Schützenswertes Leben oder nur „Zellhaufen mit Potential“?
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Dieser Beitrag ist in leicht geänderter Fassung auch auf www.ekir.de erschienen.
Die drei aktuellen Gesetzesentwürfe zur PID:
Die Präimplantationsdiagnostik (PID) untersucht im Reagenzglas erzeugte Embryonen vor ihrer Einpflanzung in den Mutterleib. Selten werde im Bundestag eine Entscheidung von solcher ethischer Tragweite gefällt, betonte der Organisator der Veranstaltung Steve Henkel vom Bonner Konvent der Theologiestudierendenschaft der Evangelischen Kirche im Rheinland. Die Theologiestudierenschaft hatte gemeinsam mit dem Evangelischen Forum Bonn zu der von Professor Dr. Axel Dobbeler moderierten Podiumsdiskussion am vergangenen Donnerstag eingeladen.
Professor Dr. Hartmut Kreß, Ethiker an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Bonn, erläuterte, dass man vor der Implantation den Embryonen zwei Zellen entnehme und auf bestimmte genetische Abweichungen untersuche. Nur der Embryo, der keine Anomalien aufzeige, werde implantiert. Die anderen Embryonen sterben ab, so der Hochschullehrer. In drei aktuellen Gesetzesentwürfen geht es nach Darstellung von Kreß jeweils um das vollständige Verbot der PID, eine Zulassung in ganz engen Grenzen oder die kontrollierte Zulassung. Eine Neuordnung durch den Deutschen Bundestag ist nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom Juli 2010 nötig, weil es die Diagnostik mit dem geltenden Embryonenschutzgesetz für vereinbar erklärte.
Kein einheitliches christliches Menschenbild
Der Bonner Theologe Kreß sieht in der PID keine Verletzung der Menschenwürde und hält Kritikerinnen und Kritikern entgegen, dass der frühe Zeitpunkt für alle Beteiligten das geringste Leid verursache. Werde dagegen bei der Pränataldiagnostik (PND) eine Krankheit des Embryos festgestellt, so könne die Schwangerschaft noch nach zwölf Wochen abgebrochen werden.
Darüber hinaus verwies Kreß auf die unterschiedlichen Menschenbilder im Christentum: „Das eine christliche Menschenbild ist nicht existent“. Dieses Argument übergehe zudem nichtchristliche Bürgerinnen und Bürger. Gegen einen möglichen „Dammbruch“ sprächen die Erfahrungswerte aus anderen europäischen Ländern. Die PID sei überdies nur für Paare möglich, in deren Familien bereits schwerwiegende genetische Erkrankungen vorkämen.
Zustimmung fand Kreß bei Professor Dr. Hans van der Ven, Frauenarzt am Universitätsklinikum Bonn. Aus ärztlicher Sicht sei die PID unter engen Grenzen zu praktizieren, so der Mediziner. Doch auch in der Ärzteschaft herrsche Uneinigkeit. Van der Ven verwies auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Auch die werdenden Eltern sollten die Möglichkeit haben individuell zu entscheiden, ob sie ein schwerkrankes Kind versorgen könnten, das womöglich nur wenige Jahre alt werde.
Schwerwiegende Erkrankung als Grund für PID?
Die Bonner Krankenhaus-Seelsorgerin Agnes Franchy-Kruppa hielt dagegen, dass von einem Töten der Eizelle gesprochen werden müsse. Es ginge schon zu diesem Zeitpunkt um Leben und Tod. Mit der PID sei die Gesundheit nicht garantiert. Die Gesellschaft müsse dafür sensibilisiert werden, dass es kein Recht und keine Garantie auf Gesundheit gäbe, so die evangelische Pfarrerin. Die PID müsse unter einem Gesetz stehen, das Grenzen deutlich mache. Die Gesellschaft müsse wissen, dass es sich um eine Gewissensentscheidung handele. "Es bedarf auch der psychosozialen Beratung, nicht nur der ärztlichen", betonte die Theologin.
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katja Dörner befürwortete den Gesetzentwurf zur PID, der die Diagnostik nur bei Gefahr einer Todgeburt oder des Todes im ersten Lebensjahr vorsieht. Sie kritisierte am weitergehenden Gesetzesentwurf den Begriff der „schwerwiegenden Erkrankung“, die vorliegen müsse.
Ein Katalog dieser Erkrankungen kann nach Ansicht van der Vens von Ärzten nicht erstellt werden. Der Katalog wäre diskriminierend und könne sich jederzeit ändern, so der Mediziner. Er plädierte stattdessen für eine Ethikkommission, die über Einzelfälle entscheiden soll.

Eine Entwicklung
Bemerkenswert, dass anscheinend niemand die PID prinzipiell ablehnte. Wenn ich das richtig verstehe, war eine große (berechtigte) Skepsis zwar vorhanden, aber die Positionen waren doch unterschieden von der bisherigen Linie der EKD. Die erneute Diskussion über dieses Thema war längst überfällig.