Und sie bewegt sich doch! Exklusive ökumenische Perspektiven zur Ekklesiologie
Foto: Florian Schiffbauer

Etwas unfreiwillig bin ich auf dem Katholikentag in Münster in noch einer weiteren ökumenischen Veranstaltung gelandet. Ursprünglich wollte ich zu anderen Veranstaltungen, aber diese waren bereits frühzeitig überfüllt. Der sich andeutende Besucherrekord wirkt sich dann doch aus. Aber so wurde ich wurde mit exklusivem Material bezüglich der Ekklesiologie von evangelischer und katholischer Seite positiv überrascht und möchte euch hier in einer Rekonstruktion des Podiums daran teilhaben lassen.

Unter dem Motto „Gemeinschaft der Kirchen – ein realistische Ziel?“ kam eine illustre Runde zusammen. Der Untertitel der Veranstaltung wies schon in die Richtung der Diskussion: Neue Impulse für ein gemeinsames Kirchenverständnis. Hintergrund der Veranstaltung waren die Konsultationen zwischen der GEKE und dem päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Diese arbeiten seit fünf Jahren an Fragen der Ekklesiologie.

Die Besonderheiten der Gesprächspartner

Die GEKE ist die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Die Besonderheit an dieser Vereinigung ist, dass sie alle drei Bekenntnisstände (lutherisch, uniert, reformiert) und methodistische Kirchen vertritt. Normalerweise sind die Ansprechpartner des päpstlichen Rates bilaterale Ansprechpartner wie der Lutherische Weltbund auf globaler Ebene. Es sei daran erinnert, dass Papst Franziskus im Jahr des Reformationsgedenken nicht nach Deutschland gekommen ist, sondern zum Lutherischen Weltbund in Lund, zum Pendant auf weltkirchlicher Ebene. Als Besonderheit gibt es nun hier multilaterale Gespräche auf lokal beschränkter Ebene. Das ist ein Novum. Voraussichtlich im Herbst werden die zuständigen Gremien den Bericht über die Konsultation abnehmen und veröffentlichen.

Auf dem Podium, das ich besucht habe, waren mit Kirchenpräsident Christian Schad auf evangelischer Seite und mit Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann auf katholischer Seite zwei Personen dabei, die an erster Stelle an der Konsultation mitgearbeitet haben und exklusiv Punkte aus dem Bericht angesprochen haben. Auch den Korreferentinnen lag der Bericht vor.

Eine handvoll Argumente über die Ökumene

Zum Einstieg referierte Prof. Dr. Johanna Rahner über die Knackpunkte in der Ökumene und arbeitete mit dem Bild einer Hand. Der kleine Finger, zu verstehen als Hacken, sei die Gefahr, dass die Ökumene hinfällig werden könnte. Im Hinblick auf die Konkurrenz der Anbieter auf dem Markt der Religionen könnte ein Gegeneinander für eine stärkere Profilbildung genutzt werden. Der Ringfinger, als Zeichen für das Verbindende, sei der zunehmende Pluralismus, auch in der katholischen Kirche. Dadurch müssen neue Eckpunkte in der Ökumene gesucht werden, da keine genaue Vorstellung über eine Idee von der Gemeinschaft der Kirche unter diesen Bedingungen vorliegt.

Der Mittelfinger stellt die Situation dar, wenn das Andere nicht mehr als Herausforderung angesehen wird. Das sei der Fall, wenn man sich in der Versöhnung in Verschiedenheit zu bequem machen würde und nicht mehr um die grundsätzliche Lösung von Differenzen bemüht. Der Zeigefinger zeigt an wohin es gehen könnte. Dort hofft Rahner auf eine neue Streitkultur. Der heilsame Widerspruch, bei dem es um das Ringen um die beste Lösung geht und auch ein in-Frage-Stellen der eigenen Position bedeutet. Der Daumen, als das Zeichen für das, was positiv läuft, kann als die zunehmende innerkatholische Pluralisierung wahrgenommen werden. Eine Kirche in vielen Kirchen in der Einheit mit dem Papst sei dadurch realistischer geworden.

