Studierendenproteste in Österreich

Aktuell - Bildungspolitik, die der Bildung im Weg steht, scheint es auch in Österreich zu geben. Der größe Hörsaal Wiens ist als erstes besetzt worden (und ist es immer noch) und auch Studierende anderer Hochschulen (Graz, Klagenfurt und Linz) folgten diesem Beispiel.

Die Proteste richten sich hauptsächlich gegen die Bildungspolitik der derzeitigen Regierung, die eine Wiedereinführung von Studiengebühren will und Zulassungsbeschränkungen erlassen will.

Die Proteste gegen Studiengebühren kennen wir selbst, aber Zulassungsbeschränkungen? Wie sieht es damit aus? Sind wir in Deutschland sie einfach so gewohnt, dass sie uns nicht weiter auffallen, oder sind wir Theologiestudierende einfach kaum davon betroffen? Wenn die Studierendenschaften, nicht erst mit dem Bildungsstreik 2009, eine "freie Bildung" fordern, so kann eigentlich nicht nur der Kostenfaktor gemeint sein. Auch ein freier Zugang sollte grundsätzlich ermöglicht werden.

Aus Berlin hört man im Moment Phrasen wie: "Wir wollen ein Land der Bildung und Wissenschaft werden!" Sind das lediglich Lippenbekenntnisse ohne Inhalt? Herr Rüttgers hat kurz vor der Einführung der Studiengebühren in Köln ein Interview für Studierende gegeben und darin großherzig zugegeben dass er mit Studiengebühren nicht hätte studieren können, sie aber jetzt trotzdem gut fände und auf jeden Fall einführen wolle. Wie kann man da später behaupten, dass die Studiengebühren niemanden vom Studieren abhielten?

Zu hoffen ist wohl, dass die Politiker in Berlin und Wien ein wenig mehr Einfühlungsvermögen entwickeln und sich Gedanken darüber machen, was "Freie Bildung" und ein "Land der Bildung und Wissenschaft" in der logischen Konsequenz bedeutet.

Beschreibung unserer aktuellen Situation

Bild von Matthias Bukovics

Ich studiere ja direkt an der Uni Wien, wo die ganzen Besetzungen vor mittlerweile 9 Tagen ausgegangen sind. Daher hoffe ich, dass ich ein recht gutes Bild der aktuellen Situation darstellen kann.

In Österreich sind im Moment alle großen Universitäten besetzt. Diese Besetzungen sind die Folge der Bildungspolitik der letzten Jahre, bzw. Jahrzehnte.

Zur aktuellen Situation:

Es gibt insgesamt zu viele Studenten für zu wenige Studienplätze (und was ich leider hier auch sagen muss: Die Deutschen sind nicht ganz unschuldig). Es gibt hier noch in keinen Studiengängen Zugangsbeschränkungen, nur bei manchen Zulassungsprüfungen (wie z.B. Medizin). Durch die Umstellung auf das Bachelor/Master-System wurde in vielen Fächern die STEP (Studieneingangspahse) dazu genutzt, diese quasi als Zulassungsprüfung umzufunktionieren. Des Gleichen gibt es Knock-Out-Prüfungen (Prüfungen, bei denen 40-70% der Prüflinge durchfallen). Durch die vielen Studenten für die wenigen Plätze in den Seminaren wurde auch ein Punktesystem eingeführt, bei dem man am Anfang des Semesters eine gewisse Anzahl an Punkten für eine Veranstaltung vergeben muss (je mehr Punkte man vergibt, desto wichtiger ist einem die LV), allerdings sind die Punkte auch weg, wenn man nicht in die LV kommt. Außerdem gibt es teilweise noch ziemlich lange Voraussetzungketten, so dass man einige LVs nicht besuchen kann, wenn man die LVs nicht hat, die Voraussetzung sind. Und wenn man in die VoraussetzungLVs nicht hereinkommt, dann könnt ihr euch ja vorstellen was passiert.

