Das Kreuz mit dem Kreuz

Was haben Jürgen Fliege, ein Misthaufen, das Kreuz Christi und Harry Potter mit einander zu tun? Steve Henkel, Delegierter der rheinischen Theologiestudierenden in der Vollversammlung des SETh, kommentiert die aktuelle Sühnetoddebatte, die - beginnend im Rheinland - mittlerweile darüber hinaus ausgetragen wird.

Die aktuelle Ausgabe der „Chrismon“ hilft mir in den Start eines sonnigen Samstagmorgens. Gleich zweimal stolpere ich über rheinische Theologen, die meinen, man müsse sich jetzt endlich von dieser so gestrigen Sache mit dem Kreuz abwenden und zu einer „Frömmigkeit des dritten Jahrtausends“ übergehen. Ja, Jürgen Fliege meint sogar, dass seine Sünden der produktive Misthaufen seines Lebens seien, woraus ja auch etwas Gutes erwachsen könne und, dass er sie auf jeden Fall behalten und nicht etwa abgeben wolle.

Ein Waschbecken soll die Lösung sein.

Ich habe die rheinische Handreichung zur Kreuzestheologie gelesen und ich habe mich zu einer Diskussionsrunde nach Bad Godesberg aufgemacht um zu hören, was das Podium, und besonders Burkhard Müller, zu sagen hatten. Das Ergebnis war ernüchternd. Schließlich endete der Abend damit, dass Herr Müller auf die Frage, was er sich denn als Symbol für das Christentum, statt des Kreuzes wünsche sagte: „Ein Waschbecken! Für die Fußwaschung. Da ist doch alles gesagt.“ Die Fußwaschung als Zeichen gegenseitiger Zuwendung.  Ja, so kann man das sagen: Da ist alles gesagt.

Da sitze ich nun an meinem unaufgeräumten Schreibtisch und überlege, wie wohl das Christentum im dritten Jahrtausend aussehen könnte. Architektonisch müsste man in den Kirchen natürlich einiges verändern. Einen Altar bräuchte es dann nicht mehr. Den könnte man zugunsten eines sehr bunten, Freude ausstrahlenden Waschbeckens ersetzen. Viel besser wäre eigentlich ein Whirlpool, um dem neuen Christentum durch Hervorheben des Wellness-Charakters zu mehr Zulauf zu verhelfen. Sicher würde sich auch auf einer Empore oder in der Sakristei noch ein Plätzchen für Bruder Flieges Misthaufen finden, den könnten die Kindergottesdienstkinder dann immer schön harken und gießen, bis etwas Schönes draus wächst.

Die „Sünden“ und der Misthaufen des Lebens

Aber im Ernst: Ich stelle mir die Frage, wie es wohl aussieht mit unserer Kirche. Ob wir noch wissen worum es geht? Dieses Evangelium von dem immer alle reden, was soll das eigentlich sein?

Jürgen Fliege meint also, dass seine Sünde ganz ihm gehöre und dass sich daraus sogar noch etwas machen lasse - er bekomme das schon geregelt. Aber was meint Fliege denn mit Sünde? Ein fünfzehnjähriges Mädchen, das ohne Perspektive in einem Problembezirk aufwächst, schwanger wird, und schließlich der Liebe zu dem Kind wegen ihrem Leben eine neue Ausrichtung zu geben beginnt, indem es einen Schulabschluss macht und sich einen Job sucht? Das klingt ganz nach einem tollen Beispiel wie aus einem Misthaufen etwas Gutes aufwachsen kann! Nur, ist das Sünde? Vielleicht hat das Mädchen Schuld auf sich geladen, war unvorsichtig und ist leichtsinnig ein Risiko eingegangen, aber deshalb ist sie keine Sünderin. Denn Sünde, so lernt der Konfirmand (hoffentlich), ist die Trennung von Gott. Sünde ist, wenn ich mich in meinem Denken und Handeln immer weiter von Gott entferne und nicht mehr nach ihm frage. Weil mit Sünde eben nicht (unbedingt) eine bestimmte Tat sondern die Abwendung von meiner Beziehung zu Gott gemeint ist, kann ich dann auch kaum von einem fruchtbaren Misthaufen sprechen, aus dem ich noch etwas machen könnte. Hier komme ich nämlich nicht wieder heraus, ohne dass Gott sich mir zuwendet, ganz persönlich oder durch meinen Nächsten.

