Von der Trennung zur Spaltung? Politische Kirchen und christliche Politik – ein Nachruf auf den Heiligen Abend

Bevor ich mit diesem Artikel in die Vollen gehe, gebe ich etwas zu Protokoll: Ich bin seit Jahren Mitglied der Christlich Demokratischen Union und mein ganzes Leben Mitglied der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Seit 5 Jahren studiere ich Theologie auf der entsprechenden Landesliste.

An diesem Punkt habe ich vermutlich nicht nur einen großen Teil meiner Leser verloren, die meisten werden mir mit den Zeitungsmeldungen der letzten Tage und Wochen im Hinterkopf auch eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit unterstellen. Parteien und Kirchen, Politik und Glaube – ein schon immer schwieriges Thema, das auch ich im vergangenen Jahr als solches erlebt habe:

Parteifreunde, die mich mit viel Respekt für meinen geplanten Dienst in der Kirche angesprachen, aber gleichzeitig bemerkten, dass das Auftreten der evangelischen Kirche und ihres Spitzenpersonals „schwierig“ sei. Wenn ich dann angemerkt habe, dass ich aus meinem Glauben und, nach der theologischen Bearbeitung, Inhalte entwickeln, diese zur Debatte stellen und gemeinsam umsetzen will (so wie es zumindest das Grundsatzprogramm meiner Partei vorsieht) wird es häufig still.

Auf der anderen Seite stehen Kommilitonen und Freunde, die mich mit viel Respekt für meinen politischen Einsatz ansprachen, dann aber anmerkten, dass Politik an sich ja doch schwierig sei. Man müsse ja lügen können wie gedruckt und überhaupt sei das ja alles nur von Lobbyisten kontrolliert. Zudem: So wirklich christlich sei ja auch keine Partei. Wenn ich dann etwas zynisch antworte, dass ja auch kaum eine Kirche so wirklich christlich sei, und anfrage, wo man die christlichen Werte denn umsetzen wolle, wird es häufig still.

Stille als Stichwort

Stille trifft das Verhältnis von Kirche und Politik in unserer Zeit meist recht gut. Recht unangenehm ist dem jeweiligen Regiment der andere Zwilling zuweilen. Der Pfarrer soll auf jeden Fall neutral sein, fordert die Kirche. Engagement in Parteien? Bitte nur heimlich, still und leise. Für die politischen Lager sind die Kirchen häufig zwar wichtige sozialpolitische Partner, aber als Werte- und Weltanschauungsinstanz werden sie selbst den Christdemokraten oft unheimlich. Was im bürgerlichen Lager an Entfremdung jetzt zu Tage tritt, ist im gegenüberliegenden Lager oft schon offene Feindschaft – nicht umsonst leisten sich einige Parteien betont kirchenfeindliche Vereinigungen.

Stille führt dazu, dass die strukturellen Verantwortungen, die Kirche und Staat aufeinander beziehen und voneinander trennen, häufig nicht mehr präsent sind. Dann fällt es schwer, die Spannungen zu interpretieren, die gerade an Heiligabend wieder aufgebrochen sind. Dann kann es so aussehen, als habe man einen Konflikt zwischen „linker“ Kirche und konservativen Parteien, wie es sich auf den ersten Blick bei Ulf Poschardt und Julia Klöckner liest. Doch eigentlich wird hier um die Grenze des jeweils eigenen Mandats gerungen.

Vom Staat, der die Kirche braucht

Ein Grundproblem des Staats-Kirchen-Verhältnisses ist das Missverständnis, dass der säkulare Staat ein vollkommener Souverän aller Dinge sein müsse, der weltanschauliche Partner nicht nötig hab und nur rein freiwillig mit ihnen kooperiere. Der Unterschied zwischen Laizismus, der sich häufig bis hin zu einer massiven Religionsfeindlichkeit entwickelt sowie hässliche gesellschaftliche Spaltungen hinterlässt, und dem Säkularismus liegt nicht nur im selbstbestimmten „Ob“ der Staatskooperation mit der Kirche, sondern in einem viel tieferen Verständnis der Beziehungen zwischen den beiden. Der Grund, warum das deutsche Modell des weichen Säkularismus eine solche Erfolgsgeschichte ist, liegt nicht zuletzt im alten, aber immer wieder aktuellen Einsehen Böckenfördes:

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“¹

Oder, vereinfacht: Der freiheitliche Rechtsstaat braucht die Weltanschauungsgemeinschaften, wenn er seinen Werten und Normen nicht die Wurzeln abschlagen will, wodurch diese zu Ideologien würden. Die Gesellschaft, in der unsere Werte- und Normenordnung entstanden ist, war eine christliche. Der „natürliche Partner“ unseres Staates sind also die Kirchen.

