Religionsunterricht: Mehr als nur Mandala ausmalen

Unter diesem Motto stand heute das Gespräch am Seth-Stand in F7. Thematisiert wurden Art und Weise des Religionsunterrichts, der Beruf Religionslehrer, die Schüler und ihre Erwartungen und Anforderungen. Zu Gast war Pfarrer und Religionslehrer Michael Seibt. Die Gesprächsleitung übernahm Isabell Hoppe.

Mehr Infos

Michael Seibt ist zur Zeit Hochschulpfarrer in Tübingen. In seinem Lebenslauf führt er außerdem 20 Jahre lange Erfahrung als Gemeindepfarrer und zweieinhalb Jahre Vollzeit-Lehrer des Faches Religion mit sich. Zur Hälfte arbeitete er als Religionslehrer eines Gymnasiums, die andere Hälfte lehrte er in einer Waldorfschule.

Viele Klischees im Religionsunterricht: Religion als das Laberfach, das kein Schüler ernst nimmt. Die Noten werden hinterher geschmissen, im schlimmsten Fall malen die Schülerinnen und Schüler Mandala aus. Was wahr daran und was Vorurteil ist, darüber sprachen Theologiestudierende mit Herrn Seibt und wollten wissen wie der Schulalltag als Religionslehrer aussieht.
Er habe sich immer gefreut, wenn er zur ersten Stunde unterrichten durfte, erzählt Seibt, denn das „entlastet den Tag nach hinten“. Wenn die Schüler nach zwei Stunden Sport noch am Nachmittag die Schulbänke drücken müssen, dann ergäbe das eine beidseitige Belastung. Das waren die Punkte, an denen er an seine Grenzen gestoßen wäre. Konzentrierter Unterricht sei nicht mehr möglich gewesen. Es sei auf „Bespaßung“ hinausgelaufen, die zwar nicht im Mandala malen bestanden hätte, aber im Filme gucken. Laut Seibt dürfe Religionsunterricht jedoch auch nicht „zum Kino mutieren“, sondern die Analyse sei wichtig. Alltagsgeschichten seien das A und O, sodass die Schüler etwas fürs Leben lernten. Es stelle sich die Frage nach dem Stellenwert des Religionsunterrichts bei den Schülern. Für Seibt sind Ort und Zeit zwei wichtige Parameter. Auf einem kirchlichen Gymnasium habe das Fach Religion einen zentralen Stellenwert, anders als auf staatlichen Schulen. Zeitlich ändere sich der Stellenwert mit dem Alter. Während die Fünftklässler noch sehr motiviert und offen seien, ließe Konzentration und Freude am Lernen in der schwierigen, pubertären Phase stark ab. Zwei Drittel hätten dann mit Religion abgeschlossen. Seibt behalf sich mit der Abmachung, dass besagte Schüler anwesend sind und nicht stören. Trotzdem habe er die Motivationsversuche nicht aufgegeben.
Lehramtsstudent Julian Vußkrämper merkte an, SchülerInnen in diesem Alter hätten keine Lust theoretisch zu bleiben, sie interessiere die Praxis. Dem stimmte Seibt zu, die SchülerInnen seien in dieser Lebensphase schwer zu erreichen. Sie hätten vorgegebene Antworten auf Fragen wie „warum ist Jesus gestorben?“ – „Für unsere Sünden.“ Aber diese Antworten seien lebensfern und nicht selbst nachgefühlt. Die SchülerInnen orientierten sich nach dem, was der Lehrer wohl hören wolle. Gerade in der Entwicklungsphase der SchülerInnen, so Seibt, sei es enorm wichtig eine Entwicklung, auch in Glaube und Religion zu ermöglichen. Doch welche Themen erreichen die Schützlinge und wie kann Religionsunterricht tauglich werden, wollten Isabell Hoppe und Maike Dreesmann wissen. Christliche Themen, wie die Bedeutung der christlichen Feiertage, seien bei ihnen erst in der Oberstufe wieder angesprochen worden. Seibt behauptet, die Kinder interessierten lebensnahe, ethische Fragen wie die zur Sterbehilfe, Drogen oder Sekten, „bei biblischen Fragen steigen sie aus.“ Aber auch die sollten aufgenommen werden um damit Brücken zum Leben zu bauen. Die SchülerInnen sollten merken: „Das geht mich an.“ Es sei wichtig sich die Bibel anzueignen, zu differenzieren und kritisch zu fragen. Es ginge darum die SchülerInnen auf ihrem Weg vom Kindergottesdienstglauben weg zu begleiten. Dabei sei es wichtig nicht an den SchülerInnen zu „ziehen und zu zerren“, sondern zu warten bis sie nachfragen. Die Balance zwischen „führen und locker lassen“ müsse gefunden werden. ReligonslehrerInnen müssten managen und gleichzeitig einen humorvollen Umgang pflegen ohne die Zügel schweifen zu lassen. Dazu gehört die Wahrnehmung des/der SchülerIn von dem Lehrenden. Die Gesprächsleiterin wollte wissen, ob es für die SchülerInnen einen Unterschied mache, ob ein/e PfarrerIn vorne steht, oder ein/e LehrerIn. Seibt berichtet von einer schlechten Erfahrung, als er sich in seiner ersten Stunde als Pfarrer vorstellte. Das habe er danach nie wieder gemacht. Für PfarrerInnen bestehe die Schwierigkeit, dass sie zwar theologisch vollkommen fit seien, die pädagogische Ausbildung aber fehle. Vor einer Klasse zu stehen sei eine sehr große Herausforderung. Seibt persönlich könne sich das nicht für sein ganzes Leben vorstellen. Zuletzt empfiehlt er allen angehenden ReligionslehrerInnen vor allem eine gute Ausbildung: theologisch, didaktisch und pädagogisch. Das schaffe Sicherheit. Wichtig sei auch die Persönlichkeitsentwicklung. Wie man vor der Klasse auftrete werde von dieser sehr genau registriert. Außerdem solle man sich eigene Fehler eingestehen und darüber in Kommunikation mit KollegInnen treten. Austausch sei das A und O.
Auch wenn Religion kein korrekturintensives Fach ist: Dass ReligionslehrerIn zu sein durchaus seinen Anspruch hat, davon erzählte Hochschulpfarrer Michael Seibt auf dem evangelischen Kirchentag in Dresden.