Als ich mich im Regen mit dem Bildungsstreik solidarisierte

Erlebnisbericht - Das Bündnis "Bildungsstreik" hat zu Demonstrationen in ganz Deutschland am 17. November aufgerufen. In Bonn hat das "Schülerstreikkomitee" und die "Bonner Jugendbewegung" maßgeblich daran mitgewirkt. Der Bonner AStA sieht die Aktionen des Bündnisses kritisch und lehnt eine Beteiligung ab. Almut Rademacher hat die Demonstration in der Bonner Innenstadt begleitet und berichtet von ihren Eindrücken.

8 Uhr Dienstagmorgen- der Wecker klingelt. Ich bin zum bildungsstreiken verabredet. Dabei habe ich erst um 12 Uhr Uni. Ich bin hundemüde, die Feuerzangenbowle gestern Abend war einfach zu lecker… Regen prasselt an mein Fenster. Was, auch das noch? Nein, im Regen  mache ich das erst recht nicht. Schnell Wecker auf Schlummermodus, und Sms geschrieben: „He draußen regnet es, vllt doch nicht streiken?“ Ich dreh mich um und schlafe wieder ein. Mein Handy brummt: „Ich bin dafür und wenn es nur eine halbe Stunde ist“. Verdammt, denke ich mir und stehe auf. Eine Viertelstunde später steht meine Freundin bei mir vor der Tür- „Ich bin schon früher da, kann ich schon mal hochkommen?“ Na gut, das beschleunigt wenigstens meinen Wachwerdeprozess. Kurz darauf geht’s ohne Frühstück im Bauch, dafür dick eingepackt los.

Wir kommen auf dem Kaiserplatz in Bonn an. Da stehen schon einige Leute, irgendwie nur Schüler und Stimmung ist da auch nicht. Wie, das soll alles sein? Wieso sind wir dann so früh aufgestanden? Erstmal einen Kaffee bei Frau Holle. Um uns herum stehen viele Polizisten, die sind angeblich schon seit 7 Uhr da. Feldjäger haben sich vor der Kreuzkirche positioniert und benutzen diese als „Hauptquartier“. Oh Mann, das ist meine Kirche?

Wir sehen die ersten bekannten Gesichter- Juhuu wir sind nicht die einzigen Studenten! Die Freude verfliegt schnell wieder als sie sagen, dass sie jetzt ins Tutorium gehen würden… Streikbrecher!

Wir stehen im Regen, fühlen uns völlig fehl am Platz. Ich bin mindestens zwei Köpfe größer, als alle um mich herum. Dann kommt ein älterer Herr auf uns zu und drückt uns eine DKP- Zeitung in die Hand. Ich muss lachen, wo bin ich denn hier gelandet?
Auf einmal geht’s los. Wir formatieren uns zu einem Zug (mich erinnert es ein wenig an den St. Martinsumzug eine Woche vorher) und gehen los. Die ersten Sprechgesänge erheben sich: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut“

Es klingt erbärmlich. Niemand um mich herum ruft mit, das Megaphon macht auch nichts wett. Wir ziehen weiter an McDonalds vorbei. Zwei Teenis vor mir rufen: "Geil, lass mal nen Burger essen gehen“ und schwupps sind sie weg. Ich finde die Aktion immer lächerlicher, vor allem ist mein Kaffee gerade leer und der Regen läuft mir in den Kragen. Irgendwie keine ganz so lustige Aktion. Auf einmal denke ich mir, das muss ich festhalten, ich muss das aufschreiben und diese Idee in meinem Kopf bewirkt, dass ich beginne mich darauf einzulassen. Mal ausprobieren was passiert, wenn man einfach mitmacht.

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Bildungsstreik aktuell
Solidarisiert und in Beschlag genommen

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Ich schaue meine Freundin an, sie lächelt und zaghaft beginnen wir mitzurufen: „Hoch mit der Bildung, runter mit der Rüstung“ Das ist irgendwie nicht so ganz mein Spruch. Was ist mit dem Bolognaprozess und den Studiengebühren, deswegen bin ich doch hier?

Und auf einmal ruft ein Mädchen ganz in meiner Nähe: „Master für alle, Master für alle!“ Na endlich, das geht doch! Unsere Rufe werden lauter.

Wir halten - Erste Kundgebung. So langsam kommt Stimmung auf. Einige Leute reden mal kluge, mal etwas halbgare Dinge. „Wenn wir uns nicht wehren, werden wir die Wirtschaftskrise ausbaden müssen!“ Mir wird kalt. "Lass mal weitergehen". Auf einmal spielen sie „Deine Schuld“ von den Ärzten - "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt“ Ja genau, denke ich und singe laut mit. Mich regt seit zwei Jahren das Bachelorsystem auf.- Endlich kann ich das auch mal laut sagen und ich werde wenigstens ein bisschen gehört. Meine Freundin sagt: „Das ist wie so ein Loch in das du hineingezogen wirst.“ Recht hat sie!