Dass die eignen Werte nicht primär „die eignen“ sind, dass sie einen Ursprung haben und nicht zu vereinnahmen sind, dass sich aus dem Glauben und der eignen christlichen Geschichte das eigene Parteiprogramm eben nicht natürlicherweise ergibt und dass ich als Politiker deshalb darauf angewiesen bin, mich und meine Inhalte immer wieder von der Kirche und ihren Sprechern kritisieren und „erden“ zu lassen, ist die demütige Einsicht aus diesem Befund. Und das gilt insbesondere an den hohen Festtagen und in vollen Kirchen.

Von der Kirche, die den Staat braucht

Was im ersten Moment gerade für evangelische Christen nicht so anstößig erscheint, ist in der Praxis häufig schwierig. Denn die Grenze, die sich für den Politiker in die eine Richtung ergibt, ist tatsächlich auch eine Grenze in die andere Richtung. Die Kirche entwickelt ihre Normen und Werte aus der Botschaft Jesu Christi, und formuliert als solche Ziele, die dieser Botschaft entsprechen. Sie ist also quasi für das „Was“ der gesellschaftlichen Fragen mitverantwortlich: Wie soll unser Land aussehen, was sollte Mindestmaß menschlicher Existenz sein, was sind die Keimzellen der Gesellschaft.

Ihre Grenze findet die kirchliche Handlung am politischen Geschehen aber in der Frage nach dem „Wie“. Denn die Suche der richtigen Instrumentarien, um ein Ziel zu erreichen, entzieht sich dem Mandat des Pfarrers, des Bischofs und – bei allem Respekt für unsere katholischen Geschwister – auch des Papstes.

Und konkret?

Das bedeutet konkret: Ich kann als Pfarrer zwar betonen, dass jeder Mensch an Weihnachten zu seiner Familie in einen bezahlbaren Wohnraum gehört, sofern ich das mit dem Evangelium gut begründen kann. Und das sollte ich auch, denn sonst klingen die Predigten in den deutschen Kirchen doch nur wie ein allzu romantisches Wintergedicht, dem man als Theologiestudent dann gern mal mit Phillipps Bingospiel zu Leibe rücken will. Wie(!) dieses Ziel nun aber zu bewerkstelligen ist – ob per Familiennachzug und sozialem Wohnungsbau oder im Heimatland und mittels privater Investitionen – muss ich mit Gottvertrauen der Politik überlassen. Denn das bleibt eine konkrete Frage „von dieser Welt“, eine politische Frage, nicht nur eine theologische.

Ich muss, gerade im Angesicht der Pluralität meiner Gemeinde, das „Agenda-Setting“ ebenfalls Plural halten. Denn die christliche Botschaft hat viele politische Implikationen, und meinem Auftrag werde ich als Pfarrer weder gerecht, wenn ich als Sozialdemokrat nur die einen Themen, noch wenn ich als Christdemokrat nur die anderen Themen anfasse. In den allermeisten Fällen hätte ich sowieso in keinem von beiden Fällen das Evangelium umfassend getroffen.

Bezogen auf die Predigten am Heiligen Abend des Jahres 2017 heißt das: Wenn in den Kirchen der Eindruck entsteht, dass man sich hier nur wohlfühlen könne, wenn man morgen für eine Mietpreisbremse stimmen würde, dann entspricht weder die Agenda der Predigt der Breite und Weite der Heiligen Schrift, noch hat sich der Prediger in seinen Grenzen bewegt.

Doch wenn das Problem ein anderes ist? Zum Beispiel, dass man sich am Heiligen Abend anhören musste, dass der christliche Glaube eine universelle, an alle Menschen aller Länder gerichtete Heilsbotschaft mitzuteilen hat? Dass da Leute von den Kanzeln riefen, dass dieses Familienfest idealerweise für alle Menschen der Welt familiär gefeiert werden sollte? Die Zumutung, dass ein politisches Ziel aus christlicher Perspektive sein soll, dass jeder sich Wohnraum leisten kann?

