Die Fakultäten schotten sich ab

Fakultätentag – Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) geht auf kritische Distanz zu bestimmten freikirchlich-theologischen Ausbildungsstätten in Deutschland und antwortet damit auf ein Empfehlungsschreiben des Wissenschaftsrats zur theologischen Ausbildung an den staatlichen Fakultäten.

Der Wissenschaftsrat hat in seinen „Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen“ vom 29. Januar 2010 eine allgemeine Bestandsaufnahme der theologischen Ausbildung in Deutschland vorgenommen und hat zugleich Empfehlungen für die Theologischen Fakultäten und Kirchlichen Hochschulen ausgesprochen. Die Ausbildungsstätten in Elstal (baptistisch) und Reutlingen (methodistisch), sowie die evangelikaler Prägung in Gießen und Tabor wurden dabei auch in knapper Form erwähnt. Alle diese Ausbildungsstätten wurden in den letzten Jahren durch den Wissenschaftsrat institutionell als Fachhochschulen akkreditiert.

Die Kirchenkonferenz der EKD hat auf ihrer Sitzung am 24. und 25. März 2010 eine Auswertung dieser Empfehlungen beschlossen. Diesem Auswertungspapier liegt die Arbeit des Kontaktausschusses zwischen dem Rat der EKD und dem Evangelisch-Theologischen Fakultätentag (E-TFT) zu Grunde. Die Kirchenkonferenz hat das Papier des Wissenschaftsrats nun genutzt um eine generelle Distanzierung zu diesen freikirchlichen und evangelikal geprägten Ausbildungsstätten vorzunehmen: „Die vom Wissenschaftsrat […] implizit vorgenommene Abgrenzung der universitären Theologie von der eng fokussierten Theologie an theologischen Ausbildungsstätten in freikirchlicher Trägerschaft oder mit evangelikaler Prägung ist bei der Bewertung und Anerkennung von Studienleistungen dieser Einrichtungen zugrunde zu legen und in ihren unabweisbaren Konsequenzen restriktiv zu verfolgen.“

Aus dem E-TFT ist bisher inoffiziell zu hören, dass diese „unabweisbare Konsequenz“ künftig eine strikte Ablehnung von Studienleistungen durch die Fakultäten umfasst, die an den oben genannten Ausbildungsstätten erbracht wurden. Ein bereits jetzt schon häufig praktizierter Wechsel von freikirchlichen und evangelikalen Student_innen an die etablierten Fakultäten um dort das Studium fortzusetzen, wird dann nicht mehr möglich werden, bzw. nur durch konkrete Kooperationen zwischen einzelnen Hochschulen möglich sein (z.B wie es jetzt schon eine zwischen dem Theologischen Seminar Elstal und der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin gibt). Gravierender aber noch wird die, wie es aus Kreisen des E-TFT heißt, konsequente Ablehnung von Promotionsvorhaben durch die Fakultäten sein. Da die genannten Ausbildungsstätten selbst kein Promotions- und Habilitationsrecht besitzen, haben sie keine Möglichkeit mehr ihre eigenen Absolvent_innen in Deutschland  wissenschaftlich weiterzuqualifizieren und werden wohl wieder in den angelsächsischen Raum ausweichen müssen.

Letztlich wird durch diese neue Abgrenzungspolitik der EKD auch deutlich, warum das Kirchenamt der EKD seit geraumer Zeit den Studierendenrat Evangelische Theologie (SETh) darum gebeten hat, sein Vorhaben noch aufzuschieben, mit den Student_innenvertretungen der Fachhochschulen in Elstal, Reutlingen, Friedensau und evtl. auch Gießen Kontakt aufzunehmen um eine Zusammenarbeit auszuloten.

