Und wenn die Welt voll Teufel wär – Nikolas Schneider zur Frage nach der Zeitgemäßheit kirchlicher Praxis

Am Dienstag den 05. April 2011 hielt der EKD-Ratsvorsitzende Präses Nikolaus Schneider an der Universität Bonn einen Gastvortrag zum Thema „Kirche in der Krise?“. Die Veranstaltung bildete den Auftakt zum Seminar "Herausforderungen der Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. Zur Krise der Institutionen" von Dr. Jürgen Rüttgers. Schneider analysierte die Ursachen des aktuell zu beobachtenden Kirchenschwunds und zeigte Ansatzpunkte auf, um das Schiff Kirche dennoch seetüchtig zu halten.


Präses Schneider (2006)

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In seinem Vortrag betonte Schneider, dass die Kirche ein wichtiger Partner des Staates sei. Sie leiste einen gesellschaflichen Beitrag in der Erziehung durch Kindergärten, aber auch in der Altenpflege und durch andere caritativen Tätigkeiten. Wenn, so der der Präses, die Kirche in Deutschland in einer Krise stecke, dann weniger durch Anfeindungen von außen, sondern vielmehr durch den „Teufel der Teilnahmslosigkeit“ in den eigenen Reihen. Gleichzeitig sei aber das Bedürfnis der Menschen nach Spiritualität groß, ihr Boom liege nur außerhalb der Kirche. Vor dem Hintergrund sei es wichtig zu fragen, ob die Botschaft der Kirche noch verständlich verkündet werde.

Der Kirchenschwund von etwa 100.000 Mitglieder pro Jahr sei laut Schneider nur zu einem Drittel auf Austritte zurück zuführen. Auch der demographischen Wandel sei miteinzuberechnen: Die EKD sei maßgeblich überaltert, gleichzeitig sei in vielen Familien ein Verlust religiöser Praxis, wie dem Tischgebet, zu beobachten. Auch in der Diakonie sieht der Ratsvorsitzende Probleme. Zum einen durch den Konkurrenzdruck im marktwirtschaftlichen Handeln und zum anderen der Tatsache, dass die dort Beschäftigten "nicht alle den Glauben tragen". 

Auf der anderen Seite unterstrich Schneider, dass neben allen Austritten es jährlich 60.000 Menschen gebe, die durch Taufen, Wiedereintritte und Konvertierungen neu zur evangelischen Kirche hinzukämen. Auch die Zahl von ehrenamtlichen Helfern liege steigend bei vier Millionen. Es gebe demnach noch immer ein breites diakonisches Engagement. Viele Menschen können durch ein hohes Niveau in den Kasualien und durch die persönliche Überzeugung von Pfarrerinnen und Pfarren erreicht werden. Auch dürfe sich die Kirche nicht exklusiv geben, auch kirchenferne Menschen, die nicht regelmäßig zum Gottesdienst kommen, gehörten zu Christus.

Schneider betonte, dass bei allen Konzepten, das Schiff seetüchtig zu halten, Richtschnur und Maß der Auftrag Jesu Christi sein müsse. Es gehe um die Verkündigung und die Verwaltung der Sakramente und zwar im Alltag der Menschen und in ihrer Lebenswirklichkeit. Dafür müsse man kirchliche Institutionen und Strukturen danach befragen, ob sie zeitgemäß seien. Das reformatorische Prinzip der ecclesia semper reformanda habe auch heute noch Geltung. Mit Bezug auf die Denkschrift „Kirche der Freiheit“ von 2006, erklärte der Kirchenvertreter, dass man sich nicht an überkommene Traditionen klammern dürfe, denn diese seien Ordnungen von Menschen.

Auch wenn er Kennzeichen einer Krise für die Kirche sehe, faste Schneider mit einer hoffnungsvollen „Verheißung“ zusammen: "Es werden immer Menschen bei der Kirche bleiben, da sie von ihr erwarten, dass sie ihnen Kraft für die Tiefen und Höhen ihres Lebens gibt. Darum sollen wir uns bemühen."