Wie religiös sind Deutschlands Jugendliche? - Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse
Religiosität - Zu einer vielversprechenden Podiumsdiskussion lud am Freitag die Leipziger Buchmesse ein. Zwei Themen, die man nicht unmittelbar in Zusammenhang bringt, standen im Mittelpunkt der Debatte: Wie religiös sind Deutschlands Jugendliche und welche Medien nutzen sie? Eingeladen, diese Fragen zu beantworten, waren Dr. Michael Domsgen, Professor für Religionspädagogik in Halle, Dr. Gerd Pickel, Professor für Religionssoziologie in Leipzig und Dr. Martin Rieger, Manager des Projekts „Die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft“, in Auftrag gegeben von der Bertelsmann-Stiftung. Die Moderation leitete Jörg Bollmann, Geschäftsführer des Gemeinschaftswerks Evangelischer Publizistik.
Foto: Conrad Nutschan |
Zu Beginn der Debatte stellte Dr. Rieger einige Ergebnisse des letzten „Religionsmonitors“ vor. Dabei wurden in vielen Ländern der Welt Menschen über ihre Einstellung zur Religion und ihre Glaubenspraxis befragt. Interessante Ergebnisse sind unter anderem, dass, nach eigener Aussage, circa zwei Drittel aller deutschen Jugendlichen in irgendeiner Form religiös sind und ein positives Bild ihres Glaubens besitzen, dabei aber sehr unterschiedliche Vorstellungen und Zugänge zur Religion haben. Gleiches gilt auch für die Glaubenspraxis.
Hier meldete sich Dr. Domsgen zu Wort und skizzierte das gelungene Bild eines religiösen Supermarktes: Ein Teil der Jugendlichen bedient sich am klassisch-christlichen Regal: Sonntagesgottesdienst, Junge Gemeinde/Jugendkreis und Kirchenchor; das altbewährte Programm der Landeskirchen, ein anderer steht vor demselben Regal, prüft aber stärker, welche Inhalte für sie passend erscheinen: aus dem christlichen Sortiment wird solange nach dem richtigen Produkt gesucht, bis die Person zufrieden ist. Eine weitere Gruppe geht an den christlichen Reihen vorbei und sucht nach Waren aus anderen Weltreligionen oder jüngeren religiösen Strömungen. Die übrigen Jugendlichen gehen erst gar nicht in den Markt, weil sie sich keine Antworten von der Religion erhoffen.
Der Glaube ein Baukasten?
Eine Besonderheit stellen junge Menschen mit Migrationshintergrund dar, deren Mehrheit – zumindest laut Aussage des Religionsmonitors – sich selbst als stark religiös bezeichnet. Durch den Kontakt mit dieser Gruppe, so seine These, werden auch andere Jugendliche mit dem Thema Glauben konfrontiert und zu einer Selbstbestimmung herausgefordert. Nach dem Einwand Dr. Pickels, auch unter Migranten entschwinde die Religiosität, entwickelte sich eine Debatte über die Entwicklung der Religiösität in Deutschland. Dazu waren die Standpunkte unterschiedlich – Dr. Pickel geht von einem tendenziellen Rückgang aus, und meint, dass viele Menschen allerhöchstens ein kulturelles Interesse an Religionen behalten, ohne selbst wirklich gläubig zu sein. Dies zeige sich zum Beispiel an Initiativen, die Kirchen erhalten wollen, ohne dafür mit einer religiöse Begründung aufzuwarten. Dr. Rieger dagegen ist von einer Zunahme überzeugt, während Dr. Domsgen eine vermittelnde Position einnahm, die von einer verstärkten Individualisierung des Glaubens ausgeht. Menschen würden sich immer weniger an verbindlichen Glaubenssystemen wie dem Protestantismus oder Katholizismus orientieren, sondern sich je nach Lebenslage und spezifischer Situation einen eigenen Glauben aus verschiedensten Komponenten zusammenstellen. Gleichzeitig Christ und von der buddhistischen Reinkarnationslehre überzeugt zu sein steht bei dabei beispielsweise in keinem Widerspruch zueinander, oder dass man betet, trotzdem man nicht an einen Gott glaubt.
| Foto: Christoph Hoffmann |
Ob Deutschland nun tatsächlich religiöser wird oder nicht, ließ sich selbstverständlich in dieser kurzen Zeit nicht klären, was auch daran lag, dass noch ein weiteres Thema besprochen werden sollte, nämlich die Frage nach der Mediennutzung von Jugendlichen.
