Immer Ärger mit Bologna?

Prof. Dr. Christoph Markschies lehrt Ältere Kirchengeschichte, zunächst in Jena und Heidelberg, jetzt in Berlin und ist zur Zeit Präsident der Humboldt Unversität zu Berlin. Wir fragten ihn, welche Chancen aber auch Risiken er in der durch Bologna angestoßenen Umstrukturierung des Studiums der Evangelischen Theologie sieht und ob er dadurch Auswirkungen auf den Pfarrer/die PfarrerIn von morgen vermutet.

Auf die Frage, „welche Chancen, aber auch Risiken“ ich „in der durch Bologna angestoßenen Umstrukturierung des Studiums der Evangelischen Theologie“ sehe und welche „Auswirkungen auf den Pfarrer/die Pfarrerin von morgen“ ich vermute, muß ich zunächst mit einer kleinen Erzählung antworten, die ich (peinlich für einen Kirchenhistoriker …) nicht einmal eindeutig datieren kann. Irgendwann während meiner Assistentenzeit, also anfangs der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, fiel mir im Kellermagazin der Bibliothek des Tübinger Theologicums eine preußische Examensordnung in die Hände, die – wenn ich mich recht erinnere – rund hundert Jahre älter war, also vom Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts stammte. Ich blätterte darin und erschrak: Weder die Struktur der fünf Kernfächer (Altes und Neues Testa-ment, Kirchengeschichte, Systematische und Praktische Theologie) hatte sich gegenüber mei-nem Examen bei der Kurhessischen Kirche 1987 geändert noch die Anlage des ganzen Ex-amens mit Predigtarbeit, Katechese und mündlichen wie schriftlichen Prüfungen. Da war die Welt zweimal in einen Weltkrieg versunken, da hatten Aufbrüche wie die ökumenische Be-wegung das Gesicht des Christentums verändert und in den Großstädten Europas gab es längst die Religionen, die meine religionsgeschichtlichen Vorlesungen in Marburg, München und Tübingen noch als außereuropäische Phänomene darstellten. Einige Jahre später, da war ich schon Professor für Kirchengeschichte in Jena, hatte ich einen gehaltvollen Band über die „Grundlagen der theologischen Ausbildung und Fortbildung im Gespräch“ zu rezensieren, den im Auftrag der „Gemischten Kommission zur Reform des Theologiestudiums“ der Systematiker Eilert Herms und der (inzwischen gestorbene) kurhessische Ausbildungsreferent Werner Hassiepen herausgegeben hatten. Der Band dokumentierte den fünfjährigen Diskussi-onsprozeß über Empfehlungen dieser Kommission für das Theologiestudium, die zweite Aus-bildungsphase und die Pfarrerfortbildung, die bis in Terminologie stark von Eilert Herms geprägt waren; „theologische Kompetenz“ war eine der Schlüsselvokabeln. „Theologische Kompetenz“ wurde aber dort so definiert: „Aneignung des Wahrheitsgehaltes der in Geltung stehenden kirchlichen Lehre“. In meiner Rezension habe ich einige kritische Bemerkungen zu dieser Definition vorgetragen, aber mich merkwürdigerweise gar nicht gefragt, welche konkreten Folgen für das Theologiestudium diese Begrifflichkeit eigentlich hatte: Wurden seit 1988 die Studieninhalte, Veranstaltungstypen und Examensanforderungen der Landeskirchen bzw. Fakultäten von jenem Kompetenzbegriff her reformuliert? Ich erinnere mich an die Revision der Stoffpläne des kurhessischen Examens, die Einführung einer Zwischenprüfung und anderes mehr, auch an Debatten unter den kirchenhistorischen Kolleginnen und Kollegen, ob es vielleicht eine einführende Vorlesung über die ganze Kirchengeschichte in einem Semester geben müsse – aber ich erinnere mich an keine tiefgreifenden Reformdebatten über Studieninhalte und Studienformen aufgrund des Schlüsselbegriffs „theologische Kompetenz“. Damit tue ich sicher der „Gemischten Kommission“ Unrecht, beschreibe aber mindestens die Wirklichkeit in einigen Fakultäten, an denen ich gelehrt habe oder Kollegen kenne, zutreffend.

