Qumranforscher Kratz betont Unabhängigkeit und Seriosität der Forschung

Herr Kratz, sie sind Leiter der Abteilung für Qumranforschung im Institut für Spezialforschungen und des Langfristvorhabens "Hebräisches und aramäisches Lexikon über die Texte vom Toten Meer" der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Wie sind sie zur Forschung an den Qumrantexten gekommen?
Mit den Qumrantexten bin ich zum ersten Mal im Studium (in Zürich bei O. H. Steck) sowie im Zusammenhang mit meiner Dissertation über das Buch Daniel in Berührung gekommen. Für einen Alttestamentler sollte es sich aber ohnehin von selbst verstehen, daß er sich mit den Texten vom Toten Meer beschäftigt, die unmittelbar (biblische Handschriften) oder mittelbar (Apokryphen und Pseudepigraphen, Schriften der Gemeinschaft) in den Umkreis des Alten Testaments gehören. Das gilt umso mehr, als ich mich im besonderen für das Judentum in persischer und hellenistisch-römischer Zeit interessiere. So lag es nahe, daß mir nach der Emeritierung von Prof. Dr. Dr. Hartmut Stegemann, dem Begründer der Qumranforschungsstelle in Göttingen, die Leitung der Abteilung übertragen wurde, in der wir mittlerweile eine große Datenbank aufgebaut haben und außer dem Qumran-Lexikon weitere Projekte zu den biblischen Handschriften und zur Interpretation biblischer Schriften in den Texten vom Toten Meer angesiedelt sind.
Immer wieder hört man, in den Qumranschriften sei die Wahrheit über den historischen Jesus versteckt, aber der Vatikan sorge dafür, dass die Schriften unter Verschluss blieben? In der heutigen wissenschaftlichen Theologie spielt das allerdings keine Rolle. Woher kommt diese weit verbreitete These?
Die These wurde 1991 von Michael Baigent und Richard Leigh in ihrem Buch "Verschlußsache Jesus" (englischer Titel "The Dead Sea Scrolls Deception") in die Welt gesetzt, als sich die Publikation der Texte vom Toten Meer aus zufälligen Gründen persönlicher, fachlicher und technischer Art verzögerte. Die beiden Autoren des Bestsellers beriefen sich auf Robert Eisenmann, der in den Rollen vom Toten Meer Hinweise auf die frühen Christen finden wollte. Es ist aber mittlerweile schon mehrfach klargestellt worden, daß die These und die mit ihr verbundenen Verschwörungstheorien völlig haltlos sind. Vgl. H. Stegemann, Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus. Ein Sachbuch, Freiburg: Herder 1993; 10. Aufl. 2007; J. C. VanderKam, Einführung in die Qumranforschung. Geschichte und Bedeutung der Schriften vom Toten Meer, Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 1998.
Welche Chancen und Risiken sehen sie in der Digitalisierung der Texte durch eine Firma wie google?
Die Veröffentlichung sämtlicher alter und neuer Photos der Handschriften im Internet bietet die Chance des kostenlosen und bequemen Zugangs zu den im Israel Museum in Jerusalem gelagerten und hier kompetent konservierten Originalen für Forscher, Studierende und eine breite, interessierte Öffentlichkeit. Dies ist von Seiten der Forschung höchst erwünscht und könnte auch das öffentliche Interesse an diesen wichtigen Textzeugen des antiken Judentums wieder wecken. Andererseits gilt es zu bedenken und sorgsam abzuwägen, was es bedeutet, wenn das Material damit gleichzeitig einer kommerziellen Nutzung zur Verfügung gestellt wird. Entscheidend ist, daß - auch in der Präsentation des Materials - die Unabhängigkeit und Seriosität der Forschung gewahrt bleiben. Doch gehe ich davon aus, daß die Israel Antiquity Authority (IAA), die die Qumranfragmente verwaltet, dafür ganz sicher sorgen wird.

Wieso eigentlich ausgerechnet
Wieso eigentlich ausgerechnet Google?! Die Sache wird bestimmt wieder mal ein Fundus für Verschwörungstheorien, wie sie im Interview anklingen ...