Das Land stirbt aus Ein leidenschaftlicher Appell gegen das "Land-Stadt"-Denken
CC Johann Jaritz, Landhaus. Innere Stadt. Klagenfurt. Kärnten. Österreich. EU,

Es ist gewisslich kein schöner, beruhigender Weihnachtsgedanke, den ich hier verfasse. Aber es betrifft all diejenigen Gemeinden in Österreich, die in den letzten Jahren einen empfindlichen Bewohnerverlust zu beklagen hatten – Weihnachten hin oder her. Die Problematik macht – so zumindest die aktuelle Entwicklung – auch nicht vor den Pfarrgemeinden halt. Persönliche Belange, Jobmöglichkeiten für die Partnerin oder den Partner, das ländliche Angebot erscheint vielen Kommiliton*innen schlichtweg als wenig reizvoll.

Systematische Ausdünnung

Es klingt hart. Systematisch – das klingt nach einer Art staatlich organisierter Verarmung des ländlichen Raums. Als hätte eine Regierung einen geheimen Plan verfolgt, um die Provinz auszudünnen. Das stimmt so natürlich nicht. Und es geht an dieser Stelle jetzt auch nicht darum, wer „Schuld“ an dieser Entwicklung hat, vielmehr soll hier einmal die Situation zur Sprache kommen. Sie hat System, denn die ländlichen Regionen haben in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten eine Ausdünnung ihrer Infrastruktur erfahren müssen und sind bis zum heutigen Tag gegenüber den Städten strukturell und finanziell benachteiligt.

Ein perfektes Beispiel dafür ist die Österreichische Post. Bereits in den 1990er Jahren wurde der Postdienst Stück für Stück verselbstständigt. 1999 wurde schließlich die Österreichische Post AG rechtlich eigenständig und in den darauffolgenden Jahren schrittweise privatisiert (heute hält der Österreichische Staat knapp über 50% der Aktienanteile). Anfang der 2000er-Jahre erfolgten zahlreiche Schließungen von Postämtern, vor allem auf dem Land. Braucht eine Marktgemeinde mit 4.500 Einwohnern ein Postamt? Nein, braucht sie nicht. Der „Postpartner“ war dann eine Zeitlang zum Beispiel die Apotheke, Pakete konnten dort jahrelang verschickt oder abgeholt werden. Aber diese Partnerschaft war aufgrund zu hoher Auflagen seitens der Post AG für die Apotheken unrentabel und zu aufwändig geworden. Die nächste Post findet man nun in ca. 12 km Entfernung. Ohne Auto ist diese Strecke unzumutbar.

Aber was soll es schon bedeuten, dass ein Postamt aus einem Ort verschwindet? Die Postzustellung erfolgt schließlich nach wie vor. Die Post ist vielmehr zur Symbolfigur der zunehmenden Abwanderung aus ländlichen Gebieten geworden. Ich selbst bin in einem ländlichen Gebiet aufgewachsen, einer Bezirksstadt in Kärnten mit ca. 14.000 Einwohnern. Daher fällt das Gebiet nicht in die Kategorie „primärer Verlierer“ der Abwanderung. Besonders heftig fällt aber das „Wirtesterben“ in den umliegenden Ortschaften und teilweise auch in der Bezirksstadt selber aus: Bereits 2015 stellte man fest, dass ca. jeder fünfte Wirt auf dem Land – im Bundesland Niederösterreich beispielsweise – zusperren musste. „Es mangelt an Konzepten“, hört man da oder dort seitens der Wirtschaftskammern oder der Arbeitnehmervertretung. Getreu dem Motto: Landgasthaus ist out, Landzauber mit Streichelzoo oder Golfplatz gefragt. Oft mangelt es aber schlicht an Abnehmern oder die Wirte sind mit Registrierkassen, Raucherregelung und Allergenbeschreibung überfordert und fühlen sich alleine gelassen.

Ferienstimmung und Katerfrühstück

Ohne Tourismus könnten strukturschwache Regionen kaum überleben. Von der Landwirtschaft alleine überlebt man nicht mehr. Abgesehen davon, dass in ganz Österreich unter 3% der Menschen im bäuerlichen Betrieben arbeiten sind mehr als die Hälfte von diesen nurmehr zur Teilzeit im Stall beschäftigt. Ohne staatliche und europäische Subventionen würde das „Bauernsterben“ noch rascher vorangehen, momentan geben um die 2% der Bauern pro Jahr ihre Betriebe auf [1]. Die Subventionen sind aber nötig, um die – gerade bei Touristen so geschätzte – Kulturlandschaft in Österreich überhaupt noch aufrecht zu erhalten. Ein Bergbauernbetrieb wirft keine „Gewinne“ ab.

