Moment Mal: Spuren des Lebens im Kinderzimmer Ausräumen und Umziehen

Seit Monaten beschäftigt meine ganze Familie ein Thema: Meine Eltern ziehen um. Nach 25 Jahren verlassen meine Eltern das geräumige Pfarrhaus, das meinen Geschwistern und mir vor allem auch Elternhaus gewesen ist, und ziehen woanders hin. Seit Monaten räumen wir aus, sortieren, werfen weg und packen ein. Und morgen, am Tag nach Himmelfahrt, beginnt der Umzug. Viele Menschen sehen darin nur eine Belastung. Ballast abwerfen, Unnötiges entsorgen und sich genau vornehmen, dass in der neuen Wohnung alles anders wird, und für jedes Neue etwas altes weichen muss.

Dieses Aus- und Aufräumen hat jedoch auch noch andere Seiten. Es ist eine große Selbstbeschäftigung. Man befasst sich mit den Dingen, die man – ganz im hegelschen Sinne – „aufgehoben“ hat. Gegenstände, die es einem Wert waren, sie zu bewahren: Bilder, Postkarten, Einladungen, Geschenke… Dinge, die ich dann doch nie weggeworfen habe, obwohl ich mich frage: Warum? Bücher, die ich nie gelesen habe.

Erinnerungen

Mein Kinderzimmer, das ich ausgeräumt hatte, verriet viel über mich: Welche Musikinstrumente ich gespielt hatte, an welchen Konzerten ich teilnahm oder welchen Fußballer ich gut fand. In welchen Kneipen ich als Abiturient war, verraten viele Streichholzschachteln aus denselben (an dieser Stelle: Wo und wie entsorgt man Streichhölzer?). Wahrscheinlich ist die Furcht vieler Menschen vor dem Ausräumen von Wohnungen nicht nur in der Arbeit begründet, sondern auch in der Angst, damit konfrontiert zu werden, welche Spuren des eigenen Lebens man hinterlassen hat, welche Hoffnungen man hatte, welche Niederlagen man erlitten hat. Auch darüber können die alten Sachen erbarmungslos Auskunft geben.

Und obwohl ich schon seit fünf Jahren ausgezogen bin, und manchmal denke, alles mitgenommen zu haben, fand ich immer noch Dinge, von denen ich zum Teil nicht mehr wusste, dass sie da waren. Manche dieser Dinge, die ich gefunden habe, erzählen Geschichten oder ich verknüpfe sie mit Menschen.

Wer umzieht hört oft Floskeln, Phrasen oder Allgemeinplätze. Vom „Neubeginn“, „Ballast abwerfen“, „Ordnung halten“ und Ähnlichem. Weil Umziehen – gerade nach so einer langen Zeit und über eine große Distanz – ein Schritt ist, der einem Angst macht, der einen fordert. Andere versuchen oft mit solchen Phrasen zu helfen. Und es stimmt ja auch: Dieses Wühlen in Geschichten, in Erinnerungen, es kann einen traurig und einsam machen. Aber das soll es nicht. Es ist eben auch die große Chance zu erkennen, dass man ein Mensch ist, dessen Leben Spuren hinterlässt. Spuren in der eigenen Wohnung, bei sich selbst und vor allem auch bei unseren Mitmenschen. Das ist die Hoffnung, die sich mit einem Umzug verbindet: Die Hoffnung auf neue Spuren. In einem neuen Zuhause, an einem anderen Ort.

 

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