Im Waschsalon kommen alle zusammen!
Foto: RyanMCGuire (CC0)

Anfang dieses Jahres habe ich in der Süddeutschen (03.01.2018, gekürztes Interview online) ein Interview mit der Arbeitssoziologin Sabine Peiffer gelesen. Ein Zitat ist mir seitdem in Erinnerung geblieben und ich möchte dieses als Ausgangspunkt für meine Gedanken nutzen:

„Wenn Sie einen frühen Flug nehmen, sehen Sie in der S-Bahn die Parallelwelten. Da sitzen die Businessleute drin und Menschen wie ich mit leichtem Gepäck, die nur für einen Tag hin und her jetten zu irgendeinem Meeting. Und Sie sehen die Menschen, die in einem der Logistik-Konzerne auf der Strecke ihre Frühschicht beginnen oder am Flughafen. Wir begegnen uns nur noch in der S-Bahn und nur noch um diese Uhrzeit.“ – Sabine Pfeiffer

Lebensgefühl in der Großstadt: Anonymität

Diese Einschätzung entspricht doch im Wesentlichen der Lebenswirklichkeit eines Durchschnittsstädters. Ich glaube, dass nicht nur wir Studenten uns gelegentlich dabei ertappen, wie wir nur noch Kontakt zu Menschen aufnehmen, mit denen wir ein Hobby, Studienfach oder einen Beruf teilen. Auch würden wir nicht auf die Idee kommen, eine fremde Person einfach so anzusprechen. Auf soetwas sind die Reaktionen eher zurückhaltend, schüchtern, auch mal abweisend. Und die Bindung zu Vereinen und ähnlichen Organisationen nimmt doch auch eher ab. Zugleich muss man sich in der Stadt vor Augen halten, was steigende Mietpreise bedeuten: Armut und Armutsgefährdung. Dies führt zu einem freiwilligen Rückzug aus dem sozialen Leben, um möglichst kostengünstig leben zu können.

Der langjährige Pförtner? Ausgesourct!

Teilweise gibt es diese Menschen noch, die die ganze Bandbreite der Gesellschaft kennen. Das sind zum Beispiel Pförtners oder Kantinenmitarbeiter. Diese Menschen bekommen alle Mitarbeiter zu Gesicht und wenn sie langjährig dem Betrieb angehören, dann muss man sich genau mit diesen Menschen unterhalten wenn man die Unternehmenskultur kennen lernen möchte. Denn auf der Vorstandsetage kommen und gehen die Führungskräfte, ein langjähriger Mitarbeiter kann aus ganz anderen Reservoirs schöpfen: Selbst in der Arbeitswelt ist das heimatliche und gemütliche Gefühl mittlerweile gewichen. Das Pendel schlägt ja schon seit längerem Richtung Outsourcing, Betriebskantinen werden geschlossen. Dann braucht es wieder externe Berater und Trainer, die für die richtige Unternehmenskultur sorgen sollen.

Die Tram als Quell ungeahnter Lebensfreude

Während aus Kostengesichtspunkten im Arbeitsleben viele Abteilungen unter sich bleiben, da die Berührungspunkte übergreifend fehlen, bleibt noch das öffentliche Leben. So möchte ich besonders die Tram hervorheben. Denn die Tram ist häufig in einem Stadtteil verankert. So wie man gemeinsam morgens vom Stadtteil in die Stadt hineinfährt, so begegnet man sich am Abend in der Rushhour wieder. Es gibt also etwas, dass alle regelmäßigen Mitfahrer teilen. Wenn eine Weichenstörung vorliegt, entsteht schnell ein Gespräch, da ein jeder im Hinblick auf den Status etwaiger Baustellen, Verspätungsrekorde auf der Strecke und ähnlichem mitreden kann. Oder ein gemeinsamer Blick aus dem Fenster regt manchmal auch zu einem unverfänglichen Gespräch über sichtbare kommunalpolitische Aktivitäten an. Auch wenn es sich nur um die Versetzung von Parkbänken handelt.

Ich fahre gerne Tram. Dort trifft sich der Stadtteil, werden Dates ausgemacht und fremde Babys auf dem Arm gehalten, sofern man für das Baby irgendwie interessant aussah. Es werden aktuelle Gerüchte aus dem großen Stadtteilverein gestreut. Aber klar, ich bin da ein aufgeschlossener Mensch, weiche solch einem Gespräch selten, nur wegen Müdigkeit, aus. Das nimmt nicht jeden so mit.

Eine Spur wilder: Der Waschsalon

Wem also der bisherige Artikel Lust gemacht hat in die nächste Tram zu springen und sich auf die mitfahrenden Menschen einzulassen, dem sei gesagt, es gibt da noch etwas anderes. Ein Spur durchgemischter, etwas wilder und auch wieder etwas in. Zumindest seitdem es die Show Nightwash gibt. Es geht nur gelegentlich ähnlich humorvoll zu. Aber Wäsche waschen ist auf jeden Fall intimer als S-Bahn fahren.