Aber abseits des Tourismus grenzt es zahlenmäßig beinahe an Idealismus, dass Menschen überhaupt noch in der ländlichen Region leben und arbeiten. Zunehmend geraten die strukturschwachen Regionen ans Ende der Einkommensstatistik. Geringe schulische Ausbildungsmöglichkeiten für Erwachsene und Kinder. Benachteiligung bei der Infrastruktur, in punkto Glasfaserverbindung etwa – auch wenn sich hier etwas tut  – und noch viele andere Punkte machen ein Leben auf dem Land für junge Menschen sehr unattraktiv. Zahlreiche ehemalige Schulkolleginnen und Kollegen arbeiten nicht mehr in meinem Heimatbundesland, sondern in den Städten Wien, Linz oder Graz. Hier kann das Bruttoeinkommen für die gleiche Arbeit in manchen Fällen um gut ein Drittel höher sein. Umso mehr bewundere ich Menschen – je länger ich mich in Wien aufhalte – die trotzdem aufs Land gehen, die mit Innovation und Kreativität den ländlichen Raum bewegen und in den jeweiligen Regionen Perspektiven schaffen.

Ausgedünnte Seelsorge

Seelsorge – in gut-lutherischer Tradition zähle ich hier das gesamte geistliche Geschehen mit ein – ist in Österreich derzeit beinahe Mangelware. Die römisch-katholische Kirche hat in den vergangenen Jahren, aufgrund des Mitglieder- und Priestermangels, zahlreiche Gemeinden zusammengelegt und so manch ein römischer Pfarrer hat mehr als drei Landgemeinden zu betreuen. Zeit für professionelle Seelsorge gibt es kaum. Ähnlich verhält es sich mit den evangelischen Kirchen. Der Mangel an Pfarrerinnen und Pfarrern in der Diözese Kärnten-Osttirol wird auf absehbare Zeit kaum besser werden.

Den evangelischen Nachwuchs zieht es zudem nicht mehr aufs Land. Entweder, weil die Partnerin oder der Partner an einen Arbeitsplatz in Stadtnähe gebunden ist, oder, da schlichtweg das Land in den vergangenen Jahren einen mehr und mehr „rückständigen“ Charakter angehängt bekommen hat. Dies bemerkte ich unter meinen Mitstudierenden bei der Bundespräsidentenwahl im Jahr 2016 besonders deutlich. Von einem großen „Stadt-Land-Gefälle“ war hier oft die Rede, ein Schisma wurde Österreich beinahe schon attestiert. Dieser Eindruck täuscht. Van der Bellen konnte zum Beispiel im zweiten Wahlgang gerade auf dem Land Boden gut machen. Und ich wage generell zu bezweifeln, dass eine Wahl mit 72% Beteiligung das schlechthinnig ausschlaggebende Barometer für plakativ rückständig oder plakativ fortschrittlich ist.

Es gibt etwas zu tun…

Ich traue mir aus theologischen Überlegungen heraus persönlich nicht zu, dass ich in das Berufungsgeschehen eines jungen Theologiestudierenden eingreifen könnte: Wohin Gott Menschen führt bleibt ein unlösbares Mysterium. Aber ich wünsche mir eine Öffnung des Horizonts und des Diskurses. Schwarz-Weiß-Denken, umgemünzt auf Land-Stadt-Denken, wird die Probleme dabei nicht lösen. Menschen brauchen ausgebildete Pfarrerinnen und Pfarrer, die professionelle Seelsorge anbieten können. Und der Bedarf dazu ist riesig, gerade in der „Provinz“. Ich erlebe einen zunehmenden Rückzug meiner Kirche aus den strukturarmen Regionen und betrachte diese Entwicklung mit Sorge. Nicht, dass eine Gemeinde nicht ohne eine ordinierte Amtsperson auskommen könnte – dies lässt sich aufgrund der Geschichte der Protestanten in Österreich vielmalig widerlegen – aber wo keine Professionalität vorherrscht übernehmen oftmals andere das Zepter. Ich kenne alte evangelische Gebiete in Österreich, in welchen evangelikale Freikirchen nach der Reihe entstehen und ich erdreiste mir die Wertung, diese Entwicklung als nicht unproblematisch zu betrachten.

Gewisslich habe ich mancherorts die Dinge in diesem Artikel ein wenig zugespitzt. In diesem Artikel schwingt Leidenschaft mit, die mir momentan viel Leid verschafft. Ich möchte mich nicht mehr abfinden mit ebenso zugespitzten Vergleichen à la: „Hier die Provinz, da die Zivilisation“. Ich erkenne in Österreich momentan eine – von allen Seiten mitgetragene – zunehmende Polemisierung zwischen „Stadt“ und „Land“. Ich möchte dem tatkräftig entgegenwirken.

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