Der Ausgangspunkt für die Konsultation

In der Konsultation wurden jeweilige kirchliche Dokumente auf gemeinsame Anhaltspunkt im ekklesiologischen Kontext gesichtet. Dabei spielten besonders die Leuenberger Konkordie und das Konzilsdokumet Lumen Gentium eine große Rolle. Aber die ganze historische Bandbreite wurde beleuchtet, insbesondere auch das Konzil von Trient und die Confessio Augustana.

Für den Kirchenpräsident Schad war die Einsicht spannend, dass Kirche als Sakrament zu verstehen ist, in der Christus reflektiert wird. Wenn Schad aus evangelischer Perspektive die Kirche unter das Wort Gottes und Christus gestellt sieht, kann er feststellen, dass eine ähnliche Intention vorliegt, auch wenn ein andere Sprache genutzt wird. Schad stellte darüber hinaus fest, dass partiell schon Kirchengemeinschaft besteht, nämlich in der Taufe. Auch im Bereich des Abendmahls und der Frage der Ordination sieht er Möglichkeiten zur Annäherung.

Für Bischof Wiesemann war die Einsicht der Gleichursprünglichkeit von Rechtfertigung und Kirche wesentlich. Mit der Taufe sei die Kirche von Anfang an da. Denn Taufe sei nicht nur individuelles Heilsgeschehen. Insgesamten stimmten sich der Bischof und Kirchenpräsident in vielen Dingen gegenseitig zu.

Lob und Kritik

In zwei Koreferaten wurde das noch nicht veröffentliche Papier gegengelesen und dargestellt. Dabei wurde besonders positiv die Methodik gelobt, bei der das katholische und evangelische Kirchenverständnis als Modell verstanden wurde. Dadurch ist eine sachgemäße Analyse erst möglich. Das Märchen von der dogmatischen Differenz, nämlich dass man in Grundfragen der Ekklesiologie zu weit auseinander läge, erklärte die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop als spätestens mit diesem Dokument für widerlegt. Die Vorstellungen von Ekklesiologie schließen sich gegenseitig nicht aus. Kritisch äußerte sich Knop im Hinblick darauf, dass nicht ganz klar sei, wohin das Papier münden möchte. Ein Vorgehen der gegenseitigen Anerkennung im Sinne der Leuenberger Konkordie hält sie für nicht ausreichend. Eine Pastorin und Praxisvertreterin bemängelte, dass die gelebte Ökumene an den Basen keine Berücksichtigung findet.

Klare Meinungen des Publikums auf dem Katholikentag

Das Publikum wurde während des Podiums in der Form eingebunden, dass mehrere entweder-oder-Fragen gestellt wurden. Dabei kam es zu eindeutigen Ergebnissen. Bei der Frage, ob der Akzent der Ökumene mehr auf Einheit oder Vielfalt gelegt werden sollte, entschied sich das Publikum für das Letztgenannte. Bei der Entscheidung, ob sich mehr die katholische oder evangelische Kirche bewegen müsse, waren die Katholikentagsteilnehmer der sehr eindeutigen Meinung, dass sich die katholische Kirche bewegen müsse.

Und bei der Frage nach dem Papsttum war – vielleicht auch etwas erwartbar – eine deutliche Mehrheit für ein klares Ja. Zusätzlich konnten über Kärtchen Fragen aus dem Publikum an das Plenum eingereicht werden. Meine Frage nach der Einbindung der orthodoxen und andere Kirchen nahm Bischof Wiesemann dankbar auf. Denn der Ansatz des Diskurses in multilateraler Art und Weise lasse sich auch auf andere Kirchen übertragen. Hier war die Begeisterung für Ökumene dem Vorsitzenden der ACK spürbar.

Nun darf man gespannt sein auf die Veröffentlichung des Dokuments. Auf jeden Fall steht bereits fest, dass beide Seiten nach den ersten Konsultationen zum Thema des Kirchenverständnisses jeweils ihren Gremien empfehlen werden, dauerhafte Gespräche aufzunehmen. Dies wird eine eigene Dynamik in Gang setzen und vielleicht ist auf dieser Ebene die Möglichkeit gegeben die heißen Eisen der Ökumene anzupacken.

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