Überall Laugengebäck Ein Einblick in die Realität und zurück

„Hoffentlich noch da!“

Ich lese den ersten Punkt auf dem Plakat mit der Überschrift „Unsere Gemeinde in zehn Jahren“. Hoffentlich noch da! Mein erster Gedanke ist: Das ist dann, wenn ich fertig bin. Mit dem Studieren und dem Vikariat. Also dann, wenn ich vielleicht gerade meine erste eigene Gemeinde übernehmen könnte.

Aber alles der Reihe nach: Ich blicke auf mein vierwöchiges Gemeindepraktikum zurück. Gerade noch tief in bibelkundlichen Fragen versunken – Wie wird bei Sacharja die Zionstheologie modifiziert? – und schon war die Prüfungswoche vorbei, die Semesterferien begannen und ich saß mit drei älteren Frauen und dem Pfarrer im Bibelgesprächskreis meiner Praktikumsgemeinde. Wir lasen das Weinberglied aus Jesaja 5 und diskutierten Gottes Gerechtigkeit heute. Ich merkte schnell, dass ich manchen kritischen Fragen der Frauen trotz der ganzen Bibelkunde-Paukerei noch nicht Rede und Antwort stehen konnte.

Und trotzdem, die praktische Arbeit machte Spaß: Statt am Laptop zu sitzen, oder die Nase in Bücher zu stecken, setzte ich zum Beispiel zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder einen Fuß in den Kindergarten und war begeistert, wie die Kinder inbrünstig das „Halleluja“ mitsangen. Oder ich unterhielt mich mit Seniorinnen aus dem Frauenkreis über ihren allerersten Kuss. Nicht zu vergessen: auf allen Veranstaltungen gab es Kuchen oder Laugengebäck – je nach Tageszeit. Kurzzeitig war ich doch um mein Gewicht besorgt…

Während meiner Zeit als Praktikantin setzte sich die Gemeinde im Rahmen einer Visitation sehr intensiv mit Zukunftsfragen auseinander, die manchmal auch in hitzigen Diskussionen mündeten: „Ausbau regionaler Arbeit?“ – „Bevor wir regionale Arbeit machen, müssen wir uns erstmal auf unsere eigene Gemeinde konzentrieren!“ – „Aber ganz viel funktioniert doch überhaupt nur noch regional!“ – „Wir haben keine Kapazitäten für individuellen Schnick-Schnack!“

Und ich wurde schlagartig in die Realität zurückgeholt: Was erwartet mich eigentlich, wenn ich ins Berufsleben einsteige? Wie gestaltet sich dann Gemeinde? Durch die Fusionierung kleiner Gemeinden zu größeren stellt sich häufig schon jetzt die Frage nach mehr regionaler Zusammenarbeit und dies soll auch in Zukunft immer wichtiger werden. Kann ich mich als Pfarrerin dann noch persönlich um meine Gemeindeglieder kümmern, so wie ich es mir jetzt vorstelle? Vermutlich nicht. Aber vielleicht ist gerade das der Schlüssel zu einem gelungenen Umgang mit den bevorstehenden Veränderungen: Eine gute Balance zwischen großflächigen Angeboten und Detailarbeit.

„Hoffentlich noch da!“

Die Visitationskommission beruhigt meine Praktikumsgemeinde: Es gehe nicht darum, einzusparen, sondern mit den Ressourcen, die da sind, neu und ertragreich umzugehen. Anders gesagt: Es gibt immer weniger Menschen, die interessiert daran sind, Angebote der Kirche in Anspruch zu nehmen und noch weniger, die auch aktiv mitwirken wollen oder können. Gerade in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie das Engagement von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden am besten eingesetzt wird: Ist es zum Beispiel sinnvoll, besonders viel Varianz in das Veranstaltungsangebot einzubauen, oder eher nur ein netter Versuch? Auch für solche Fragen muss man als Leitungsperson ein Auge haben und die eigene Gemeinde gut einschätzen.