Nun zum Ursprung der aktuellen Proteste:

Letzt Woche am Donnerstag gab es eine Demonstration der Studierenden der Akademie für bildende Künste, bei der sich viele Studierende der Uni Wien solidarisierten und mitmachten. Bei der Abschlusskundgebung am Ende der Demo, in der Nähe der Uni, wollte die Polizei die Demo auflösen, und darauf eskalierte die Situation und es flohen viele. Im Laufe dieser Aktion gingen einige Studierende in Richtung des Audimax (des größten Hösaales der Uni Wien) der Uni und besetzten diesen. Diese Besetzung wurde auch bis zum Datum der Verfassung des Artikels nicht aufgehoben. Es gibt viele Diskussionen innerhalb des Plenum im Audimax, und alle Entscheidungen die dort getroffen werden, werden Basisdemokratisch getroffen. Im Laufe der Woche wurden viele weitere Unis besetzt, bis heute eben alle besetzt sind. Ein weiterer großer Punkt war die große Demonstration in der Wiener Innenstadt am Mittwoch. Diese Demo sollte die Bürger und vor allem den zuständigen Minister noch einmal auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen. Die Zahlen der Teilnehmer schwanken in den Medien sehr stark. Es gibt Zahlen zwischen 10.000 und 60.000. Meine eigene Einschätzung ist, dass mindestens 20.000-30.000 da waren, eher noch mehr. Und das sind doch schon respektable Zahlen. Heute (Donnerstag) gab es im Fernsehen einen runden Tisch mit Vertretern der Besetzer, der ÖH (österreichische Hochschülerschaft), Rektoren der österreichischen Unis, und der Minister für Wissenschaft und Forschung Johannes Hahn. Diese Diskussion hat vom Ergebnis zwar nicht so viel gebracht, aber es wurde insgesamt auch noch mal auf die Situation aufmerksam gemacht.

Forderungen der Besetzer:

Dies sind, grob, die Forderungen der Besetzer:

1. Antidiskriminierung (z.B. auch Durchsetzung der Behindertengleichstellungsgesetze)

2. Demokratisierung der Unis (z.B. studentische Vertreter im Unirat)

3. Keine Ökonomisierung der Uni (z.B. Ausfinanzierung der Unis)

4. Selbstbestimmtes Studieren (z.B. Abschaffung der Voraussetzungsketten)

Die Situation auf der evangelisch theologischen Fakultät:

Die meisten der oben angesprochenen Punkte betreffen die kleine evangelische Fakultät großteils nicht (wir sind etwa 200 Studierende). Wir haben auch bei unserer Umstellung auf das Bachelor/Master-System sehr gut mit unseren Professoren zusammen gearbeitet, und deswegen einen recht guten Studienplan erstellt. Trotzdem ist vielen klar, dass uns so etwas ziemlich schnell auch treffen kann, und deswegen solidarisieren sich viele mit den Besetzern.

Nun zu meiner eigenen Ansicht der Dinge:

Ich selbst bin grundsätzlich dafür. Ich stimme zwar nicht mit allen Punkten der Protestanten über ein, aber bin insgesamt doch überzeugt, dass das eine gute Sache ist. Ich bin vor allem froh, dass endlich die Studierenden es mal wieder auf die Reihe kriegen, nicht nur zu reden, sondern auch mal etwas zu tun. Ich bin vor allem begeistert, wie gesittet und organisiert das alles abläuft, obwohl alles basisdemokratisch abläuft. Also ich bin ein Unterstützer dieser ganzen Aktionen, und betätige mich auch in meinem möglichen Rahmen. Ich hab auch auf dem SETh in Greifswald die ganze Zeit per Internet verfolgt, was alles abläuft, und fand es doch auch schade, dass ich dort nicht selbst dabei war.

Also hier auch mein Aufruf an die Deutschen Komilitonen: Ihr seht, was alles möglich ist. Probiert es an euren Unis auch, und lasst nicht locker. Man kann in unserer heutigen Gesellschaft noch etwas erreichen!!!!

 

Für weitere Fragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Weiterführende Links:

www.unibrennt.at