Wenn hier die Problematik lag, dann halte ich es mit Kardinal Woelki :Dann ist wohl das einzige Problem der Parteien, dass die Kirchen ihren Job in diesem Jahr auf einer gewissen Ebene zu gut gemacht haben, dass man getroffen wurde und einfach nicht weghören konnte.

 


  1.  Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60.

12 Kommentare anzeigen

  1. Oliver

    Interessant ist es, dass man vermeintliche Kriegsschauplätze von Debatten erst viel später mitbekommt, so dass man mit Abstand vielleicht bessere Perspektiven einer Analyse hat. Es gehe um die politische Haltung von Geistlichen, und dass der Einfluss der Kirchen schwinde und man deshalb versuche, den Verlust an Bedeutung zu kompensieren. Sei es die schamlose Anpassung an die herrschenden Verhältnisse und Haltungen (EKD) oder sei es das Eigene zu betonen (die Traditionalisten der katholischen Kirche.) Weiter stehe in Frage, wie die Kirchen eine Haltung gegen parteipolitische Programme an den Tag legen und ob es wichtig sei, „dass Kirchen nicht parteipolitische Programme übernehmen“. In diesem Wust an Informationen stellt sich die Frage, wer denn die Protagonisten dieser Debatte sind. Bekanntlich geht die Vermutung einher, dass man in der Politik lügen müsse wie gedruckt. Ach, macht man das in der Kirche nicht ? „Stille trifft das Verhältnis von Kirche und Politik in unserer Zeit meist recht gut.“ „Dann fällt es schwer, die Spannungen zu interpretieren, die (ausgerechnet) an Heiligabend wieder aufgebrochen sind.“ Es sind Fragen der Politischen Theologie. Und was in der Debatte um eine Predigt zu kurz kam, war der gesellschaftliche Konsens, dass die Kirchen weiterhin ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind. Demnach betreiben alle Kirchen eine Art von Öffentliche Theologie, um sich einzumischen. Richtig ist der doppelte Ansatz, der aufgeworfen wird, wenn vom Staat geredet wird, der die Kirche braucht und von der Kirche, die den Staat braucht. Es ist ein gegenseitiges Brauchen. Jedoch wird dieses Brauchen oftmals in ein Missbrauchen umgewandelt. Triebfeder für dieses Missbrauchen ist die dritte Variante der Religion in Deutschland – nämlich die Freikirchen. Man könne durchaus hierzu meinen, dass das Wichtigste für die Freikirchen eben nicht die Glaubensvermittlung oder die soziale Instanz und ein Ort der Begegnung sei, sondern die Selbstbehauptung in ihrer Abgrenzung zum Staat. „Wer soll eigentlich noch freiwillig in einen Weihnachtsgottesdienst einer Freikirche gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er habe einen Abend bei einer Sekte verbracht“. Abschottung, Abgrenzung, Gruppenzwang, Sektenverhalten und Verherrlichung der Gruppe bei vielen Freikirchen ergeben das Endprodukt der staatlichen Kirchen, nämlich das Gräulbild der Endzeit. Der Staat begibt sich in Form von einzelnen Menschen als Autorität, um sich religiös Gehör zu verschaffen. Schlimmer noch, denn Machtmenschen versuchen, dass das allgemeine Fußvolk jene Machtmenschen anbeten und verehren (man lese hierzu die Stuttgarter Erklärungsbibel im Anhang). Und wenn das Problem doch ein anderes ist ? Nämlich, dass Freikirchler und Traditionalisten sich am Heiligen Abend anhören mussten, dass der christliche Glaube eine universelle, an alle Menschen aller Länder gerichtete Heilsbotschaft mitzuteilen sei ? An alle Menschen aller Länder eine universelle gerichtete Heilsbotschaft !!! Die Zumutung an Freikirchen und Traditionalisten besteht nunmehr darin, dass ein politisches Ziel aus christlicher Perspektive bestehen kann, dass Abschottung, Abgrenzung, Gruppenzwang, Sektenverhalten und Verherrlichung der Gruppe nicht die Heilsbotschaft zu Weihnachten ist. Fraglich ist, ob das Gräulbild der Endzeit nicht notwendig ist, um darauf hinzuweisen, dass geistlicher und weltlicher Machtmissbrauch gemeinsam Hand in Hand gehen. Protest ist menschlich, nützlich und wird immer gebraucht !!!

