„Die Spaltung unter uns Christen ist ein Skandal!“ Papst Franziskus und die Ökumene
Bild: katholikentag.de

Treffen sich ein katholischer und orthodoxer Bischof, eine Chefin einer evangelischen Landeskirche und der Vizechef der Pfingstkirchen in Deutschland. Was der Anfang eines Witzes sein könnte, war die gute Besetzung eines Podiums auf dem Katholikentag in Münster. Mit von der Partie als Moderator war Vatican News Redakteur und Herausgeber des gleichnamigen Buches Stephan von Kempis.

Auf dem Katholikentag zieht das Thema Ökumene Menschen an, denn es interessiert offenkundig. Der Raum, eine größere Schul-Aula, war vollständig gefüllt, trotz eines Fußmarsches im verregnetem Münster. Und meiner Meinung nach wurden die Zuhörer durch klare Meinungen von den Podiumsteilnehmern belohnt. Das ist ja manchmal ein Vorwurf an die Ökumene, dass sich nichts bewegt, dass nur viel wertschätzend gesprochen wird.

Der Ökumenebischof referiert über Papst Franziskus

Als Ausgangspunkt diente ein Kurzreferat von Bischof Feige. Dieser ist nicht nur der „Ökumenebischof“ der Deutschen Bischofskonferenz sondern seit 2014 auch Mitglied im Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Im Wesentlichen stellte Feige zu Beginn zwei Aspekte aus den Lebenserfahrungen von Papst Franziskus fest. Zum einen die geschwisterliche Freundschaft zu den Freikirchen, insbesondere auch den Pfingstkirchen, ausgehend von den Erfahrungen in der Heimat. Zum anderen das Verständnis der Kirche als Volk Gottes, also das Bild von der Gemeinschaft, die auf dem Weg ist.

Ausgehend von dem pastoraltheologischen Ansatzes des Franziskus sieht Feige hier eine Logik der Integration. Es wird wertgeschätzt, umarmt, vertraut und sich als ganze christliche Weggemeinschaft verstanden. Schon in der symbolischen und äußerlichen Handlung betreibt Franziskus Ökumene und verschiebt die Voraussetzungen für diese. Als Beispiele sind der private Besuch außerhalb des offiziellen Protokolls einer pfingstkirchlichen Gemeinde in Caserta oder auch der Besuch und die gemeinsamen Umarmungen in Lund beim Lutherischen Weltbund zu verstehen. Oder auch der Besuch der lutherischen Gemeinde in Rom 2015 und das Gastgeschenk eines Abendmahlkelchs ist ein klares Zeichen.

Der Helmut Kohl der Ökumene

Als der „Helmut Kohl der Ökumene“ wurde Metropolit Augoustinos, Vorsitzender der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, vorgestellt. Wie ein Urgestein sei er immer schon da gewesen. Tatsächlich lebt der Grieche bereits seit 58 Jahren in Deutschland und kennt die Situation sehr gut. Augoustinos verglich Franziskus mit den Fischern, bevor sie zu Aposteln wurden. Der Papst spricht dicht, verständlich, Klartext und dadurch habe er ihn lieben gelernt. Anders hingegen sei die Situation in Deutschland. Hier gäbe es so viele theologische Fakultäten und entsprechende Literatur. Aber es überzeugt und erreicht nicht mehr die Gesellschaft. Nach seiner Überzeugung heißt „Christ sein ökumenisch zu sein“.  Es wäre auch hierzulande viel zu tun.

Der Blick richtete sich dann in Richtung der Ökumene von Morgen. Denn Ökumene scheint eine langwierige Aufgabe zu sein, sodass an die nächste Generation gedacht werden muss. In der Schule müsse es selbstverständlich sein, im Religionsunterricht die verschiedenen Konfessionen kennenzulernen, um differenziert darüber sprechen zu können. Eine Einsicht, die die evangelische Gesprächspartnerin später dezidiert teilte. Aber besser als die Schule sei die Familie geeignet, um Kenntnisse und Wertschätzung anderen konfessionellen Gruppen gegenüber zu erfahren.

Der logische Widerspruch bei der Stärkung synodaler Strukturen

Auf evangelischer Seite war Präses Annette Kurschus, zugleich auch stellv. Vorsitzende des Rates der EKD und Mitherausgeberin des Monatsmagazins chrismon, zu Gast. Als Präses der Evangelischen Kirche in Westfalen (uniert) sitzt sie nicht nur der Synode vor (daher die Amtsbezeichnung), sondern ist als geistliche Leitung der Kirche zu verstehen. Kurschus positionierte sich wie Augoustinos konkret. Im Hinblick auf die Absicht der Stärkung der synodalen Strukturen in der katholischen Kirche sprach Kurschus von einem logischen Widerspruch. Denn der vertikale Machtanspruch der Kirche solle mit einer vertikalen Anordnung zurückgeschraubt werden. Da müsse mehr von unten kommen. Bischof Feige stimmte hier in der Erwartungshaltung zu, dass da jetzt mehr kommen müsse, bat sich aber auch etwas Geduld aus.

