Rezension: Das weiße Band
Vielleicht der Höhepunkt für den komplett in schwarz-weiß gehaltenen Film, der zwar bei den Oscars leer ausgegangen war, zuvor aber bereits unter anderem den Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes und den Golden Globe als „bester Nichtenglischsprachiger Film“ mit nach Hause nehmen durfte.
„Das Weiße Band“ spielt im fiktiven Eichwald, einem kleinen Dorf im Norden Deutschlands, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs. Die Bewohner des Dorfes sind größtenteils Arbeiter, die für das Gut des hiesigen Baron arbeiten, während die Kinder zur Schule des Ortes gehen, die von einem jungen Lehrer geleitet wird. Besonderes Ansehen unter den Dorfbewohnern genießt der protestantische Pfarrer, der, wegen seiner bestimmenden Autorität und ungnädig-unnachgiebigen Strenge, sowohl geachtet, als auch gefürchtet wird.
Darunter leiden besonders seine pubertierenden Kinder, die gegen die Ketten von Moral und Anstand zu rebellieren beginnen und von ihrem Vater selbst wegen geringer Vergehen aufs Schärfste gemaßregelt werden und zur Erinnerung an ihre ursprüngliche Reinheit, die es wiederherzustellen gilt, ein weißes Band umgebunden bekommen.
Als im Dorf erschreckende Verbrechen geschehen, die das Dorfgefüge auf die Probe stellen, wird aus dem, was als Suche nach dem Täter beginnt, bald ein Offenbarungseid dörflicher Strukturen, in denen Anstand und Überzeugung, Schein und Wirklichkeit sich krass gegenüber stehen.
Ein Film, wie er deutscher nicht sein könnte.
Wer die gesellschaftlich akzeptierte emotionale Kälte und Gewalt wahrnimmt, die sich hier im Kleinen vollzieht, weiß wie der Terror in Deutschland wachsen konnte, der in zwei Weltkriegen mündete. Eine Generation von Pfarrern, die im Namen Gottes den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, nicht weil sie von grundauf böse wären, sondern weil Amtsverständnis, gesellschaftliche Umstände und Verantwortungsgefühl es von ihnen erfordern. Grausamkeit, die sich in Wort und Tat äußert, legitimiert durch einen ideologisch gestützten Patriarchismus. Gerechtigkeit, die keinen Weg findet, weil sie für die, die ihr Wert beimessen, zur existenziellen Bedrohung werden kann.
Dennoch ist der Film keiner, der ausschließlich die Schützengräben von Verdun oder Hitlers Konzentrationslager im Blick hat, sondern sich gegen jede Form von Terror richtet, der aus Ideologie und Religion entsteht. Das ist vor allem Burkhard Klaußner zu verdanken, dessen beeindruckende, facettenreiche Darstellung des Pastors ihn trotz aller Härte dennoch menschlich, der Liebe fähig, wirken lässt.
Überhaupt ist die schauspielerische Leistung aller Beteiligten gar nicht hoch genug einzuschätzen. Vom Arzt (Rainer Bock), über die Hebamme (Susanne Lothar), bis hin zur Tochter des Pastors (Maria-Victoria Dragus) jagt ein schauspielerisches Glanzlicht das nächste.
Es wäre sicherlich zu hoch gegriffen „Das Weiße Band“ als besten Film der deutschen Nachkriegsgeschichte zu bezeichnen. Ein sehr guter Film ist er jedoch zweifelsohne und mit Sicherheit einer der Glanzpunkte des deutschen Kinos, der in puncto Kameraführung für den deutschsprachigen Raum neue Maßstäbe setzt. Die Art und Weise mit der er darüber hinaus im Ausland Aufsehen erregt hat, lässt hoffen, dass es mit dem deutschen Kino vielleicht mal wieder bergauf geht. Zeit dafür wärs.