  2. Spassheide

    Böckenförde hat natürlich recht, dass unsere freiheitliche Staatsform von einem gemeinsamen Konsens abhängt, der nicht staatlicherseits aufgezwungen werden kann und darf. Dass der Staat dabei speziell die Kirchen braucht, das lässt sich daraus allerdings nicht schlussfolgern. Sie tragen zwar wie andere Gruppierungen wie Gewerkschaften, Bildungseinrichtungen etc allein durch ihre Existenz zu dem gesamtgesellschaftlichen Konsens bei; ein Alleinstellungsmerkmal der Kirchen ist es jedoch nicht und rechtfertigt erst recht nicht das Privilegienbündel, das ihnen zugestanden wird.
    (Der weiche Säkularismus ist eine Erfolgsgeschichte. Vor allem für die Kirchen.)

    In DE haben wir eher das Problem, dass das Böckenförde-Diktum durch die staatskirchenrechtlichen Beziehungen, der hinkenden Trennung von Kirche und Staat, eher ad absurdum geführt wurde und immer noch wird, weil die damals verantwortlichen Gesetzgeber meinten, durch verschiedene rechtliche Konstrukte den Kirchen massive Privilegien und ein Mitgliedermaximum zu sichern und diese im Gegenzug dafür das gemeine Kirchenvolk im diesem (wohl eher parteipolitischem) Sinne zu erziehen. Der Staat übt damit zwar nicht selbst den Zwang aus; er hat ihn aber an die Kirchen verlagert. Bei den Gottesbezügen und Gottesehrfurcht als Erziehungsziel in verschiedenen Verfassungen kann man das ähnlich sehen.
    Die gute Zusammenarbeit gründet sich weniger aus der durch das Böckenförde-Diktum ergebende Notwendigkeit sondern auf der religiösen Motivation einiger Politiker.
    Was ist aber, wenn die Bevölkerung den (konfessionell gebundenen) Glauben verliert?

    Jetzt, wo sich in der Bevölkerung auch im Westen immer mehr die Einsicht durchsetzt, dass Religion eigentlich Privatsache in dem Sinne der eigenen, freien Entscheidung sein sollte und immer mehr die Frage gestellt wird, warum der Staat sich so sehr um die Konfessionszugehörigkeit seiner Bürger und damit das Wohlergehen der Kirchen bemüht, ist es kein Wunder, dass die Kirchen immer mehr als Wahlkampfhilfevereine angesehen werden.

    „aber als Werte- und Weltanschauungsinstanz werden sie selbst den Christdemokraten oft unheimlich.“ Die Geister, die ich rief…
    Wohl eher der Verlust der Zugkraft des C´s im Parteilnamen, der sich in der gesellschaftlichen Weiterentwicklung mittlerweile als Klotz am Bein entpuppt.