Versöhnung in Verschiedenheit oder Einheit in Vielfalt?

Das Reformationsjahr sieht Kurschus als Zäsur, bei dem spätestens jetzt auch den Kirchenleitungen auf allen Ebenen bewusst sein sollte, wie groß die Sehnsucht nach Ökumene an der Basis ist. Und dass es da jetzt kein zurück in der Dynamik mehr gäbe. Denn an der Basis wird ja teilweise schon das gemeinsame Abendmahl gelebt: „Man müsse ja auch ehrlich sein“. Für diese erfrischende Ehrlichkeit gab es viel Applaus. Auch Bischof Feige stimmte dieser Beschreibung später zu.

Jesus Christus sei für Kurchus der Einladende und die gemeinsame Taufe verbinde, sodass langfristig hier etwas passieren müsse. Und ausgehend von der Leuenberger Konkordie sei für die Versöhnung in Verschiedenheit die Voraussetzung die gegenseitige Anerkennung. Bischof Feige ging es hier eine Stufe zu schnell und propagierte erst die Einheit in Vielfalt. Im Diskurs einigte man sich auf die Formel der Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Denn Leuenberg sei für Feige zu wenig. Es gehe nicht nur darum, sich gegenseitig anzuerkennen, sondern auch um die Frage, wie viel Verschiedenheit die Einheit vertrage und umgekehrt.

Natürlich wurde auch das aktuelle Thema der Zulassung zur Kommunion für konfessionsverschiedene Ehepartner besprochen. Nach einem erfolglosen Vorstoß am Anfang der 2000er Jahre sah Bischof Feige mit vielen anderen Bischöfen die Zeit dafür reif, in einem kleinem Bereich tätig zu werden. Der Bischof hatte gedacht, dass hier ein kleiner Schritt möglich sei, auch als Ermutigung und Zeichen dafür, dass sich etwas bewegen kann. Über das vertrauliche Gespräch in Rom wollte Feige aus Diskretionsgründen nichts erzählen. Es war aber klar herauszuhören, wie sehr er sich diesen kleinen Fortschritt wünscht.

Jesus Christus als das, worauf man sich einigen kann

Als freikirchlicher Vertreter war Frank Uphoff, stellv. Präses des Bundes freikirchlicher Pfingstgemeinden, eingeladen. Neben dem Abbau von Vorurteilen kann Ökumene aus seiner Sicht von Jesus Christus aus gedacht werden. Denn darauf könne man sich einigen. Interessant war hier der Bezug zum Kurzreferat von Bischof Feige. Denn die mehr auf das Herzen und die Atmosphäre abzielende Informalität von Franziskus kommt bei Uphoff an. Darüber hinaus freut er sich, wenn andere Determinationen pfingstkirchliche Aspekte aufnehmen. Z.B. verwies Uphoff auf die MEHR-Konferenz in Augsburg. Denn es gehe nicht darum, gegenseitig in fremden Teichen zu fischen. Sondern in einer immer mehr säkularen Gesellschaft müssen die Menschen erreicht werden, die Glaube und Jesus nicht in Bezug zu ihrem Leben setzen können. Eine Analyse, die sich in der Situationsbeschreibung viel mit der des orthodoxen Bischofs ähnelt.

Fazit

Vielleicht war es kein Zufall, dass gerade die in Deutschland eher kleinen Gruppen ein sehr klares Bild von der christlichen Situation in Deutschland für jetzt und die Zukunft vor Augen haben. Vom Publikum wurde massiv diese Ansicht mit Applaus unterstützt. Auf jeden Fall waren sich alle einig, dass Vieles in der Ökumene im Fluss ist. Es wird heute auch mehr über den Vollzug gesprochen. Daran lässt sich erkennen, dass sich der ökumenische Diskurs auf einer anderen Ebene befindet, auch wenn das Tempo eher gering ist. Im wesentlichen waren die Teilnehmer in der Sichtweise konform, dass es dabei nicht zu schnell gehen wird oder sogar darf.

Die Frage drängt sich schon auf, warum es erst das Reformationsgedenken gebraucht hat, damit in den Kirchenleitungen das Thema mit sehr hoher Priorität bedacht wird. Denn würde in einer Mediankirchengemeinde nachgefragt werden oder im Saal das Publikum auf einem Katholikentag, wäre die Antwort schon seit mehreren Jahren auf die Frage der Wichtigkeit der Ökumene mit „sehr hoch“ beantwortet worden. Und im Nachhinein erscheint es schon als ein Omen, dass auf der Eröffnungsfeier des Katholikentages am Mittwoch Abend Bundespräsident Steinmeier mit der Forderung nach mehr Ökumene als Protestant, der in einer konfessionsverschiedenen Ehe lebt, mit Abstand am meisten Applaus und Unterstützung erhalten hat.

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