Ein Katholik beim SETh Eindrücke aus der Innen-Außenperspektive
Foto: Frank Vincentz (CC BY-NC 3.0)

„Oh, du siehst ja gar nicht aus wie ein Katholik!“, so lautete die erstaunte und charmante Antwort einer Kommilitonin, als ich mich am vergangenen Wochenende bei der Bundesvollversammlung des Studierendenrats Evangelische Theologie als Katholik geoutet hatte. Ich war dort als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Theologiestudierende (AGT) und bekam einen interessanten Einblick in die Diskussionskultur eines so ähnlichen und doch irgendwie ganz anderen Gremiums. Einiges hatte ich vorher schon gehört – vorallem von stundenlangen Nachtsitzungen, hart umkämpften Satzungsänderungen und der ein oder anderen Gender- und Antidiskriminierungsdebatte. Entsprechend gespannt und mit gemischten Gefühlen bin nach Leipzig gefahren.

Schon in der Straßenbahn war mir eine junge Frau aufgefallen, sehr groß, mit Rucksack. Ich genoss die wunderbare Stadt und den Sonnenschein auf der Fahrt zum Studienhaus, wo die Bundesversammlung stattfand, und war in Gedanken verloren: Wie die Leute dort wohl drauf sind? Wie sehen angehende evangelische Theolog*innen wohl aus? Offensichtlich kann man ja zumindest „katholisch“ aussehen. Und die Frau in der Tram, die sich immer weiter leerte? Könnte schon sein, dass sie auch zum SETh fährt. Sie sah – wie ich – etwas desorientiert aus.

Beeindruckend waren für mich besonders zwei Dinge: Zum einen die große Freude am Gestalten und der damit verbundene Anspruch, den Stimmen der Studierenden in der EKD Gehör zu verschaffen. Inwiefern diese Gehör findet, kann ich natürlich nicht beurteilen. Jedenfalls wurde über wichtige Themen gesprochen, wie das Leben im Pfarrhaus, das Verhältnis von öffentlichem Amt und Privatleben, die Unterstützung der Landeskirchen für Studierende mit dem expliziten Anspruch, etwas zu bewegen. Man stelle sich nur mal vor, die AGT veröffentliche ein Papier, in welchem gefordert wird, dass Pfarrer im Pfarrhaus leben können sollten, wie und mit wem sie möchten. In der Klerurskongregation in Rom würde sich keiner dafür interessieren und auf lokaler Ebene gäbe es höchstens Schelte für solch subversive Tendenzen, verbunden mit den gängigen (finanziellen) Nachteilen.

Zum anderen hat mich beim SETh der herzliche Umgang miteinander beeindruckt. Ob bei den langen Sitzungen, in den Gruppenarbeitsphasen oder am Abend in der Bar – man hat sich immer willkommen gefühlt und der Gesprächsstoff wollte nie enden. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass ein komplettes Studienhaus Kräfte und Schlafplätze mobilisiert, um einen reibungslosen Tagungsablauf zu ermöglichen und zudem noch einen so fabelhaften Kuchen zu zaubern. Einen gewissen Charme hatte es irgendwie auch, bei Hausbewohner*innen im Zimmer schlafen zu können. À propos: Die orientierungslose Frau aus der Bahn war natürlich auch eine Teilnehmerin und wir durften zusammen bei einer sehr toleranten (es wurde etwas spät und laut nachts) Hausbewohnerin übernachten.

Sicher war einiges auch gewöhnungsbedürftig, z.B. die Vielzahl von Amtsträger*innen. Dass ein Geschäftsordnungsantrag auf Singen eines Liedes abgelehnt werden konnte, hätte ich nie für möglich gehalten. Vergeblich hatte man zudem in einer der Andachten darauf gewartet, dass das Wort Gottes zur Sprache kommt. Doch postkolonialistisch-antiimperialistische Schuldeingeständnisse müssen eben auch ihren Raum finden. Die technische Unterstützung der Versammlung und die Professionalität der IT-Verwaltung wiederum waren beeindruckend.

Alles in allem durfte ich viele positive Eindrücke mit nach Hause nehmen, ganz herzliche Menschen kennenlernen und freue mich sehr auf die anstehende ökumenische Tagung in München und die weitere Zusammenarbeit. Ich bin sicher, SETh und AGT können viel voneinander lernen und profitieren. Vielleicht ist die Tagung in München ein guter Anlass, Interessen abzugleichen, Kompetenzen zu bündeln und so mit gemeinsamer Stimme noch mehr Gehör zu finden. Auf jeden Fall sollte jede*r die Chance nutzen, einmal zur Bundesversammlung des SETh (oder natürlich zur AGT) zu fahren – und bei schwachem Magen auf keinen Fall Frikadellen am Leipziger Bahnhof kaufen.

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