Moment Mal: Ruinen
Bild: Mara Feßmann

Wunschträumen macht das Leben schöner und so hatte ich es mir im Hinterkopf schon ausgemalt, mein persönliches Athener Pfingstwunder im Sommer 2017. Vielleicht würde mir ja wirklich Altgriechisch plötzlich in den Kopf fliegen und ich müsste nicht zwei Semester Sprachkurs machen. Was zu erwarten war: so kam es nicht – dafür anders.
Athen, diese Stadt zwischen Documentawirbel, Finanzkrise, antiken Stätten, dem Himmel auf Erden in Kirchenbaugestalt und viel Ouzo, sie hat mich am Ende Theologie gelehrt. Nicht in den Kirchen oder auf der Akropolis (wie auch, um letztere bin ich eine Woche stur herumgelaufen, aber das ist eine andere Geschichte).
Zwischen besetzten Häusern, kleinen Geschäften, Cafés, in denen man noch rauchen darf und ziemlich viel Instantkaffee mit Eis. Mitten in der Stadt, in der Paulus vom unbekannten Gott erzählt hat. Da, wo er vielleicht entlang lief, tun sich heute Ruinen auf: Antike und Moderne, wild verlegte Kabel, fehlende Pflastersteine und Graffitis, über allem thront die Akropolis – noch so eine Ruine, an der aber noch (oder besser wieder) gebaut wird. Vom EMST, dem Museum für moderne Kunst, kann man direkt auf sie schauen, wie sie da thront. Wenn man den Kopf nicht ganz so hoch hebt, fällt noch etwas anderes in den Blick: »Welcome and enjoy the ruins« steht da, in schwarzen Lettern an eine Hauswand geschrieben, gut sichtbar für alle, die zur Documenta nach Athen gepilgert sind. Unüberhörbar, der bittere Unterton, die Ironie.
In Prati das Geschäft, in dem in mehreren dicken Ordnern Fotos von Musiklegenden versammelt sind, als sie dort waren. Es weht der nostalgische Wind vielleicht schon vergangener musikalischer Zeiten, Bandshirts und Netzstrumpfhosen, Doc Martens und Buttons (nicht die ironische Hipsterversion, sondern die echten mit Bandlogos). Zwar finde ich nichts, was sich noch in meinen kleinen Rucksack stopfen ließe, dafür sticht mir ein Leuchtschild in die Augen. Noch mit Neonröhren dahinter und aufgeklebten schwarzen Lettern »Believers in the Ruins«.

Als Theologiestudentin bleibe ich natürlich an einem Schild wie diesem hängen und komme nicht daran vorbei, an die vielbeweinte und -beschworene „Kirchenkrise“ zu denken. Wie viel öfter wird vom Untergang und von den Ruinen der Volkskirche gesprochen? Man denke nur an das „Mission Manifest“, in dem eine Handvoll Männer den Tod der Kirche beschwören, um dann zur aggressiv-konfessionalistischen „Mission“ aufzurufen. Dabei trampeln sie wenig elegant über diejenigen hinweg, die in den vermeintlichen Ruinen wirken und Neues auf und im Vergangenen bauen. Dazu kann natürlich das Vermissen des Vergangenen gehören, nicht aber dessen 1:1-Rekonstruktion, denn diese würde nur dazu führen, einen historischen Freizeitpark zu konstruieren, nicht aber einen wirklichen Lebensraum, in dem Vergangenes – egal ob in Ruinenform oder gut erhalten – und Gegenwart zusammenkommen und lebbar werden.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.