"Feuerwehrmänner sind beliebter als Pfarrer“
Warum dieser Aspekt mit der Religiosität von Jugendlichen zusammenhängt, wurde schnell klar und lässt sich am ehesten so formulieren: Wie und mit welchen Medien kann die Kirche im 21. Jahrhundert Jugendliche mit ihrer Botschaft erreichen? Hier wurde denn auch die Erkenntnis aus dem Religionsmonitor erwähnt, dass Feuerwehrmänner beliebter sind als Pfarrer – vielleicht liegt das an der optimistisch wirkenderen Berufskleidung.
In einem Punkt aber waren sich alle Teilnehmer einig: Über das Medium Buch funktioniert die Kontaktaufnahme mit jungen Menschen wohl nicht, auch wenn sich spirituelle Bücher wie Harpe Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ sehr gut verkaufen, aber anscheinend eben nicht unter Jugendlichen, die im Schnitt sehr wenig lesen.
Dafür haben die Kirchen mittlerweile das Internet entdeckt und versuchen nun über verschiedene Wege Jugendliche zu erreichen. Erwähnt wurden zum Beispiel das Nachrichten- und Community-Portal evangelisch.de und die Seite youngspirits.de, wobei sich bei letzterer die Frage nach der Wirksamkeit stellt, denn offensichtlich handelt es sich dabei um den Internetauftritt eines Gospelchors aus Elmshorn.
Müssen Pfarrer gezielter auf die neuen Herausforderungen vorbereitet werden?
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Trotz der Bemühungen der Kirche, sich einen jugendlicheren Stil zu verpassen, warnte Dr. Domsgen davor, einfach so diverse Online-Communities mit religiösen Inhalten zu besetzen, denn die Gefahr sei groß, dass die Nutzer sich schnell daraus zurückziehen, sobald sie das Gefühl haben, hier stimme etwas nicht. Dennoch betonten alle Teilnehmer die Wichtigkeit des Web 2.0 und zogen sogar Chat-Andachten ernsthaft in Erwägung (Der unübersehbare Vorteil gegenüber Radioandachten ist, dass man hier mit einem Bild das Erleuchtern der Altarkerzen buchstäblich zur Schau stellen kann).
Die Schlussworte der Diskussionsteilnehmer mahnten noch einmal, dass Religiosität immer auch ein ganzes Stück Arbeit und Weiterarbeit bedeutet, und auch der interreligiöse Dialog nicht vernachlässigt werden sollte.
Insgesamt also war es eine spannende Diskussion die allerdings einige Fragen aufwirft, wie zum Beispiel, ob es nicht notwendig werden könnte, Pfarrer gezielter auf die Herausforderungen der „neuen Religiosität“ vorzubereiten. Denn noch wirkt es vielerorts so, als sei die Tatsache der religiösen Pluralisierung noch nicht überall angekommen. Hier besteht auf jeden Fall Handlungsbedarf. Das gleiche gilt für einen kompetenteren Umgang mit dem Internet im allgemeinen und Web 2.0-Angeboten im speziellen.
| Diskutiert mit! | Fühlt ihr euch als zukünftige LehrerInnen und PfarrerInnen vorbereitet auf die medialen Herausforderungen und die religiöse Pluralität? |


youngspirix.de
Wahrscheinlich wollten die Teilnehmer der Diskussion weniger auf den Internetauftritt des Elmshorner Gosplechores hinweisen, als auf das Internetportal der aej, welches übrigens auch mit evangelisch.de verknüpft ist und vor einiger Zeit mit ziemlich viel Medien- und Geldaufwand hochgezogen worden ist, auf Kirchentagen und kirchlichen Jugendevents gerne präsent ist und fast jeden Flyer des aej ziert...
Sorry, aber ich konnte mir ein Grinsen bei dem entsprechenden Satz im Text nicht verkneifen...