Das Problem, welches wir in unserer Kirche haben, ist doch nicht, dass wir von Sünde reden -oder reden müssen-, sondern wie wir von Sünde reden. Zu lange schon und noch heute wird Sünde als moralische Kategorie dargestellt, die sie nicht ist. Niemand möchte gern moralisch von einer Kirche, die alles besser weiß, zurecht gewiesen werden. Wenn dann noch die Repräsentanten dieser Kirche selbst moralisch fehlen, droht einer solchen Kirche - zurecht - schnell die Unglaubwürdigkeit. Wenn wir aber von Erfahrungen der Gottesferne reden und unser eigenes Leben dabei mit einbeziehen, dann können wir nicht nur glaubhaft reden, sondern werden auch ernst genommen und verstanden, weil das Erfahrungen sind, die alle Menschen machen. So kann jeder verstehen, was eigentlich Sünde ist, vielleicht kann man sagen, ganz großer Mist, aber sicher kein fruchtbarer Nährboden.

Liebender Gott und Panflötenmusik

Wenn ich die Gedanken Müllers in den Überschriften lese, dann möchte ich oft aufspringen und sagen: Recht hat er! Viel zu lange haben wir in der Kirche von der Sünde gesprochen, und – eben da liegt mein Problem – nur von der Sünde.

Viele Menschen, die heute in den Fünfzigern und darüber sind, kennen die Kirche als einen Ort, in dem nur von der Schlechtigkeit des Menschen gesprochen wird, ein Ort an dem man jeden Sonntag bekennt: „Ich armer, elender, sündiger Mensch…“. Bei Menschen, die Kirche so kennengelernt haben, ist - verständlicherweise - oft ein gespanntes Verhältnis zur Kirche und zur Sünde entstanden. Die einen sind alsbald aus dieser Kirche geflohen und ausgetreten oder einfach fern geblieben. Andere sind in die Theologie gegangen und standen ganz vorne mit dabei als der Muff aus den Talaren getrieben wurde und Sünde und Kreuz aus den Kirchen.

Ich hingegen bin in einer Kirche aufgewachsen, in der es nur einen „lieben“ Gott - Jesus, mein Freund mit dem flauschigen Bart - gibt und in der auf Familiengottesdiensten über „Swimmy den Fisch“ gepredigt wurde. Ich weiß nicht, was für eine Kirche sich diejenigen wünschen, die sich heute so gegen das Kreuz und die Rede von der Sünde wenden. Ich kann und will mir aber keine Kirche vorstellen, in der immer alles nett und kuschelig ist und in der als Höhepunkt des Gottesdienstes Frauen zwischen 40 und 50 mit gebatikten Kleidern zu Panflötenmusik um das Taufbecken tanzen - auch wenn Formenreichtum ein Teil unserer Kirche ist, auf den ich stolz bin.

Wovon wir endlich mal reden müssten.

Meine Kirche müsste davon reden können, dass es Schuld und Angst in der Welt gibt und dass der, den wir Christus nennen, diese auch erlebt hat und zwar bis zum Ende, weil er für uns in den Tod ging. Meine Kirche müsste aber auch davon reden, dass es dabei nicht blieb! Sondern, dass der Grund unseres Christseins natürlich im Jubel des Ostermorgens liegt. Beides ist konstitutiv für das Evangelium und unsere Kirche und vor allem - für uns Protestanten unerlässlich - ist es biblisch. Wenn Müller sagt, man lese zu oft den Opfergedanken in biblische Texte hinein, dann hat er damit recht. Er sollte aber auch nicht vergessen, dass dieser Gedanke in den Paulusbriefen, den ersten schriftlichen Zeugnissen die wir vom christlichen Glauben überhaupt haben, explizit ausgeführt ist. Ich glaube, es wäre beliebig, lieber von der Fußwaschung zu reden, weil man damit besser kann, als vom Kreuzestod und dies in dem Deckmantel der historisch kritischen Methode zu kleiden. Wir wissen, dass das Neue Testament oft verschiedene Schwerpunkten und Pointen setzt. Es liegt an uns, das so anzunehmen und gegebenenfalls zu problematisieren aber nicht das Einfachste heraus zu schälen. Es bleibt ein Kreuz mit dem Kreuz und so muss es auch benannt werden dürfen.

