Ich hätte heute manchmal gut Lust als Pfarrerin zu arbeiten - Katrin Göring-Eckardt im Interview

Katrin Göring-Eckardt wurde in Friedrichsroda geboren und hat in Leipzig studiert. Über das Bündnis `90 kam Katrin Göring-Eckardt zur Zeit der Wende zu den GRÜNEN und war dort für Gesundheits- und Rentenpolitik zuständig, bevor sie Fraktionsvorsitzende wurde. Heute mischt sie mit in Politik und Kirche. Steve Henkel traf sie zum Interview in Berlin.


Politikerin bei Bündnis 90/Die Grünen und 2009–2015 Präses der Synode der EKD.

Frau Göring-Eckardt, sie sind einerseits Grünenpolitikerin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Anderseits Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zugleich Mitglied des Rates der EKD und Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Wie schaffen sie den ständigen Wechsel zwischen diesen beiden Welten hinzubekommen?

Ich schaffe das gar nicht, sondern ich habe um mich herum ein Team von engagierten Menschen, sowohl im Bundestag, in meinem Wahlkreis, beim Kirchentag und natürlich auch im Synodenbüro der EKD - und nur so kann das auch funktionieren. Ansonsten bleibe ich immer ein und derselbe Mensch und verwandle mich nicht als Mensch, aber schaue natürlich danach, was ich in welcher Funktion sage oder tue. 

Das heißt, man kann und muss die Ämter auch trennen voneinander?

Ja, na klar. Man kann und muss die Ämter trennen. Das soll so sein, das muss so sein und das ist natürlich auch gut so.

Die Haltung beider Kirchen zur Atomkraft ist klar ablehnend. Was denken sie, wie kann die Kirche den Atomausstieg unterstützen, ohne parteipolitisch oder im Wahlkampf instrumentalisiert zu werden?

Ich glaube nicht, dass sich Kirchen instrumentalisieren lassen. Es geht hier ja um Nachhaltigkeit. Es geht um Verantwortung vor Gottes Schöpfung. Es geht um die Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten. Das hat insbesondere die evangelische Kirche schon sehr lange klar und intensiv deutlich gemacht in vielen Verlautbarungen, Beschlüssen von Synoden - auch der EKD-Synode. Insofern hat es nichts mit Wahlkampf oder Unterstützung für eine Partei zu tun, sondern es hat damit zu tun, dass wir eine Technologie ablehnen, die wir nicht für verantwortbar halten. Hier geht es um die Bewahrung der Schöpfung und hier geht es um das, was Menschen können und was sie eben nicht können.

Was Christinnen und Christen immer wieder in einen Gewissenskonflikt führt ist die Frage nach Krieg und Frieden. Das war sicher so bei Afghanistan und die Frage stellt sich nun wieder so bei Libyen. Würden sie sagen, dass es soetwas wie einen gerechten Krieg, also einen Krieg für eine gute Sache geben kann?

Einen gerechten Krieg oder einen Krieg für eine gute Sache, das sind für meine Begriffe nicht die Worte oder Beschreibungen, mit denen man zum Ausdruck bringen kann, worum es da geht. Natürlich sind wir immer wieder in einem Dilemma, einerseits die Menschenrechte zu verteidigen und auch durchzusetzen, besonders in sehr, sehr schwierigen menschenrechtlichen Situationen, besonders dann, wenn uns diejenigen, die bedroht sind, diejenigen, die unterdrückt sind, diejenigen, die unter der Mißachtung der Menschenrechte leiden, darum bitten - das ist im Fall Libyen unter anderem auch der Fall gewesen - gleichzeitig sind wir in einem Dilemma, da wir wissen, dass militärische Einsätze nicht zu friedlichen Verhältnissen führen und dass sie nur kurzfristig ggf. helfen können, dass wir immer wissen oder besser, dass wir immer NICHT wissen, muss man eher sagen, ob sie in dieser Situation tatsächlich sinnvoll sind. Sodass wir immer nur hoffen können, immer nur sagen können: Ja, mehrheitlich bin ich selbst der Meinung, dass es gut ist, oder eben auch nicht. Mehrheitlich sage ich, an einer anderen Stelle ist es nicht sinvoll. Wissen tut man das im Vorhinein in aller Regel nicht. Wir sind da als Christinnen und Christen, auch als Politikerinnen und Politiker ganz oft in einer Dilemmasituation, auch weil wir natürlich wissen, man hätte früher ansetzen können, man hätte früher mit den richtigen Maßnahmen, mit zivilen Maßnahmen viel mehr erreiche können. Aber davon kann natürlich jemand, der JETZT unter Bedrückung lebt, der JETZT in bürgerkriegsähnlichen Situationen lebt, nichts anfangen, wenn wir sagen, wenn wir früher etwas gemacht hätten, wäre es besser gewesen. Insofern eine klassische Dilemmasituation, wo man nicht nach A oder B, schwarz oder weiß entscheiden kann. 

