des Publikums entscheidet, ist es beim wissenschaftlichen Vorsingen die Wahl des Vortragsthemas, das dem Geschmack der versammelten Studierenden- und Dozierendenschaft gefällt - oder eben nicht. Wie die Wahl des Outfits im televisionären Wettbewerb einen Einblick in den Charakter des Kandidaten / der Kandidatin zu geben scheint, so ist es der Anzug oder das Kostüm, das im akademischen Schaulaufen das Bild des Bewerbers entscheidend mitprägt: Freak oder Nerd, Spießer oder Revoluzzer, altbacken, visionär oder auf der Höhe der Zeit, konservativ oder alternativ, interessant oder eher weniger. Der erste Eindruck ist doch immer auch abhängig von Kleinigkeiten.
Dabei sind es ganz andere Werte, die für die Qualität eines Professors oder einer Professorin entscheidend sind. Sicherlich, die Qualität und Zahl der Publikationen, das souveräne Auftreten im Kurzvortrag und die Fähigkeit darüber Rede und Antwort zu stehen sind wichtig für das Renomee und die Konkurrenzfähigkeit des Fachbereichs im Vergleich mit anderen Fakultäten und im Kampf um Drittmittel - die auch in der Theologie keine Nebenrolle mehr spielen. Diese Faktoren sollten nicht missachtet werden. Für den universitären Betrieb spielt aber die Qualität der Lehre eine mindestens ebenso entscheidende Rolle. Und da darf es nicht nur um einen 30 Minuten-Vortrag gehen. Viel entscheidender ist die Frage, ob der Bewerber / die Bewerberin den Spannungsbogen auch über 90 Minuten und sogar über ein ganzes Semester voller 90 Minuten-Vorlesungen halten kann. Ob er/sie nur seine/ihre persönliche Meinung vertreten kann oder gar keine hat, die in die große Bandbreite aktueller Forschung eingeordnet werden könnte. Ob er/sie auch Seminarsitzungen so leiten kann, dass Studierende eigene Gedanken und Leistungen einbringen können, ein ausgewogenes Feedback bekommen und gerne wiederkommen, weil sie mit dem Gefühl nach Hause gehen etwas sinnvolles gelernt zu haben. Ob er/sie auch bereit und in der Lage ist, sich mit den Strukturen der Fakultät und ihren Studiengängen auseinanderzusetzen, dass Studierende vernünftige Beratung bekommen können und die geforderten Leistungen mit dem übereinstimmen, was Prüfungs- und Studienordnungen verlangen und was den Studierenden zu leisten möglich ist, ohne sie zu unter- oder überfordern. Ob er/sie mit seinen/ihren Mitarbeitenden am Lehrstuhl gut zusammenarbeiten kann und Führungskompetenz beweist.
Natürlich kann ein Bewerbungsverfahren nicht alle Qualitäten eines Bewerbers aufdecken und gleich wertschätzen. Und meist ist das Bild, das Dozenten beim Vorsingen abgeben, doch etwas differenzierter als das einer mäßig begabten Sängerin von Dieter Bohlens Gnaden. Aber, auch wenn die Öffentlichkeit das anders wahrnehmen mag: Die Entscheidung hat auch eine größere Tragweite, es geht nicht nur um einen Vertrag über die Produktion von 1-2 CDs, sondern um eine Anstellung auf Lebenszeit in verantwortlicher Position: Für die Bewerber eine Lebensentscheidung, für die Fakultäten, die oft nur einen Lehrstuhl pro Fach haben, ebenfalls. Gebe Gott den Verantwortlichen die Fähigkeit, in solchen Fällen weise Entscheidungen zu treffen.
