4. Dezember Der Baum

Als ich noch klein war, gab es in meiner Familie eine schöne Tradition: Egal wie sehr wir uns im Alltag aus dem Weg gegangen sind und aneinander vorbei gelebt haben, wir haben uns immer an den Adventssonntagen im Wohnzimmer getroffen. Wir haben die Kerzen am Adventskranz angezündet, Tee getrunken und den ersten, von Mama schon im Oktober gebackenen Stollen gegessen – natürlich den mit der Marzipanfüllung. Dazu gab es eine Weihnachtsgeschichte. Ein Stückchen Ruhe in der ansonsten so stressigen Vorweihnachtszeit. Ich habe es geliebt!

Heute ist das leider verloren gegangen. Das liegt natürlich auch daran, dass meine Schwester und ich schon in der Pubertät das irgendwie nicht mehr so schön fanden und mittlerweile auch schon lange ausgezogen sind. Dennoch denke ich gerne daran, wie schön das doch war: Endlich mal keinen Streit, keinen Stress, keinen Druck. Einfach nur da sein und genießen.

Meine absolute Lieblingsgeschichte aus dieser Zeit habe ich leider im Internet nicht finden können, sonst hätte ich sie euch verlinkt. Deshalb möchte ich sie euch gerne erzählen:

Der Baum von Margret Rettich (frei nacherzählt von mir)

Heiner und Mieke Bollmann leben mit ihren Kindern und Oma gemeinsam in einem Mehrgenerationenhaus mit einem großen Garten, in dem sie jedes Jahr eine neue Tanne pflanzen und die größte fällen, damit sie Christbaum wird. Dafür ist Heiner Bollmann zuständig. In dem Jahr, in dem die Geschichte spielt, lässt der Dezember wettertechnisch allerdings sehr zu wünschen übrig: Es regnet sehr viel. In der Nacht vor Heiligabend allerdings wird es doch noch winterlich kalt, so dass die Tannen im Garten am nächsten Morgen von einer dicken Eisschicht bedeckt sind. Heiner Bollmann schlägt dennoch den größten, denn ohne Christbaum, das wäre ja kein Weihnachten. Doch Mieke Bollmann will ihn mit dem vereisten Ding nicht in die Gute Stube und auf den neuen Teppichboden lassen. Also wird der Baum erstmal im Schuppen abgestellt.

Nach dem Frühstück will Heiner Bollmann ihn dann, wenn er sicher abgetaut ist, aufstellen, damit er fertig ist, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Sie sollen den Baum schließlich vor dem Abend nicht zu sehen bekommen. Das Problem daran ist: Im Schuppen ist es auch nicht viel wärmer, der Baum ist also weiterhin voller Eis. Heiner Bollmann schleppt ihn also über den Hof in die Waschküche, heizt den Kessel an und „kocht“ den Baum darin, so dass er zu duften beginnt. Den nun zwar abgetauten, aber klitschnassen Baum will Heiner Bollmann also erneut ins Haus tragen, aber Mieke Bollmann lässt ihn auch dieses Mal nicht rein: „Der neue Teppichboden!“

Heiner Bollmann überlegt und bringt den Baum schließlich in den Schweinestall, wo er in Ruhe trocknen kann. Da es mittlerweile spät ist, gehen Mieke Bollmann, Oma und die Kinder ohne Heiner Bollmann in die Kirche. Der nutzt die Zeit, um sich endlich zu waschen, zu Mittag zu essen, denn das musste die Familie wegen des Baumdesasters alleine tun, und findet sogar noch Zeit, kurz die Füße hochzulegen. Schließlich trägt er den nun trockenen und von den Schweinen nur minimal angeknabberten Baum in die Gute Stube und schmückt ihn feierlich.

Als der Rest der Familie aus der Kirche kommt, ist sie sprachlos vor Staunen. So einen schönen Baum hatten sie sicherlich noch nie! Er ist frisch und grün und wird sicher bis zum 10. März durchhalten, denn da hat Oma Geburtstag und will jedes Jahr noch einmal die Kerzen am Baum brennen sehen. Allerdings den leichten Geruch nach Schweinestall behält er auch.

Schlagwörter:

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.