    • Oliver

      Ein wenig mehr den Beutelsbacher Konsens auch in politischen Religionsdingen betonen, so käme man durchaus nicht auf den Gedanken, dass das politisches Indoktrinationsverbot den Lehrenden nicht verbiete, Schülern ihre Meinung aufzuzwingen. Die Sichtweise des Themenstellers ist eher evangelisch. Das Böckenförde-Dictum hinsichtlich des Säkularismus als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen ist eher katholisch. Vor allem für die Kirchen stellt dies ein religiös-geistliches Spannungsfeld dar, den Bischöfen auch weltliche Macht zu geben bzw. der weltlichen Macht keine geistliche Macht zu überlassen. Hauptthese des obigen Atikels scheint zu sein : „Der „natürliche Partner“ unseres Staates sind also die Kirchen.“ In diesem Sinne stellt sich also die Frage, ob es von Natur aus keine Trennung von Kirche und Staat gibt, die jedoch aber forciert wurde, um den Staat als ein Gebilde der Demokratie darzustellen, welcher im Kontrast zur Kirche gegen die Theokratie aufbegehrt, um gegen den Totalitätsanspruch ein Veto einzulegen. Der Säkularismus garantiert das Recht auf den Einspruch des Individuums gegenüber der Gesamtheit. Die Verweltichung der Gesellschaft erlaubt nämlich das immanente ICH zum DU – und zwar jenes, welches in den Dingen entahlten ist und das sich aus ihrer individuellen und objektiven Existenzweise ergibt. Ein dialogisches Prinzip, welches Martin Buber zuerst erwähnt hat. In diesem Sinne ist der Dialog an keiner Konfession gebunden und kann somit auch nicht verloren gehen. Insbesondere ist der Glaube auch nicht konfessionell gebunden. Es besteht nämlich nach dem Böckenförde-Dictum auch die innere Regulierungskraft des Individuums und nicht des freiheitlich, säkulierten Staates, seinen religösen Status ändern zu dürfen. Ein kollektives Bewußtsein „der Bevölkerung“ gibt es nicht, so dass es in seiner Gesamtheit auch nicht seinen Glauben – sei er konfessionell gebunden oder nicht – verlieren können wird. Der Glaube ist individuell – jedoch die Glaubensbezeugung kann kollektiv geschehen, sie muss es aber nicht. Die CDU besteht überwiegend aus Mitgliedern des katholischen und des evangelischen Glaubens, was jedoch aber bedeutet, dass weder der katholische noch der evangelische Glaube überwiegen darf. Der Konsens innerhalb der CDU ist meines Erachtens nun derjenige, die christliche Glaubensbezeugung auch im Angesicht der Pluralität hinsichtlich beider Konfessionen nebeneinander stehen zu lassen. Es wäre gut, wenn eine gegenseitige Stille das Verhältnis von Kirche und Politik in unserer Zeit bezeichnen würde.

  3. Spassheide

    Gut, dann verliert das Individuum halt nicht den individuellen Glauben. Aber die kollektive, aufoktroyierte und staatlich anerkannte Glaubensbezeugung.

    Ist zwar eine interessante staat-kirchen-philosophische Abhandlung. Sie berücksichtigt aber nicht, dass das Verhältnis Staat – Kirche sich nicht nur durch die Böckenfördische Notwendigkeit und anderer hehrer Ziele ergibt sondern auch durch ziemlich profane Dinge wie Pfründesicherung (Staatsleistungen, Kirchensteuereinzug), Beeinflussung des Wahlindividuums (was aber, siehe oben, schwindet) und andere, auch nicht wirklich ideell geprägte Umstände (unter anderem Planung der einen oder anderen post-politischen Karriere). Und natürlich der Klassiker „von Gottes Gnaden“ in vordemokratischen Zeiten.
    Und in Schule, Arbeitswelt etc hat der eine oder andere wahrscheinlich auch schon unangenehme, religiös motivierte Erfahrungen machen dürfen.

    Ich denke nicht, dass man solche Erlebnisse mit Böckenförde, Buber und anderen hochphilosophisch begründen kann.

    • Oliver

      Über die Trennung von Staat und Religionen – Der Böckenförde-Fehlschluss
      https://hpd.de/artikel/boeckenfoerde-fehlschluss-12849

      „Die darauf aufbauenden Einwände gegen eine säkulare Gesellschaft entstammen dem politischen Hintergrund unter dem der Jurist seine Beobachtung darlegte:

      Das war also noch vor 1965, als am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils die katholische Kirche erstmals die Religionsfreiheit voll anerkannte. In diese Skepsis hinein forderte ich (Böckenförde) die Katholiken auf, diesen Staat zu akzeptieren und sich in ihn einzubringen, unter anderem mit dem Argument, dass der Staat auf ihre ethische Prägekraft angewiesen ist.“

  4. Oliver

    Vortrag bei der Konferenz „Glaube und Theologie. Reformatorische Grundeinsichten in der ökumenischen Diskussion“

    https://www.ekd.de/vortrag-bei-der-konferenz-glaube-theologie-globale-gesellschaft-29308.htm

    „Positive Religionsfreiheit … – … Anders als der christliche Staat der früheren Jahrhunderte, so die Pointe dieses Zitats, kann der freiheitliche Staat nicht mehr eine bestimmte religiöse Basis definieren, deren Verinnerlichung die Bürger an ihren Staat bindet. Würde er das tun, verlöre er seine Freiheitlichkeit, denn er müsste die Exklusion derer hinnehmen, die diese religiösen Grundlagen nicht aus Freiheit mittragen könnten.“

  5. Spassheide

    Schön, das sollte natürlich so sein. Ist es in der Realität aber nicht.

