Die religiöse Pluralisierung als Chance und Herausforderung
Ein Kommentar zu den jüngsten Empfehlungen des Wissenschaftsrats.
In der akademischen Theologie waren sie mit banger Sorge erwartet worden. Droht nun eine neue Debatte um Status und Bestand der theologischen Fakultäten in Deutschland, oder wird gar zum Generalangriff auf die Stellung der Theologie an den staatlichen Universitäten geblasen? Am 1. Februar 2010 hat der Wissenschaftsrat seine „Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen“ vorgelegt – und plötzlich ist aus dem befürchteten Gegenwind ein erfrischender Aufwind geworden.
Die fortschreitende Pluralisierung des religiösen Feldes und die forcierte Wiederkehr der Religionen in den öffentlichen Raum lassen den Bedarf an theologisch geschulter ‘Religionsdeutungskompetenz’ wachsen. Die blassen Religionswissenschaften sind mit dieser Aufgabe überfordert. Vielmehr müssen die Religionen ihre Überlieferungen und Traditionsbestände selbst in Arbeit nehmen, um sich auf die Bedingungen einer pluralen Gesellschaft einzustellen und die eigenen Anliegen im öffentlichen Diskurs – non vi, sed verbo – zur Sprache zu bringen.
Der Wissenschaftsrat hat aus dieser Einsicht die fälligen Konsequenzen gezogen. Er empfiehlt zunächst, universitäre Einrichtungen für Islamische Studien zu etablieren und die vorhandenen Lehrstühle für Jüdische Studien und Religionswissenschaft aus den theologischen Fakultäten auszugliedern und zu selbständigen Instituten auszubauen. Beide Vorschläge sind rückhaltlos zu begrüßen. Nicht zuletzt profitieren davon die theologischen Fakultäten und Institute selbst. Denn zum einen wird so die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Religion auf eine breitere Grundlage gestellt, zum anderen verbietet es sich, den Ausbau nichtchristlicher Institute auf Kosten der christlichen Theologien in Angriff zu nehmen. Der Wissenschaftsrat redet hier nicht um den heißen Brei herum und fordert ausdrücklich „zusätzliche finanzielle Ressourcen“.
Die religiöse Pluralisierungsdynamik führt also keineswegs zu einer Marginalisierung der christlichen Theologien – ganz im Gegenteil: Sie erfahren einen überraschenden Bedeutungszuwachs. Freilich sind damit zugleich neue Aufgaben und Herausforderungen verbunden. Für die theologischen Fakultäten bedeutet das, alte Zöpfe abschneiden und die traditionelle Binnenstruktur umbilden zu müssen. Auch das hat der Wissenschaftsrat unmissverständlich deutlich gemacht. Er schreibt den Fakultäten die Aufgabe einer stärkeren Profilbildung ins Stammbuch und fordert sie dazu auf, sich stärker als bisher an fakultätsübergreifenden interdisziplinären Forschungsprojekten zu beteiligen.
Was das letztere betrifft: Gut gebrüllt, Löwe! Allerdings sollte über die durchaus berechtigte Forderung nicht vergessen werden, dass noch nicht bei allen geeigneten Forschungspartnern, Hochschulleitungen und Förderorganisationen ein entsprechendes Verständnis für die Herausforderungen der neuen religionspolitischen Gesamtlage gereift ist. Was das erstere betrifft: Die Aufgabe einer stärkeren Profilbildung ist in der Tat unabweisbar. Zwar liegt hier der Keim für harte Auseinandersetzungen innerhalb der Fakultäten. Der bequeme Weg jedoch, alles irgendwie gleich wichtig zu finden, um solchen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, befördert nur das desaströse Nebeneinander der theologischen Disziplinen und erschwert es, sich zur Ausarbeitung innovativer Fragestellungen und Perspektiven zusammenzufinden. Wie immer solche Profilbildungen dann auch ausfallen mögen: Es erscheint doch unumgänglich, dass sich die Gewichte dabei insgesamt von den historisch-exegetischen auf die systematisch-gegenwartsorientierten Fächer verlagern.
Das besondere Augenmerk des Wissenschaftsrates gilt schließlich den für die gymnasiale Lehrerausbildung zuständigen theologischen Instituten. In wohltuender Klarheit wendet er sich gegen die noch immer anzutreffende realitätsblinde Klerikerarroganz gegenüber den vermeintlichen ‘Schmalspurtheologen’. Gerade die Religionslehrerinnen und Religionslehrer stehen vor der anspruchsvollen Aufgabe, im säkular-religionspluralen Raum der Schule den christlichen Glauben persönlich überzeugend und inhaltlich kompetent zu vertreten. Die Bedeutung ihrer Arbeit für die fortdauernde Präsenz des Christentums in der Gesellschaft kann kaum überschätzt werden. Entsprechend hohe Anforderungen sind daher an die theologische Lehramtsausbildung zu stellen. Aus diesem Grund empfiehlt der Wissenschaftsrat, die Ausstattung der theologischen Institute auf mindestens fünf Professuren anzuheben und die bestehenden Kooperationen zwischen Fakultäten und Instituten zu intensivieren. Nicht zuletzt angesichts der drohenden Modulinflation durch die Einführung der neuen BA/ME-Lehramtstudiengänge sind diese Vorschläge mit allem Nachdruck zu begrüßen.
Alles in allem bleibt also nur zu hoffen, dass sich die Politik von den Empfehlungen ihres eigenen Beratungsgremiums zum Handeln auffordern lässt.