Im Waschsalon treffe ich wirklich Hinz und Kunz. Da gibt es die regelmäßigen Wäscher, die immer an einem bestimmten Wochentag da sind. Begegnet man sich im Laufe des Jahres zum dritten oder vierten Mal, spricht man auch mal ein unverfängliches Wort. Gemeinsame Themen – bedingt durch den Wohnsitz im selben Stadtteil – lassen sich leicht finden. Und den ganzen Querschnitt der Gesellschaft kommt auch, denn Wäsche waschen müssen alle. Hier eine kleine pauschalisierende Typisierung.

Der Arbeiter

Da gibt es die ausländischen Arbeiter, besonders am Wochenende, die mit geringen Deutschkenntnissen nicht immer mit den deutschsprachigen Anleitungen klar kommen. Geholfen wird immer und ein Gespräch entsteht dadurch auch häufig. Wenn man wissen möchte, was es bedeutet als Arbeiter nach Stückzahl bezahlt zu werden, kann hier nachgefragt werden. Aber auch die ausländischen und hochqualifizierten Facharbeiter und Führungskräfte kommen ebenfalls. Da ist es eher ein Thema, wie mit der Schule für die Kinder umgegangen wird, da man nur für ein zweijähriges Projekt in Deutschland ist.

Der Wohnsitzlose

Gelegentlich kommt ein Wohnsitzloser vorbei und fragt nach einem Euro für einen Kaffee. Ich gebe ihm nicht das Geld sondern spendiere uns beiden beim Kaffeeautomaten einen Kaffee. Denn dann habe ich auch etwas davon und wir haben noch ein paar Minuten zu reden und stehen beieinander, auch andere Menschen beteiligen sich. Es sind schon andere Gespräche, denn wir reden nie über etwas persönliches oder etwas, was auf unsere Lebensumstände zurück schließen lässt. Wenn ich in einem Buch lese, sprechen wir darüber. Auch mal über die große Politik. Ich kann mich aktuell an ein gutes Gespräch zu den Sondierungsergebnissen der möglichen großen Koalition erinnern.

Die missionarische Dame

Eine andere interessante Persönlichkeit kommt regelmäßig vorbei und verteilt Blätter und Veranstaltungswerbung von kirchlichen Gruppen. Von solchen Gruppen, die an den Grenzen oder darüber hinaus der großen Kirchen in Deutschland agieren. Nimmt man diese Blätter nicht an, so wird auch mal etwas gemault. Nimmt sich eine Blatt, heißt es, man sei ein guter Mensch. Da vermutlich die Dame häufig Ablehnung erfährt, ist sie sehr hektisch, agiert schnell, einem Gespräch kann sie nicht lange folgen. Ich nehme mir häufig ein Blatt mit, einfach auch um zu sehen welche Gruppen gerade offensiv agieren. Wenn es aber nicht so höflich zugeht, verweigere ich mich auch mal.

Die älteren Herrschaften

Wer sich über Altersarmut informieren möchte, kann dies auch im Waschsalon tun. Es gibt immer wieder ältere Herrschaften, die aufgrund der körperlichen Verfassung Hilfe brauchen, um nasse Wäsche von der Waschmaschine zum Trockner zu tragen. Da wird geholfen und es entsteht auch wieder ein Gespräch. Teilweise über die ehemaligen Berufe, Familie oder auch die aktuelle Lebenssituation. Einmal sagte zu mir ein älterer Herr, dass er mich am Abend in sein Gebet einschließen werde. Das hat mich überrascht, aber auch gefreut, denn wir haben nicht über kirchliches gesprochen. In unserer zunehmenden säkularisierter Gesellschaft war das eine Situation, die man gar nicht mehr erwartet außerhalb der Kirche.

Und alle machen mit!

Das schöne an diesen Beispielen ist, dass sich wie selbstverständlich auch andere Menschen an diesen losen Waschsalongesprächskreisen beteiligen, auch wenn nur für fünf Minuten und dennoch dadurch Interesse an ihren Mitmenschen zeigen. Und hier gibt es keine PfarrerInnen, keine ModeraterInnen, keine PolitikerInnen oder ähnliches. Hier sind nur Menschen, Waschmaschinen und ein Gespräch. Das ist manchmal sehr viel.

Es liegt an uns in die Welt zu gehen

Natürlich hat die zitierte Soziologin Recht mit dem, was sie sagt. Und besonders in der Stadt kann man davon ausgehen, dass es noch weiter gehen wird und die verschiedenen Gesellschaftsschichten sich nicht mehr gegenseitig kennen lernen. Und dies manifestiert sich, wenn man sich die „Heiratspolitik“ der Deutschen im Verlauf der Jahre anschaut. Während man sich früher häufiger mit einer anderen gesellschaftlichen Ebene verheiratete, so bleibt man heute vermehrt unter sich. Ich denke, es ist aber auch eine Frage der Einstellung. Auf der einzelnen wie auch der gesamtgesellschaftlichen Ebene. Politik kann durchaus einen großen gemeinsamen Gedanken formulieren und wie auch die zunehmenden Parteieintritte im vergangenen Jahr zeigen, die Gesellschaft als solche interessiert sich noch für sich selbst. Das kann ich auf der einzelnen menschlichen Ebene bestätigen. Wer Lust auf die Welt hat, kann in den Waschsalon gehen und diese beobachten.

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