6. Dezember Mister Marty oder: der Mann mit dem Regenschirm

Ein Weihnachtsmann am Nikolaustag

In kirchlichen oder kirchlich-intellektuellen Kreisen gehört es schon seit langer Zeit zum guten Ton, den Weihnachtsmann doof zu finden. Viel zu amerikanisch, überzeichnet, ohne religiösen Bezug. Coca-Cola-Kommerz-Kapitalismus. So lauten die einschlägigen Kritikpunkte, die sich auch in den Bioläden und Spielplätzen von Stuttgart West oder dem Prenzlauer Berg finden – ganz unabhängig davon, ob die Kritiker*inenn selbst Christen sind. Der Weihnachtsmann ist der personifizierte vermeintliche Kulturverfall.

Ich möchte die Chance des Adventskalenders am Nikolaustag nutzen, um einen ganz besonderen Weihnachtsmann vorzustellen: Mister Marty oder der Mann mit dem Regenschirm. Mister Marty ist eine Nebenfigur in dem Weihnachtsfilm „Verrückte Weihnachten“ aus dem Jahre 2004. Dieser Film, der nicht alle Kritiker*innen restlos überzeugte, würde auch von den Kritiker*innen des Weihnachtsmanns mit Sicherheit nicht gut geheißen. Zu laut, zu schrill, zu zuckrig. Unabhängig davon ist da Mister Marty. Eine alter, aufgeweckter, kleiner Mann, der sich in einem Feinkostladen mit Erfolg zu einer spontanen Party einlädt. Auf dieser Party scheint er alle gut zu kennen, aber niemand kennt ihn. Aus Höflichkeit fragt niemand nach. Am Ende wird er vom Gastgeber der Party erkannt. Marty hat als Weihnachtsmann verkleidet den Kunden eines Feinkostgeschäfts Regenschirme angeboten. Und den Gastgeber mit seiner Höflichkeit unendlich genervt. Im Abspann des Films sieht man, wie das Auto von Mister Marty von Rentieren gezogen durch den Himmel fliegt.
Klassisches Ende. Die Frage bleibt halb offen, halb beantwortet: Ist dieser merkwürdige alte Mann der Weihnachtsmann? Die Figur ist sympathisch. Ein bescheidener älterer Herr, der für eine miese Bezahlung vor einem Geschäft den Kund*innen Regenschirme austeilt. Ihn selbst lernen die Menschen nicht kennen, er selbst „lernt immer interessante Menschen kennen“.

Der Weihnachtsmann ist nicht nur die Symbolfigur für weihnachtlichen (und insbesondere vorweihnachtlichen) Kommerz, er ist auch die Projektionsfläche für Sehnsüchte. Und genau darin ist er nicht nur eine Kopie des Nikolauses, sondern darin liegt ihre große Ähnlichkeit. Der kitschige „Coca-Cola-Weihnachtsmann“ hat mehr mit Nikolaus gemeinsam als der knorrige „Knecht-Ruprecht-Nikolaus“ der altdeutschen Tradition. Die ersten beiden geben bedingungslos. Während der bürgerliche Nikolaus aus „der guten alten Zeit“ nur den braven Kindern etwas bringt, bekommen bei Santa Claus alle etwas. Mister Marty gibt auch den unfreundlichsten Kunden einen Regenschirm. Und somit haben die im Weihnachtsmann gespiegelten Sehnsüchte etwas absurdes. Der Weihnachtsmann, der Alle beschenkt ist die Werbefigur für das große Geschäft.

Und so ist auch die kleine, unbedeutende Figur des Mister Marty ein Figur gewordener Wunsch. Der Wunsch, dass der Weihnachtsmann eben kein lauter, dröhnender Typ im Bademantel ist. Sondern ein aufmerksamer Beobachter. Der die Menschen und ihre wahren Wünsche kennt. Der dir immer einen Regenschirm anbietet, wenn du ihn brauchst. Ich finde: eine gute Sehnsucht. Gerade am Nikolaustag!

Schlagwörter: , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.