    Böckenförde wurde noch kürzlich bei den Gottesbezügen in Schleswig-Holstein und Hessen gequält. Und Bedford-Strom, auch Kardinal Marx und andere, räumen mittlerweile kleinlaut ein, dass die Kirchenmitgliedschaft früher in auch in der BRD nicht unbedingt immer freiwillig war.

    „denn er müsste die Exklusion derer hinnehmen, die diese religiösen Grundlagen nicht aus Freiheit mittragen könnten.“
    Schönes Beispiel sind Kitas und vor allem die Bekenntnisschulen öffentlicher Trägerschaft in NRW, die dazu führen, dass Eltern ihre Kinder nur für den Anspruch einer wohnortnahen Unterbringung taufen lassen. Wird mittlerweile als staatlich geförderte Bildungsapartheid und Segregation kritisiert.
    Schon mal einen Blick auf die Rückseite der Abstammungsurkunde geworfen? Da wird definitiv nur von Taufe gesprochen. Andere Religionen sind nicht existent. Oder die Lohnsteuerkarte? Der Konfessionseintrag war natürlich auch ein schönes Druckmittel. Gerade in ländlichen Bereichen. Auch die gesetzlichen Regelungen an christlichen Feiertagen sind ein leuchtendes Beispiel für staatlich gewollte Freiheit.

    In DE gibt es genug Beispiele, die solche wohlklingende Erklärungen als leere Worthülsen entlarven.

  6. Spassheide

    In DE wird nicht ohne Grund auch von der hinkenden Trennung gesprochen.

  7. Spassheide

    Ach ja:

    § 2 des Schulgesetzes NRW, Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule:
    Absatz 2: Ehrfurcht vor Gott,

    Ähnliche Formulierungen findet man auch in anderen Landesschulgesetzen.
    (Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit hat der damalige Gesetzgeber damit speziell nur den Gott der Christen gemeint hat.) Wenn man das schon gesetzlich festlegen muss, kann man davon ausgehen, dass da durchaus ein gewisser Zwang erzeugt werden sollte. Er wird zwar praktisch kaum noch praktiziert, aber welchen Sinn hat so ein Passus denn sonst?

    • Oliver

      Die Realität bezieht sich auf vor allem auf die Förderwürdigkeit, so auch wie beim Beutelsbacher Konsens. Demnach wird unterstützt, was einem gewissen Konsens unterliegt. Konsens ist die inhaltliche Übereinstimmung von Tatsachen und Informationen, die friedliche gestaltet wird. Folglich trifft der Konsens für den Politikunterricht auch auf den Religionsunterricht, sofern es um politische Dinge geht. Des Weiteren ist der Aspekt „Ehrfurcht vor Gott“ interpretierbar und wenn überhaupt ein unbestimmter Rechtsbegriff in den entsprechenden Gesetzen bzw. Verfassungen. Jedoch kann dies auch eine Reflexion sein, denn politisch gesehen muss etwas anerkannt werden, um durch den Staat einen gewissen Schutz bzw. eine gewisse Förderung zu erlangen :

      Der Konsens legt drei Prinzipien für den Politikunterricht fest. Von der Bundeszentrale für politische Bildung anerkannte Bildungsträger müssen alle drei Prinzipien anerkennen, um förderungsfähig zu sein.

      Überwältigungsverbot

      Gemäß dem Überwältigungsverbot (auch: Indoktrinationsverbot) dürfen Lehrende Schülern nicht ihre Meinung aufzwingen, sondern sollen Schüler in die Lage versetzen, sich mit Hilfe des Unterrichts eine eigene Meinung bilden zu können. Dies ist der Zielsetzung der politischen Bildung geschuldet, die Schüler zu mündigen Bürgern heranzubilden.

      Kontroversität

      Das Gebot der Kontroversität (auch: Gegensätzlichkeit) zielt ebenfalls darauf ab, den Schülern freie Meinungsbildung zu ermöglichen. Der Lehrende muss ein Thema kontrovers darstellen und diskutieren können, wenn es in der Wissenschaft oder Politik kontrovers erscheint. Seine eigene Meinung und seine politischen wie theoretischen Standpunkte sind dabei für den Unterricht unerheblich und dürfen nicht zur Überwältigung der Schüler eingesetzt werden.