Beim Podium zur rheinischen Debatte (die ja eigentlich keine rein rheinische ist) sagte Müller, das Kreuz und das Opfer seien in der heutigen Welt nicht zu kommunizieren. Ich frage mich, ob Herr Müller in den letzten Jahren in einem Buchladen oder im Kino war. Ohne das Ende von „Harry Potter“ Band VI  vorweg nehmen zu wollen, wie schon Harrys Mutter sich aus Liebe zu ihm selbst geopfert und somit sein Leben gerettet hat, so stirbt im letzten Band Harry selbst, unschuldig und kehrt sogar ins Leben zurück. „Die Chroniken von Narnia“ haben Millionen in die Kinokassen gespielt, dort opfert sich der Löwe Aslan auf einem Altar (!) für seine Freunde und ersteht aufgrund dieses selbstlosen Opfers wieder auf. Beides sind eigentlich zutiefst christliche Bilder, die jedem jungen Menschen bekannt sind und nur einer Deutung bedürfen. Wer sagt, die moderne Welt verstünde unsere Opfertheologie nicht, der kann sie sich vielleicht auf jedem Schulhof besser erklären lassen als von machen Kirchenbesucher, er muss nur einige Namen austauschen und den Rahmen etwas richten, den  J.K. Rowling und C.L. Lewis in künstlerischer Freiheit verändert haben.

Die heiligen drei Tage des Osterfestes.

Offenbar ist es immer ein Wagnis, das richtige Maß für die Rede zu finden, bei Kreuzestod und Sünde, wie auch bei Befreiung und Auferstehung. Das eine geht nicht ohne das andere. Er konnte nicht auferstehen ohne den Tod; wovon soll ich mich denn froh und befreit fühlen, wenn nicht von der Sünde?            

Mir hilft beim Einordnen eine alte kirchliche Tradition zu Ostern, die Feier des triduum sacrum - der heiligen drei Tage -, so wie es früher üblich war, als ein Gottesdienst. Am Gründonnerstag habe ich die Zuwendung Jesu in der Fußwaschung und die gegenseitige Zuwendung: „das tut auch untereinander“. Ich habe auch die Einsetzung des Abendmahls, das Mahl Jesu in aufopfernder Liebe. Dann endet der Gottesdienst ohne den Segen. In der Nacht kommen die Abgründe, der Verrat und die Folter und am Karfreitag höre ich vom Tod am Kreuz, ein Moment bittersten Schmerzes. Auch hier kein Segen. Erst in der Osternacht, da höre ich: „Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!“ Erst an diesem Punkt endet der Gottesdienst, der am Gründonnerstag begann, mit dem Segen. Erst jetzt ist er inhaltlich vollkommen und so ist es auch in der theologischen Gewichtung. Sie ist erst vollkommen, wenn auch die kritischen Punkte berücksichtigt sind.

In unserem Leben ist nicht immer Ostern, sondern auch mal Gründonnerstag oder gar Karfreitag, aber getragen wissen kann ich mich nur, wenn ich weiß, das ist nicht alles, da ist auch ein Ostern! So müsste meine Kirche sein, denn so ist auch mein Leben und so ist das Evangelium! Und mit diesem Wissen kann ich auch erhobenen Hauptes auf die Straße gehen und sagen: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die lebendig macht!“ Vielleicht finde ich so eher Gehör als mit der moralischen Sündenkeule oder dem Kuschel-Jesus im Batikrock.

 Tanz ums Waschbecken oder Karfreitag das ganze Jahr? | Diskutiere mit!

Waschbecken?!

Bild von Christopher Hertwig

Christe, Du Lamm Gottes, der Du wäschst die Füß' der Welt ... oder wie? Was für ein Waschbecken überhaupt? Mit verchromter Einhand-Mischbatterie?

toller Artikel

Bild von Johannes Heck

Vielen Dank, Steve, für diesen spannenden Beitrag. Ich muss gestehen, dass die Debatte bislang an mir vorüber gezogen ist. Ich denke auch, dass da Hauptproblem darin besteht, wie in der Kirche von Sünde gesprochen wird und darin, dass viele Menschen eben einen sehr moralischen Sündenbegriff haben. Daran sollten wir arbeiten!