Hat sich der Zustand durch die Bologna-Reform geändert? Diskutieren wir nun mehr an den Fakultäten darüber, welche Konsequenzen für unsere klassische Disziplinenordnung, für die Inhalte und Typen von Lehrveranstaltungen und für das Examen die gewandelte Situation von Theologie, Kirche und Gesellschaft hat? Oder etikettieren wir einfach nur die klassischen Vorlesungen und Seminare um (statt der Vorlesung Kirchengeschichte I eben nun Grundkurs Kirchengeschichte der Antike), weil ohnehin alles im Zusammenhang der Bologna-Reform furchtbar viel Arbeit macht? Als die größte Chance der Bologna-Reform empfinde ich die Gelegenheit, noch einmal sehr gründlich die Inhalte und Strukturen des Studiums zu durch-mustern. Als größtes Risiko empfinde ich die Gefahr, dies aus Zeitmangel oder sonstwie be-gründeter Lustlosigkeit zu unterlassen. In der Kirchengeschichte besteht wahrscheinlich die größte Herausforderung der Reform darin, die auch in der sogenannten Profangeschichte längst vollzogene geographische Entgrenzung der Geschichtswissenschaft zu rezipieren. Wir bieten Kirchengeschichte immer noch meist nach dem Motto „Vom römischen Weltreich bis nach Berlin-Dahlem“ in Form einer beständigen lokalen Verengung: Spätestens ab dem Spätmittelalter ist die Versuchung groß, nur noch deutsche Kirchengeschichte mit ein paar wenigen Blicken auf Frankreich und England zu lesen – dann wissen aber die Studierenden nichts von der amerikanischen Kirchengeschichte, nichts von den Christentümern Südameri-kas, die gegenwärtig expotential wachsen und unsere Reden von einer schrumpfenden Kirche korrigieren könnten. Wie also ohne Verlust an Substanz und ohne zusätzliche Lehrveranstal-tungen eine Kirchengeschichte in Zeiten der Globalisierung anbieten – diese Frage lohnte die Diskussion, umzusetzen sind Antworten sicher nicht sehr leicht.
Viele Fehler der Bologna-Reform, die andere Fachgebiete gemacht haben, konnten vermieden werden: Ich bin glücklich darüber, daß es gelungen ist, den Master als normalen Studienab-schluß für die evangelische Theologie festzuhalten und würde meinerseits auch alles daran setzen, daß der Bachelor hier (wie auch in anderen Fächern) weiterhin eher den Status einer Zwischenprüfung behält; ich bin glücklich darüber, daß der seit Jahrzehnten immer wieder aufflackernden Versuchung, die drei alten Sprachen zurückzudrängen, nicht nachgegeben wurde: Pfarrerinnen und Pfarrer dürfen keine second-hand-Zugänge zur Heiligen Schrift ha-ben. Ich ahne aus meinen Erfahrungen als Universitätspräsident (ich versuche gerade, Gesprä-che mit allen Fachschaften zu führen), daß es an den einzelnen Fakultäten und kirchlichen Hochschulen nicht nur gelungene, sondern wahrscheinlich auch weniger gelungene und im Einzelfall sogar mißlungene Ordnungen gibt, die im Zusammenhang der Bologna-Reform entstanden sind – da helfen die allgemeinen Forderungen nach mehr Freiraum für individuelle Akzente, nach Reduzierung des Workloads und Ausdünnung der Prüfungen natürlich nur begrenzt, da müssen Studierende und Dozierende einfach nur gemeinsam an die Revision der Ordnungen gehen.

Deutsche Universitätspolitik ist leider immer wieder durch einen abrupten Wechsel von mes-sianischen Verheißungen und apokalyptischen Untergangsparolen gekennzeichnet: Ich glaube nicht, daß die Bologna-Reform eine quasi-messianische Bewegung zur Korrektur aller Fehler des deutschen Systems ist und mißtraue seit langem entsprechenden Erklärungen von Minis-tern und Kollegen in der Hochschulrektorenkonferenz. Umgekehrt kann ich freilich auch die Untergangspropheten kaum ertragen, die das Humboldtsche Universitätsideal nunmehr dahin-siechen sehen oder gar für tot erklären. Es gilt doch beides: Angesichts der hohen Abbrecher-quoten, der teilweise stark antiquierten Studienstrukturen und der mangelnden europäischen Vergleichbarkeit brauchten wir eine Reform; angesichts der deutlich erkennbaren Patzereien in vielen Studienordnungen brauchen wir aber auch eine Reform dieser Reform.

Welche Auswirkungen die Reform „auf den Pfarrer/die Pfarrerin von morgen“ haben wird, ist natürlich heute nur schwer zu prognostizieren. Bleiben die schlechten Studienordnungen schlecht, werden Theologiestudierende beispielsweise mit Wissen überfüttert, kommen nicht zur kritischen Reflexion, haben keine Zeit mehr, mal beim Studium in Rom zu sehen, wie die Kirche der Waldenser funktioniert, oder in Jerusalem, wie der Konflikt im Nahen Osten zu-nehmend ein Religionskonflikt wird, dann fürchte ich mich vor den Folgen – wir würden dann unsere Studierenden so ausbilden, daß sie angesichts der gewaltigen Herausforderungen, die auf die Pfarrerinnen und Pfarrer zukommen, nicht ausreichend vorbereitet sind. Aber es kann natürlich auch ganz anders kommen: Gute Studienordnungen enthalten interdisziplinär aufgeweitete Module, die ein früher häufig als fragmentiert erlebtes Studium nun runder er-scheinen lassen, beispielsweise die Exegese und die praktische Theologie enger miteinander ins Gespräch bringen und dieses Geschäft nicht nur Examenskandidaten zuweisen. Mit ande-ren Worten: Der Ausgang ist noch offen und Einiges dafür zu tun, daß es gut ausgeht.

 

 

Die DREI alten Sprachen DER BIBEL

*sich am Kopf kratz*  Welcher Teil der Bibel ist denn in Latein (Wenn man mal von Übersetzungen ins Lateinische absieht)?

Warum wird die beständige

Warum wird die beständige Nicht-Reform eigentlich immer als behutsame Reform verkauft? Die Mini-Änderungen sind doch keine Reformen ...

Und warum will man eine individuelle Studiengestaltung, schafft aber keine Abschlussprüfungen, die dieser Tatsache individueller Studienverläufe Rechnung trägt?