22. Dezember Vom lebendigen Advent…

Vom Adventsgottesdienst zum Weihnachtsmarkt zum Adventsliedersingen zur Weihnachtsfeier zum Plätzchenbacken zum Weihnachtsshopping und weiter zur nächsten Weihnachtsfeier. Wenn man sich einmal damit abgefunden hat, dass es unglaublich viel zu tun gibt und man eigentlich alles gerne macht, dann ist es kein Stress mehr. Dann sind es einfach jede Menge besinnliche Aktivitäten. Jedes Jahr neu nehmen wir uns vor, weniger zu unternehmen, würden es dann aber doch bereuen, etwas ausfallen zu lassen. Mittlerweile gehört der Stress zur Weihnachtszeit und das könnte vor allem die Kirche zugeben – sie tut ihren Teil zum übermäßigen Veranstaltungsangebot dazu und kann sich das Mahnen zur Besinnlichkeit oft sparen. Wieso ist der Stress in der Weihnachtszeit eigentlich immer so schlimm und verteufelt? Kann man nicht auch von Besinnlichkeit zu Besinnlichkeit hetzen? Vielleicht ist die Weihnachtszeit stressig, aber doch wohl positiver Stress, oder?

Für mich geht die Besinnlichkeit nicht durch die Hetze verloren, weil ich in meinem Alltag auch gerne überall dabei sein möchte und irgendwie immer unterwegs bin. Woraus ich dabei meine Kraft ziehe, sind die Ruhemomente, die ich für mich alleine habe. Und die schwinden tatsächlich in der Weihnachtszeit, wegen der vielen tollen gemeinschaftlichen Aktivitäten. Das ist schön, schließlich ist Gemeinschaft ein zentrales Gut im Christentum und damit besteht auch irgendwie ein Bezug zum Advent. Gemeinschaft kann auch ziemlich „besinnlich“ sein und damit der Idealzustand der Adventszeit.

Aber Gemeinschaft kann auch anstrengend sein. Das weiß jede(r), die/der auf dem Weihnachtsmarkt sogar anstehen muss, nur um die Glühweintasse zurückzugeben. Wenn wir uns nach drei aufeinanderfolgenden Feiertagen mit Familie erschlagen fühlen, liegt das meist nicht nur an dem Essen. Und in der Adventszeit haben viele Weihnachtsfeiern fast schon verpflichtenden Charakter gewonnen, wenn dann sogar „Wichteln“ angesagt ist, gilt es nur noch ein Geschenk mehr kaufen zu müssen – außer es ist Schrottwichteln. Dann wird Gemeinschaft zum negativen Stress.

Die gesellschaftliche Erwartung an besonders viel Gemeinschaft, Besinnlichkeit, Gemütlichkeit und freudige Erwartung wird besonders dann schwierig, wenn man so überhaupt (noch) gar nicht dazu in Stimmung ist. Gerade beim grundlosen Winter Blues oder Melancholie mit Ursache kann zu viel Gemeinschaft auch den Stress verstärken und vom Wesentlichen ablenken.

Vom inneren Advent

Besinnlichkeit heißt, sich auch auf das zu besinnen, was im tiefsten Innern ist, was vielleicht nur man selbst braucht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das gilt für Atheistinnnen und Fromme gleichermaßen. Was ist mir eigentlich (gerade oder immer) wichtig? Diese Frage zu stellen ist selbst ein menschliches Bedürfnis – neben der Gemeinschaft. Manchmal tut uns besonders in der Weihnachtszeit ein innerer Advent ganz gut. Ein Stündchen Allein-Sein. Im Kerzenschein alleine entspannen, alleine Weihnachtslieder hören (und schräg mitsingen, ohne dass es jemanden stört) oder vielleicht auch die Gemeinschaft nur mit Gott suchen, in einem stillen Gebet. So wird dem „Geist der Weihnacht“ oft mehr Raum gegeben, als in vielen anderen „adventlichen Aktivitäten“. Und auch das darf sein, der Advent ermutigt uns sogar dazu. Manchmal lässt er sich sogar besser genießen und am Ende heißt es dann vielleicht nicht, die Weihnachtszeit sei wieder so schnell vorbeigegangen.

Auch jetzt ist es noch nicht zu spät! Einmal kurz vergessen, was der nächste Programmpunkt ist und welche Geschenke noch fehlen. Diese Momente sind natürlich selten und doch sind sie für mich besonders adventlich. Sie machen mich dankbar für die vielen Geschenke, die mir schon gegeben wurden.

Und bevor das große Fest und noch größere Gemeinschaft wirklich vor der Tür steht, ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt das Alleinsein zu genießen. Ab dem Heiligabendgottesdienst, egal ob als Pflichtprogramm, Tradition oder Feier der Geburt Jesu Christi –  wenn man dort eingequetscht auf der Bank sitzt, weiß man eigentlich, dass es für wahre Besinnlichkeit schon wieder zu spät ist.

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