Ein neuer Gesang: „Ohne gute Bildung, werd ich Polizist!“ Das wiederum ist mir sehr unangenehm, die armen Schlucker haben erstens ne super anspruchsvolle Ausbildung und vor allem stehen die genau wie wir im Regen. Nein, das will ich nicht. Weg von diesen Leuten.

Dann links an der Bahnhaltestelle am Bertha-von-Suttner-Platz stehen zwei maskierte Antifa-Männer mit einem Transparent: „Conny Wessmann (66-89) – Kampf der mörderischen Repression“. Puh, denke ich- Streiken bringt einen ganz schön in innere Zerrissenheiten. Dann weiter, ein Mädchen neben mir drückt mir ein Transparent in die Hand- „Für eine gebührenfreie Hochschule“ steht da drauf. Probieren wir das also auch mal aus. Komisch ist es schon so ganz frank und frei mit einer Aussage vor sich herumzulaufen.

Anstrengend wird es auch mit der Zeit, aber ich bin irgendwie solidarisiert, freue mich dabei sein zu können, stimme sogar selbst Parolen an: „Bürger lasst das glotzen sein, reiht euch in die Demo ein“- Alle brüllen mit- tolles Gefühl.

Auf einmal links neben uns, eine Gruppe Asiaten mit Kameras- natürlich! „Hihi“, sagt meine Freundin, „wir sind grade eine Touristenattraktion“

Dann sind wir vor der Uni. Und sofort wird es wieder komisch. Wer sieht mich hier wohl? Einige Professoren finden das bestimmt nicht so toll. Schnell weg mit dem Transparent- soll das doch jemand Mutigeres für mich halten!

Wir hocken uns vor der Uni hin- innehalten. Das find ich wieder gut! „Wessen Uni- unsere Uni!“- Ja genau!

Dann weiter zum Marktplatz. Zu meiner Überraschung sind die Türen des alten Rathauses geöffnet. Gehen wir da jetzt rein? Wir marschieren drauf zu, ein großer Pulk junger Menschen und langsam wird die Tür zugemacht und von innen abgesperrt- ein Bild für die Götter! Haben die echt Angst vor uns? Wovor? Wir haben doch gar nichts Böses im Sinn!

Wir sind am Ziel, jetzt wird wohl gleich noch eine Band spielen. Ich mag aber nicht mehr, außerdem fängt um viertel nach 12 meine Uni an.

Also weg von der Masse und rein in den Unialltag, in dem man im Bachelorsystem nur zwei Fehlstunden haben darf.

 

Münster

Bild von Wolfgang Loest

 

 

Ich war bei der Demo in Münster. Die war vorsorglich als Vollversammlung der Studierendenschaft getarnt und deshalb gab´s dafür sogar vom Rektorat aus bis 18 Uhr frei (ok, reicht nicht ganz, aber immerhin).

Impressionen aus Münster

Auf dem Domplatz kurz vor Beginn der Demo, nach der einstündigen Vorveranstaltung. Foto: ich

Nach drei Vorträgen zu Bologna (und das das gern auch als Sündenbock für das Versagen der Bildungspolitik herhalten muss), Freiem Zugang zu Bildung und Chancengleichheit wurde die Stimmung immer besser, bis sich der Zug schließlich in Bewegung setzte. Mehr als 400 waren wir auf jeden Fall!

Impressionen von der Demo
In der Königsstraße (die hintere Hälfte des Zuges)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Warum man aber trotz festgelegter Marschrute unbedingt den Kreisel auf dem Weg komplett lahmlegen und dabei  wegen des nachvollziehbaren Verbots noch die Polizei anmachen muss, verstehe ich nicht.

Auch dass aus Mißständen zwangsläufig folgt, dass man Rektorate und Hörsäle besetzen muss ist mir nicht ganz aufgegangen.

Die Veranstaltung geht gerade zu Ende, wie ich  es auf ca. 500 Metern durchs geschlossenen Fenster höre. Da bekommt der Demo-Spruch "Wir sind hier, wir sind laut weil man uns die Bildung klaut" gleich viel mehr Gewicht.

So einige Dinge von Sprüchen, Taten und plakativen Äußerungen kann ich einach nicht unterstützen, aber im großen und ganzen war es eine gelungene Aktion.

 

Gruppe zum Bildungsstreik

Bild von Wolfgang Loest

Hallo Leute,

es gibt aufgrund der aktuellen Ereignisse eine Gruppe zum Bildungsstreik, in der ihr Eure Erfahrungsbrerichte, Fotos, Links,... einstellen könnt! Wie sieht es in Eurer Uni-Stadt aus?

http://www.theologiestudierende.de/gruppen/Bildungsstreik_aktuell