      Schülerorientierung

      Das Prinzip Schülerorientierung soll den Schüler in die Lage versetzen, die politische Situation der Gesellschaft und seine eigene Position zu analysieren und sich aktiv am politischen Prozess zu beteiligen sowie „nach Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene politische Lage im Sinne seiner Interessen zu beeinflussen.“

      Folglich wäre es angebracht, wenn diese 3 Prinzipien im gewissen Maße auch für etwas Geltung finden sollten, die einen Gottesbezug im Staat und der Politik und der Gesellschaft enthalten :

      Indoktrinationsverbot – Gegensätzlichkeit – Glaubensorientierung

      Was ist denn Ehrfurcht vor Gott ? Mit dem weltlichen Gesetz gesehen ?
      Soll der Staat etwa dem Einwohner Deutschlands vorschreiben, wie er zu glauben hat ?

      Wohl Kaum !!!

  8. Spassheide

    Wenn man bedenkt, dass sich vor allem die C-Parteien um Gott in Präambeln und folgenden Gesetzestexten sorgen, ist davon auszugehen, dass es vor allem um den christlichen Gott geht. Mittlerweile wird der Begriff, um Kritikern etwas Wind aus den Segeln zu nehmen, etwas weiter gefasst. Aber wieso steht den Gott überhaupt in den Gesetzestexten wenn der so unbestimmt ist?
    Natürlich schreibt der Staat nicht den Menschen den Glauben vor; die staatskirchenrechtliche Situation in DE ist aber durchaus so gestaltet, dass sie früher vor allem den beiden Amtskirchen ein Mitgliedermaxium gesichert hat. Immerhin eine Verbesserung zu früheren Zeiten, wo man überhaupt keine Wahlfreiheit hatte. Das ganze als Konsens zu bezeichnen halte ich für gewagt. Der scheint wohl nicht wirklich zu bestehen, wenn mittlerweile fast so viele im Jahr austreten wie getauft werden.
    Und für den Beutelsbacher Konsens ist natürlich der konfessionelle Unterricht besonders geeignet.
    Na, wer´s glaubt wird selig.

    • Oliver

      Wenn man bedenkt, dass die von Ihnen kritisierten Tatsachen vor allem durch Prozesse entstanden sind, so stellt sich die Frage, ob sich Ihre Kritik überhaupt an zeitlichen Veränderungsprozessen messen lassen oder nicht. Folglich zeigt Ihre Anti-Staatskirchen-Haltung eine versteckte Sympathie für Freikirchen. Seit wann sind denn aber die Freikirchen und Sekten eigentlich in Deutschland erlaubt ? War dies nicht auch eine Art Veränderungsprozess ? Welche Veränderungen sind Ihnen denn nun genehm und welche nicht ? Das landesherrliche Kirchenregiment gibt es für die evangelische Kirche seit 1918 nicht mehr und für die katholische Kirche sowieso nicht mehr sei dem Reichsdeputationshauptschluss von 1802 / 1803, welcher die Auflösung der geistlichen Fürstentümer erstmals mit einer Toleranzpolitik gegenüber den drei Konfessionen reichsweit durchzusetzen begann. Bemängeln Sie jetzt etwa die historische Toleranz, die es den Freikirchen erlaubte, eine Existenz anzumelden ? Es gab nie ein Mitgliedermaximum für die Landeskirchen, sondern eine durch die Geschichte geprägte veränderte Ansicht, was christlich sei. In welchem Jahrhundert würde Sie denn leben wollen, um gleichzeitig Ihr jetziges Recht auf Kritik aufrechterhalten zu dürfen ? Meinen Sie etwa, dass es bei den heutigen Freikirchen keinen Gruppenzwang gibt, so dass man als Mitglied jederzeit Kritik äußern dürfte ? Stellen Sie sich vor, heute dürfen Sie sogar Kritik an das so genannte Staatskirchentum äußern, ohne Mitglied zu sein. Warum sollten also die Parteien mit dem „C“ Kritik äußern, wenn es keinen Grund hierfür gebe, Begriffe eng auszulegen ? Es gibt vor allem keinen christlichen Gott, sondern nur einen Gott. Fraglich ist nur, ob Ihr Gott auch der meine ist, sofern Sie darauf behaaren wollen, dass es einen christlichen Gott geben solle.

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