Moment Mal: Schuldbekenntnisse

Heute ist der 73. Todestag von Bonhoeffer (Hinweis: der Artikel war ursprünglich für letzte Woche eingeplant), sowie von anderen Widerstandskämpfern gegen Nazi-Deutschland, wie Hans von Dohnanyi und Georg Elser. Schon früh war ich von der Person Bonhoeffer fasziniert, zu Beginn vor allem wegen seines Einsatzes im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Als ich älter wurde, beschäftigte ich mich auch näher mit verschieden Aspekten seiner Theologie und besonders das Schuldbekenntnis, welches Bonhoeffer formulierte, hat mich sehr bewegt.

„Wo noch gerechnet und abgewogen wird, dort tritt die unfruchtbare Moral der Selbstgerechtigkeit an die Stelle des Schuldbekenntnisses. […] Der Blick auf diese Gnade Christi befreit gänzlich vom Blick auf die Schuld der anderen und läßt den Menschen vor Christus in die Knie sinken mit dem Bekenntnis: mea culpa, mea maxima culpa.“

Bonhoeffers Schuldbekenntnis steht in seiner Radikalität, seiner Deutlichkeit alleine da. Vor allem im Vergleich mit den anderen beiden Schuldbekenntnissen¹ nach dem Nationalsozialismus, die innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland existieren, wird eine Tendenz deutlich, die sich in kleinerer Form auch im Alltag finden lassen: Zu gerne rechnen wir Schuld auf. Mit einem „Ja, aber…“ entschuldigen wir eine Tat, die wir selbst gar nicht entschuldigen können.

Oder es fällt der Spruch „Ich wollte das ja nicht!“. Oft verletzen wir Leute ohne das zu wollen. Doch damit umzugehen, andere ungewollt verletzt zu haben, ist schwer. Ich erlebe das am deutlichsten, wenn ich jemandem zu erklären versuche, dass mich bestimmte Aussagen verletzt haben, aber dann nur zu hören bekomme, dass das nicht gewollt war. Nur hilft mir das nicht. Die Aussage hat mich verletzt, auch wenn mein Gegenüber das nicht wollte. Es ist unglaublich schwerer mit Verletzungen umzugehen, wenn die verletzende Person sich keiner Schuld bewusst ist.

Diese nonpologies² machen zwischenmenschliche Beziehungen kaputt, da sie keinen Weg der Entschuldigung bieten. Wie kann ich wirklich jemanden etwas vergeben, was diese_r nicht als Fehler, als Schuld wahrnimmt? Wir alle machen andauernd Fehler und es braucht eine Möglichkeit mit der Schuld anderer, aber auch mit der eigenen umgehen zu können. Bonhoeffer schreibt:

„Es ist zunächst die ganz persönliche Sünde des einzelnen, die hier als vergiftende Quelle für die Gemeinschaft erkannt wird. Auch die heimlichste Sünde des einzelnen ist Verunreinigung und Zerstörung des Leibes Christ.“

Durch jede kleine Lüge, jede kleinste Tatenlosigkeit habe ich mich mitschuldig gemacht an der Zerstörung des Leibes Christi. Und ich werde es in Zukunft sehr wahrscheinlich wieder tun, denn wie jede_r andere_r sündige ich immer und immer wieder und mache mich immer und immer wieder schuldig.

Durch das Vorbild Bonhoeffers die gesamte Schuld exklusiv auf sich zu nehmen, öffnet sich ein Weg mit dieser Schuld umzugehen. Anstatt meine Schuld zu ignorieren oder weg-erklären zu wollen, kann ich sie annehmen, um trotz meiner Schuld weiterleben zu können. Das ständige Ignorieren der eigenen Schuld führt in die Verzweiflung. Der Mensch – also du und ich, wir alle – kann nicht aufhören zu sündigen und neue Schuld anzuhäufen und begangene Schuld kann nie wieder vollkommen gut gemacht werden. Der einzige Ausweg aus der Verzweiflung ist das Bekennen meiner Schuld vor denen, die darunter litten und damit ultimativ auch das Bekennen meiner Schuld vor Gott.

Das Schuldbekenntnis (in der Art des Schuldbekenntnisses Bonhoeffers und nicht nach der des Stuttgarter Schuldbekenntnisses) ist der einzige christliche Weg mit der eigenen Schuld umzugehen. Die Schuld nicht zu bekennen würde heißen, nicht nur schuldig aufgrund meiner Taten zu sein, sondern auch wegen meiner Verweigerung des Erkennen und Bekennens meiner Schuld.

Schuldbekenntnisse wären ein wichtiger Schritt zu Frieden und Versöhnung in unserer zerrissenen Welt, aber wenn selbst die christlichen Kirchen nur selten den Mut und die Ehrlichkeit finden, die eigene Schuld zu bekennen, dann muss noch ein langer Weg bestritten werden.

1 das Stuttgarter Schuldbekenntnis und das Darmstädter Wort

2 Nonpology ist eine Zusammenführung aus dem englischen Wort non (deutsch: nicht) und apology (deutsch: Entschuldigung) und bedeutet Nicht-Entschuldigung.

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