Replik

Bild von Jan Ehlert

Und die Antwort darauf ist auch bereits online: 

Mut zum Waschbecken - eine Replik zu "Das Kreuz mit dem Kreuz" v. Inja Hagen

 

Zur Debatte..

Bild von Johanna Kuhn

..erhellend sind vielleicht ein paar Mitschnitte aus der Podiumsdiskussion mit Burkhard Müller, auf die Herr Henkels Artikel maßgeblich Bezug nimmt.

Ohne Position beziehen zu wollen, möchte ich bemerken, dass Herrn Müllers Aussage über das Waschbecken in meiner Erinnerung in etwas anderem Kontext geschehen ist und kein Vorschlag für einen ERSATZ des Kreuzes war, sondern er sagte: WENN es das Kreuz als Symbol nicht GÄBE, dann würde er die Waschschüssel wählen - was der Aussage meiner Meinung nach durchaus etwas anderen Sinn verleiht als oben. Leider ist die Waschschüssel-Szene nicht dabei, um die Frage zu klären, ob Herr Henkel mit seinem Zitat Herrn Müller tatsächlich richtig wiedergibt.

http://www.chrismon-rheinland.de/cpr/suehneopfer_diskussion_theologie.html

Dank für den Link

Ich danke Frau Kuhn für den hilfreichen Link zu einigen Ausschnitten aus der Diskussion.

Ich kann ihr aber die Angst nehmen, dass sich die Szene anders zugetragen hätte, natürlich habe ich mich bei anderen Teilnehmnern rückverichert, das ich nicht etwa falsch zitiere.

Dank an Frau Kuhn

Bild von Steve Henkel

Ich danke Frau Kuhn, dass sie aus dem Netz einige wenige Teile der Diskussion aufgetrieben haben, die einem einen kleinen Eindruck geben können.

Ich möchte ihr noch die Angst nehmen, ich hätte falsch zitiert. Selbstverständlich habe ich mich bei anderen Teilnehmern der Diskussion rückversichert um nicht etwa falsches wieder zu geben.

Ist gar keine Angst, außerdem

Bild von Johanna Kuhn

Ist gar keine Angst, außerdem hast du bestimmt suggestiv gefragt ;) Aber lassen wir das Thema an dieser Stelle.

Jetzt mal Ruhestandspfarrer Müller vs. NT-Professor Röser

Bild von Steve Henkel

Dank deines Links liebe Johanna bin ich auf sehr sehenswerte Beiträge auf der gleichen Seite gestoßen.

Hier diskutiert Herr Müller mit dem Bonner NT Professer Röser.

http://www.chrismon-rheinland.de/cpr/suehneopfer_dossier_mueller_roeser.html

"Christus und das Waschbecken", in: Publik-Form Nr. 15

Lieber Steve Henkel,

Ihr Artikel ist sehr, sehr gut! Verständlich geschrieben, bringen Sie es auf den Punkt: Eine Kirche, in der immer alles nett und kuschelig ist, wäre bedeutungslos für Menschen, die Gottferne, eigenes Unvermögen, auch das unverständliche, scheinbare Schweigen Gottes immer wieder erleben. Für mich ist die Feier der Heiligen Drei Tage immer selbstverständlich gewesen und der Höhepunkt des (Kirchen-)Jahres. Leider ist das aber nur sehr schwer zu vermitteln. O-Ton meine Schwiegermutter zum Karfreitagsgottesdienst: "Das tue ich mir nicht an". Eine ehemalige Kommilitonin von mir schlug vor, auch am Karfreitag kräftig Halleluja zu singen, "denn wir sind Ostermenschen". Aber Ostern, Auferstehung ohne den Tod am Kreuz, der vorausging - das wäre unlogisch, würde in der Luft hängen... Die Frage ist natürlich, ob das Kreuz "notwendig" war. Da bin ich mir nicht so sicher. Wenn "notwendig" besagt, dass "eine Not gewendet" wird - dann gerne ja! Aber vielleicht nicht "notwendig" im Sinne von "unausweichlich". Ich würde gern mehr von Ihnen lesen! Übrigens: Ich bin rheinisch, ich bin Theologin, ich arbeite sogar in der Kirche - allerdings in der katholischen.

Viele Grüße! Ihre Petra Gaidetzka