Und Kirche von außen? Ein wichtiger Bezugspunkt zum gesellschaftlichen Umfeld seien die evangelischen Kindergärten, sagen auch die Kindergärtner*innen. Eltern melden zwar immer mehr nicht getaufte Kinder an, aber irgendwie sollen die Kinder dann doch einen Bezug zur Religion herstellen. Im konfessionellen Kindergarten passiere dies auf eine angemessene Art und Weise – seien es bestimmte Rituale, die die Kinder erfahren oder Lieder, die zusammen gesungen werden. Der Gemeindebeirat ist sich sicher: Hier stecke großes Potenzial, um junge, kirchenfremde Eltern an die Gemeinde zu binden.

Ein weiterer Punkt ist ein ziemlich grundsätzlicher: In den Schulen läuft der konfessionell-kooperative christliche Religionsunterricht schon bis zur siebten Klasse. Vermutlich wird sich das in Zukunft noch ausweiten. Ich sehe darin großes Potenzial für die ökumenischer Zusammenarbeit. Wir haben es mit einem Phänomen zu tun, das eigentlich schon längst in der kirchlichen Wahrnehmung ankommen sein müsste: Was passiert an dem Punkt, an dem sich katholische oder evangelische Kirche nicht mehr eigenständig tragen können? Eine Menge einzelne (Frei-)Kirchen? Dass sich die Gesellschaft verändert, ist klar. Dass sich Kirchen verändern müssen, ist auch immer präsent (obwohl Innovation in der Kirche ja nie so der Renner war). Wenn sich Kirche in der Zukunft im gesellschaftlichen Umfeld positionieren will, dann als christliche Kirche!

Während des Studiums rutscht man ganz schnell und ganz tief in die Theologen-Blase hinein. So ein Seminar, in dem Transsubstantiation und Realpräsenz in all ihren Facetten hinterfragt und analysiert werden, ist sicher spannend, aber wenn wir in der Zukunft als Christen in der Gesellschaft präsent sein wollen, sollten wir nicht lieber mal diskutieren, wie man Abendmahl als Christen ökumenisch feiern kann?

In meinem langweiligen Praktikumsvorbereitungskurs fiel der Satz: Vielleicht werdet ihr nach dem Praktikum auch mit einem ganz neuen Blick auf das Studium schauen. Und ich gebe es etwas ungern zu, aber für mich trifft das sicher zu: Ein Blick in die berufliche Realität, die mich später (nicht) erwartet, tut gut. Um wach zu werden, für Probleme, aber auch für Möglichkeiten. Dafür, dass Philosophieren und Theologisieren in der Praxis häufig nicht weiter bringen und wie gut es trotzdem tut, dass im Studium genau dafür der Platz ist: Die Nase richtig tief in theologische Themen zu stecken – Wer weiß, wie viel Zeit dafür danach noch bleibt?

Schlagwörter: , , , ,

Ein Kommentar

  1. SuziQ

    Ein bissl Ent-Mythologisierung (war zu meiner Zeit eine beliebte Kategorie der Theologie ;)): Es werden grad mehr – nicht weniger – Mitarbeitende in den Gemeinden, laut KMU 5 und eigener 40jähriger Gemeindearbeit. Evangelische KiTas sind für die Katz für die Kirchenbindung (Kirchengemeindebarometer), Gemeinden arbeiten tatsächlich häufiger mit nicht-konfessionellen zusammen. Und: wir sind die reichste Kirche aller Zeiten, auch inflationsbereinigt. Der Abbau von Pfarrstellen ist reine neoliberale Planwirtschaft. Ziel ist, Pfarrerinnen zu spirituellen Pizzalieferantinnen zu degradieren. Regionalisierung sucks. Sie ist der Turbo für den Mitgliederverlust. Für Theologiestudenten würde es lohnen, die Diskussion im Deutschen Pfarrerblatt aufmerksam zu verfolgen und bei http://www.wort-meldungen.de

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.