Sie haben nicht etwa, wie viele ihrer politischen Kollegen, Politikwissenschaft oder Jura studiert sondern Theologie. Inwiefern war das für sie hilfreich bei ihrer politischen Arbeit?

Auch Theologie habe ich nicht nicht zu Ende studiert - ich bin sozusagen beruflich "nichts". Ob das hilfreich war oder nicht kann ich nicht wirklich beantworten, aber ich sage mal, das Theologiestudium hat mich, weil es ein geisteswissenschaftliches Studium ist, deswegen immer geleitet, weil ich wusste, dass man in die Sachen hineinkriechen muss, dass man sie von der einen und von der anderen Seite betrachten kann und muss, dass man Zusammenhänge einordnen muss etc. Natürlich hat mir das Theologiestudium auch geholfen, weil es die Verankerung in der heiligen Schrift bedeutet hat, weil es die Möglichkeit gegeben hat, einen Wertekanon im Kontext selbst zu entwickeln, der mir als Politikerin hilft.

Können Sie ein Beispiel nennen, wo der Glaube Ihre politische Entscheidung beeinflusst oder bestimmt hat?

Ich kann viele Beispiele nennen: Er tut es natürlich immer, auch wenn man nicht Politik mit der Bergpredigt machen kann, weil da nicht steht, wie man über den Bundesverkehrswegeplan abzustimmen hätte. Trotzdem bin ich ein gläubiger Mensch und schon allein deswegen ist es so, dass meine politischen Entscheidungen davon bestimmt werden. Natürlich ist es dann besonders in Fragen, die sehr wichtig sind - so etwas wie Krieg und Frieden, ethische Fragen. Da gibt es eine besondere Verbindung zu der Politikerin, die auch ein gläubiger Mensch ist. Trotzdem: Auch in solchen Fragen - nehmen wir die Stammzellforschung oder nehmen wir die Präimplantationsdiagnostik- kann man nicht sagen: Christen! Ihr müsst jetzt für Gesetzesentwurf A oder B stimmen. Auch da entscheiden sich freie Christenmenschen unterschiedlich.

Bereuen sie es, nicht Pfarrerin geworden zu sein, oder war das überhaupt ihre Absicht, Pfarrerin werden?

Es war nicht meine Absicht und bedaure es manchmal, dass ich es nicht geworden bin. Meine Absicht war es Lehrerin zu werden und das ging nicht in der DDR - aus unterschiedlichen Gründen. Deswegen habe ich dann als Ausweich, wie so manche Theologie studiert, in der Hoffnung, dass ich dann irgendwas lehrerinnenmäßiges machen könnte innerhalb unserer Kirche. Dazu ist es nicht gekommen, sondern es hat mich irgendwie in die Politik geschwemmt und trotzdem hätte ich heute manchmal gut Lust als Pfarrerin zu arbeiten. Jedenfalls ist das ein wunderbarer Beruf. Ich beneide diejenigen, die das sind auch sehr darum.

Der EKD-Reformprozess legt großen Wert auf qualifizierte Pfarrerinnen und Pfarrer. Wenn Sie sich ihren Wunschpfarrer bauen dürften: Was müsste er oder sie können?

