Das Märchen von der guten Institution

Es war einmal eine ziemlich große Institution. Sie war gut, ja viel besser als alle anderen. Ihr Ansinnen war rein und wunderbar. Sie wollte den Menschen die gute Botschaft nahebringen, von einem Gott, der die Menschen liebt. Mit dieser Botschaft im Herzen sollten sie ihren Freunden und Feinden Liebe entgegenbringen können. Die Institution war sehr stolz auf sich, weil sie so ganz anders war als die anderen Institutionen. Die waren nämlich böse, unsozial und hatten eine Unternehmenskultur, die ganz und gar nicht christlich war. So dachte unsere Institution und griff die anderen Institutionen regelmäßig an für ihre viel zu profitgierige Unternehmensführung, ihren Egoismus und ihre unchristliche Art ihren Mitarbeitern gegenüber. „Ach was bin ich froh, dass ich so gut bin“, dachte sich unsere Institution manchmal heimlich und wenn sie all zu sehr der Hafer stach, schickte sie einige Vertreter vor, die vor der gesamten Welt erzählten wie ach so sehr harmonisch es in der Institution zugehe. Von einem Gefühl wie unter Schwestern und Brüdern, von viel Akzeptanz und Nächstenliebe war da immer die Rede, von Respekt unter den einzelnen Gliedern, von dem so ganz anderen Geist, der in ihren Fluren wehe. Ihr größtes Ansinnen war nämlich, geliebt zu werden. Unsere Institution war so stolz auf sich und das Ansehen, das sie in der Gesellschaft genoss, dass sie ihre Augen manchmal verschloss vor Dingen, die nicht so ganz in ihr Weltbild passten. Ab und zu drückte sie ein Auge zu, wenn einem Angestellten in ihren Reihen Unrecht widerfuhr. „Wird schon nicht so schlimm sein“, dachte sie lächelnd und legte einen großen Deckmantel des Schweigens über den armen Geschädigten. „Darin wird er sich sicher schön warm und geborgen fühlen...“ Manchmal, wenn ein Jemand aus ihren Reihen, die so schön einheitlich, warm und geschwisterlich geschlossen waren, herausschaute, etwas anderes tat als die anderen, wenn dieser Jemand neue Ideen einbrachte und von den Menschen noch ein wenig mehr gemocht wurde als die Institution, dann schlug diese nicht besonders sanft so lange auf dessen Kopf ein, bis er entweder brav zurück in die Reihe trat, oder freiwillig zu einer anderen Institution wechselte. „Man muss mittelmäßig sein, um geliebt zu werden“, dachte die Institution in Gedenken an den großartigen und deswegen aus dem Weg zu räumenden Schriftsteller Oscar Wilde und wunderte sich, dass ihre Mitarbeiter das noch nicht begriffen hatten. Der Zweck heiligt die Mittel, schien für die gute Institution ein wichtiges Schlagwort zu sein. Ich habe eine ethisch einwandfreie Botschaft, die unter die Menschen getragen werden muss. Da kommt es auf das ein oder andere „Hirten“-Opfer nicht an. Dabei vergaß die Institution, dass sie selbst viel zu oft den Blick auf ihre eigene Botschaft verlor und sich immer weniger an ihren selbst gesetzten Werten orientierte. Sie schaffte es zwar immer noch, die meisten Menschen im Unklaren über ihre Verfehlungen zu lassen, aber das Vertrauen, das in sie gesetzt wurde, verspielte sie immer mehr. Sie merkte gar nicht wie bedeutungslos sie wurde, wie schwach und ideenlos. Wie sie trotz aller Bemühungen sich anzupassen und mittelmäßig zu sein, trotzdem die Liebe ihrer Anhänger verlor. Sie war fast wie tot. Da besann sie sich nach langem Nachdenken und mit ein wenig Unbehagen noch einmal auf die Querköpfe. Vielleicht waren deren frische Ideen doch nicht so abwegig gewesen. Von da an begann sie, stolz auf ihre besten Köpfe zu sein, sie begann mit ihnen zu diskutieren und sie zu integrieren. Auf einmal war doch etwas von dem früher so häufig gelobten brüderlichen und schwesterlichen Geist spürbar. Die Kirche wurde wieder lebendig und die Menschen vertrauten ihr wieder. Da war die Institution zum ersten mal wirklich eine gute Institution. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute und versprüht ihren guten göttlichen Geist.

Anmerkung der Verfasserin: Wie schön wäre es, wenn dieses Märchen wahr werden würde.

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"Moment mal!" ist der Titel für die neue Kolumne auf theologiestudierende.de Jede Woche schreibt ein/e andere/r Redakteur/in seine/ihre Sicht auf ein Thema rund um Bildung, Kirche und Gesellschaft. Du auch? Mail an das Redaktionsteam



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