Die aktuelle Politik von EKD und E-TFT verhindert langfristige Anschlussmöglichkeiten für freikirchliche Ausbildungsstätten an die etablierte wissenschaftliche Theologie. Dies ist umso erstaunlicher, da gerade von Seiten der Fakultäten seit vielen Jahren der Vorwurf der fehlenden Wissenschaftlichkeit dieser Ausbildungsstätten geäußert wurde und diese sich deshalb explizit um Anschluss an die von den Fakultäten betriebene wissenschaftliche Theologie bemühten.

 Sollte der SETh entgegen der Politik der EKD den Kontakt zu freikirchlichen Studierendenvertretungen suchen? | Diskutiere mit!

Erstaunlich?

Bild von Tim Wendorff

Hmm, ich bin nicht wirklich drin in der Materie, aber ist eine Abgrenzung der theologischen Fakultäten von solchen Ausbildungsstätten, denen sie fehlende Wissenschaftlichkeit attestieren tatsächlich erstaunlich? Es gibt nur zwei Möglichkeiten auf massiv unterschiedliche Standards in der Ausbildung zu reagieren. Eine Möglichkeit ist, gemeinsam mit jenen Ausbildungsstätten Konzepte zu erarbeiten, die Standards anzupassen. Wenn die Fakultäten (meines Erachtens und auch nach Meinung des Wissenschaftsrates zu Recht) an ihren wissenschaftlichen Ansprüchen festhalten, dann müssten sich die besagten anderen Institutionen auf sie zu bewegen. Tun sie das nicht ist eine Abgrenzung und Nicht-Anerkennung der an nicht ausreichend wissenschaftliche arbeitenden Einrichtungen erbrachten Studienleistungen die einzig logische Kosequenz.

Bleibt die Frage, wie sich die Kirchen und wie wir als Studierende uns dazu verhalten sollen. Meiner Meinung nach darf das nicht dazu führen, dass ein Dialog zwischen freikirchlichen und staatlich/landeskirchlich ausgebildeten Theologen in der Ausbildung nicht mehr stattfindet. Ob sich der SETh z.B. an eine solche Bitte der EKD hält oder trotz und vielleicht gerade auf Grund dieser Abgrenzung einen Dialog oder eine Kooperatiopn mit Studierenden besagter Einrichtungen anstrebt, müsste geklärt werden.

 

P.S.: Ich mag die Formation der Beiträge. Die Kombination von Name und Tags über dem Artikel gibt eine wunderbare Beschreibung von dir, Florian: Florian Kröhnke - evangelikal, freikirchlich... Komisch, ich hatte dich ganz anders kennen gelernt.

Ja, erstaunlich!

 

Ich finde diese Entwicklung insofern erstaunlich, alsdass sie gerade die Bestrebungen nach mehr Wissenschaftlichkeit und Anschluss an die etablierte Theologie dieser Ausbildungsstätten stark verhindert. In diesem Fall ist es m.E. egal, wie man zur evangelikalen Bewegung oder zu Freikirchen steht, aber es ist doch schwierig, wenn künftig z.B. die Baptist_innen ihren wissenschaftlichen Nachwuchs nicht mehr in Deutschland an den Fakultäten ausbilden können, sondern auf das Ausland ausweichen müssen. Auf der anderen Seite beschwert sich die EKD, dass es keine "traditionell" ausgebildete Theologie in diesen Ausbildungsstätten bisher gab. Das ist doch paradox. Reutlinger Theolog_innen könnten sich dann mit einem dort erbrachten Master nicht mehr in Tübingen promovieren, obwohl die Landeskirchen volle (!) Kirchengemeinschaft mit der Ev.-meth. Kirche haben. Ebenfalls könnte dies zum Beispiel für orthodoxe Theolog_innen gelten etc. (hier wird es wohl noch Klärungsbedarf geben). Ich denke, dass hier die Profilbildung in eine falsche Richtung läuft.

P.S.: Die Tags hatte ich ursprünglich auch anderes gesetzt (da muss wohl ein Schelm am Werke gewesen sein).

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Bild von Jan Ehlert

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