Mmmhh.. (lacht) Ein Wunschpfarrer oder Wunschpfarrerin? Also, ich glaube das Entscheidende ist, dass er so redet, dass die Menschen von Gott berührt sind. Das Entscheidende ist, dass sie so sprechen können, dass Gottesbegegnung möglich wird. Das Entscheidende ist, dass ein Pfarrer, eine Pfarrerin das Leid und den Trost verbindet im Leben, die Freude und die Glückseligkeit zum Ausdruck bringen kann, sehen kann und gleichzeitig auf das Eigentliche hinweist. Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer muss nicht Bauherr sein können und auch einiges Andere nicht, aber er oder sie muss natürlich gleichzeitig jemand sein, der gutes Management gelernt hat (das ist auch eine wichtige Frage an die Ausbildung, gerade in Zukunft). Und es muss einfach ein Mensch sein, der das, was wir im Reformprozess jetzt machen auch als etwas verstehen kann, was auch wirklich eine geistliche Aufgabe ist. Aus zwei Gründen: Erstens, wenn sich Kirche reformiert - das wissen wir als Protestanten, dann ist das eine geistliche Angelegenheit. Und zweitens, wenn wir es nicht als eine inhaltliche Frage sehen können, wie sich unsere Institution verändert, dann wird das sonst niemand in der Gesellschaft können. Das wir da Vorbild wären, würde ich mir jedenfalls wünschen.

Meinen sie dem wird die theologische Ausbildung an den Universitäten und kirchlichen Hochschulen gerecht?

Ich weiß darüber zu wenig, um ausreichend darüber zu meckern, aber gleichzeitig begegnen mir natürlich vor allem immer wieder Defizite. Ich glaube vor allem kommt es darauf an, dass wir eine Ausbildung haben, die mit dem Leben und dem Arbeiten als Pfarrerinnen und Pfarrer stärker zu tun hat als das heute der Fall ist - ohne (!) dabei den wissenschaftlichen Anspruch zu vernachlässigen. Ich glaube beides gehört zusammen und würde mir vor allem von den Lehrenden wünschen, dass sie eine starke Verbindung haben zu ihrer Kirche - gerne auch eine kritische - aber eben tatsächlich auch eine Innenbeziehung haben und nicht nur eine Außenbeziehung. Denn das ganze wird - auch die Reformanstrengungen unserer Kirche, auch die Frage, ob wir das Evangelium leuchtend verkündigen können - davon abhängen, ob wir da tatsächlich zusammen arbeiten und nicht die eine Institution Hochschule und die andere Institution Kirche als zwei verschiedene Dinge verstehen. Es sind unterschiedliche Dinge, aber sie gehören untrennbar zusammen, wie zwei Seiten einer Medaillie.

Man kann immer wieder lesen, dass Sie Beruf und Familie so gut zusammen bringen und sie haben auch ein Buch über die Familie geschrieben. Wie lautet Ihr Rezepttipp für die künftigen Pfarrerinnen und Pfarrer, die auch immer wieder vor dem Problem stehen beide Bereiche am geschicktesten zusammenzubringen?

Also erstens fragen sie meine Familie, ob sie das bestätigen kann oder nicht, Ich weiß nicht, die Antworten würden womöglich unterschiedlich ausfallen. Es gibt kein Rezept, sondern es gibt nur eine Idee. Die Idee heißt: beides zusammen geht und man muss es sich trauen. Es muss jeder und jede tun, wie es für sie oder ihn gut ist. Man muss sich Unterstützung holen und auch das Gefühl haben, dass man die haben darf. Man muss nicht alles alleine schaffen. Und man muss unterscheiden, was jetzt wirklich wichtig ist, was nicht wichtig ist. Ich habe manche Bundestagssitzung verpasst, weil eine Theateraufführung an der Schule war und meine Kinder haben manchmal auf mich verzichtet, weil sie immer wussten, wenn es wichtig wird ist man da. Die sind ganz gut selbstständig geworden dabei und auch ganz tüchtige Menschen. Gleichzeitig weiß ich, dass es auch schwierig ist: es ist auch manchmal mit Sehnsucht verbunden, es ist auch manchmal mit Anstrengung verbunden. Das sollte man schlicht und ergreifend auch dazu sagen. Also kein Rezept, aber trauen kann man es sich schon. Denn dann darf man sich auch trauen Freunde zu fragen oder auch die Großmutter in der Gemeinde, ob sie nicht bei dem einen oder anderen mithelfen kann. Das ist kein Verbrechen, das ist heute ganz normal und wird wahrscheinlich eher Freude als Abweisung auslösen.