Ein Tag, ein Thema: Studientag in Münster

"Schuld und Verantwortung" war der heutige Studientag in Münster überschrieben, ein Thema, das zum Buß- und Bettag passt, wie kein zweites. Aber auch ein Thema, das in seiner Breite an einem Tag nicht annähernd erschöpft werden konnte. Aber das war vielleicht auch nicht Sinn der Sache.

Dass Studierende selbst Seminare und Lehrveranstaltungen organisieren ist spätestens seit den Studierendenprotesten der letzten Jahre als beliebte Protestform bekannt. Aber in diese Reihe passt er nicht, der Studientag der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Münster. Von der Fachschaft organisiert gibt es jährlich einen Studientag, der nicht alternativ zum regulären Curriculum stattfindet, sondern dieses ergänzen soll. Hochkarätige Gäste und ein ausgewogenes Tagesprogramm sorgen dafür, dass mancher Dozent seine Lehrveranstaltung dafür gerne einmal ausfallen lässt und manche Dozentin sich sogar bereitwillig an der Durchführung beteiligt.
Der Tag wurde mit einem Gottesdienst in der Universitätskirche eröffnet, der von der Fachschaft Ev. Theologie Mpnster, organisiert wurde: eine Band statt Orgel, ein Student als Prediger - ein gewöhnlicher Gemeindegottesdienst war es nicht, aber auch keine völlig abgedrehte Veranstaltung. Ausgehend vom Ausspruch Johannes des Täufers zu Beginn des Markusevangeliums "Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15) wurde die Frage erörtert, was das eigentlich ist, Buße. Am Beispiel der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika machte die Predigt von Moritz Gräper deutlich: Bei der Buße kommt es nicht darauf an, das eine bestimmte Strafe abgeleistet wird. Buße, das bedeutet, dass eine Chance zur Umkehr eröffnet wird. Aber nicht, dass man einfach zurückgeht zu dem, was vorher war: Das Stichwort heißt 360°-Buße: Zunächst zurückschauen auf die Schuld, auf das, was war, aber dann auch wieder nach vorne gucken, neue Perspektiven für die Zukunft entwickeln.
Die Podiumsdiskussion am Nachmittag zum Thema "Schuld und Verantwortung" war breit besetzt: Ein Gefängnisseelsorger saß neben einem Juristen, ein Wirtschaftswissenschaftler neben einem Militärseelsorger. Zu breit vielleicht für zwei Stunden Diskussion. Wer trägt die Verantwortung für die Finanzkrise? Ist ein Soldat, der im Afghanistan für den Tod eines Menschen verantwortlich wird schuld? Welche Schuld tragen eigentlich wir, wenn die Bundeswehr in Krisengebieten in Konflikte gerät? Wie geht man seelsorgerlich mit schuldig gesprochenen Verbrechern im Gefängnis um? Inwiefern ist mein Bankberater schuld, wenn meine Anlagen Verluste bringen? Sehr viele sehr unterschiedliche Fragen kamen auf, die abschließend zu klären nicht nur eine zweistündige Podiumsdiskussion gesprengt hätte. Aber ein Blick in die Gesichter der anwesenden Studenten und Dozenten machte deutlich: Man hätte gerne noch weiter diskutiert. Nicht nur, weil Buß- und Bettag ist; das Thema ist relevant: Für jeden persönlich, für die Gesellschaft und nicht zuletzt für die Theologie.
Einige Fragen aus der Podiumsdiskussion konnten dann in Workshops noch weiter vertieft werden: Dr. Werner Weinholt, persönlicher Referent des Evangelischen Militärbischofs stand, unterstützt vom Münsterer Militärpfarrer Ulrich Höltershinken zu Gesprächen unter der Überschrift "Schuld und Verantwortung in Grenzsituationen" zur Verfügung. Im zweiten Workshop unter der Leitung des Gefängnisseelsorgers der JVA Münster, Dieter Wever, ging es um "Erfahrungen mit Schuld und Scham in der Gefängnisseelsorge". Ein dritter Workshop, der von der Theologin Prof. Dr. Christina Hoegen-Rohls (Fakultät Münster) zu "Schuld und Verantwortung in biblischer Perspektive" vorbereitet worden war musste auf Grund der geringen Teilnehmerzahl leider ausfallen.

 Was ist eigentlich schuld? Wo fängt Verantwortung an, wo hört sie auf? Und dieses Reden von Buße, ist das überhaupt noch zeitgemäß? Sagt uns Eure Meinung!