Zum Tag der Beseitigung der Gewalt gegen Frauen #orangetheworld
Quelle: United Nations

Heute, am 25.11., ist der internationale Tag der Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.

Über sexuelle Gewalt gegen Frauen wurde in jüngster Zeit oft berichtet, sei es auf internationaler Ebene der „Weinstein-Skandal“, die Anschuldigungen gegen Kevin Spacey oder auch die sexuellen Belästigungen auf der Klimakonferenz, die zu Beginn des Monats in Bonn stattfand.

Doch Gewalt gegen Frauen betrifft nicht nur das Showbusiness oder unterdrückte Frauen auf der anderen Seite des Erdballs und findet auch nicht nur auf sexuelle Art in Form von Belästigung bis hin zur Vergewaltigung statt. Gewalt gegen Frauen gibt es leider überall, zu jeder Zeit und in jeder Form.

Im Schnitt erlebt weltweit eine von drei Frauen im Laufe ihres Lebens physische und/oder sexuelle Gewalt in irgendeiner Form.

Nach einer Studie der WHO von 2002 starben weltweit mehr Frauen zwischen 15 und 44 Jahren an den Folgen von Gewaltausübung und es erlitten auf diese Weise mehr Frauen in dieser Altersspanne Behinderungen als durch Krebs, Malaria, Autounfälle und Krieg zusammen.1

Anhand der Kriterien Alter, Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht und Religionsgemeinschaft, Bildung und Herkunft lassen sich zwar Unterschiede in Bezug auf die Häufigkeit und Ausprägung, mit der Gewalt gegen Frauen geschieht, feststellen, doch eins ist klar: Gewalt gegen Frauen ist ein globales Problem.

Alle großen Religionen, Weltanschauungen und Kulturen kennen in ihrer Geschichte die Verachtung und Unterdrückung des weiblichen Geschlechts. Frauenfeindlichkeit machte auch vor herausragenden Persönlichkeiten des Christentums keinen Halt, so meinte Luther einst: „Die größte Ehre, die das Weib hat, ist allzumal, dass die Männer durch sie geboren werden.“ und der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos: „Die Weiber sind hauptsächlich dazu bestimmt, die Geilheit der Männer zu befriedigen.“

Formen der Gewalt

Solche frauenverachtenden Äußerungen zählen zur strukturellen Gewalt, die, wenn auch mittelbar, Einfluss auf die Selbstbestimmung der Frau hat, ebenso wie unmittelbare, körperliche und psychische Gewalt. Zur Gewalt gegen Frauen zählt jede Handlung geschlechtsbezogener Gewalt, die der Person körperlichen, sexuellen, psychischen Schaden oder Leid zufügt oder zufügen kann, einschließlich der Androhungen derartiger Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsberaubung in der Öffentlichkeit, sowie auch im Privatleben.

Formen der Gewalt sind demnach körperliche Gewalt, strukturelle Gewalt (z.B. frauenfeindliche Werbung, diskriminierende Rollenbildvermittlung, Sexismus), Gewalt im Zusammenhang mit der Mitgift (sogenannte „Mitgiftmorde“), Frauenhandel wie Haushaltssklaverei (die UN schätzte 2004 die Zahl der Sklaven in Haushalten auf 10 Millionen), sogenannte „Katalogbräute“, Zwangsprostituierte, die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts von Frauen über ihren Körper, (z.B. Zwangssterilisation, Genitalverstümmelung), sexualisierte Gewalt und sexuelle Ausbeutung, Vergewaltigungen, sowohl in Beziehungen als auch außerhalb solcher, oder auch Kriegsvergewaltigungen, gezielte Abtreibung weiblicher Föten, psychische Gewalt, sexuelle Belästigung und Einschüchterung (z.B. am Arbeitsplatz, in Bildungseinrichtungen, o.ä.), Zwangsehen, Kinderheirat, sowie jegliche vom Staat ausgeübte oder geduldete körperliche, sexuelle und psychische Gewalt, wo immer sie auftritt.2

Die Folgen

Die Folgen von Gewalt gegen Frauen betreffen die Frauen selbst am stärksten, allerdings auch deren Familien und die Gesellschaften als Ganzes: Sie zerstören die Selbstachtung, den Körper und die Seele der Frau und schaden ihrer individuellen Zukunft. Zudem nimmt die erlebte Gewalt auch gesamtgesellschaftlich betrachtet Einfluss auf die Möglichkeit, dass die nächste Generation in gesunden familiären Beziehungen mit Wertschätzung aufwachsen kann. Nach den neusten Erkenntnissen aus der Hirnforschung bewirkt ein Trauma sogar Veränderung im Erbgut und wirkt sich somit auf die psychische Gesundheit nachfolgender Generationen aus.

Auch verursachen körperliche und psychische Schäden Kosten für medizinische Versorgung und Krankschreibungen am Arbeitsplatz. Um ein Beispiel zu nennen: Die australische Regierung berechnete, dass die Gewalt gegen Frauen und Kinder das Land jährlich 11,38 Milliarden US$ kostet. 3

Nicht nur direkt durch Menschen angewendete Gewalt ist eine Gefahr für Frauen, sondern auch unzureichende medizinische Versorgung. Das Risiko für Frauen wegen unzureichender Gesundheitsversorgung während der Geburt oder an den Folgen von Geburtskomplikationen zu sterben ist hoch. „Alle zwei Minuten stirbt – statistisch gesehen – irgendwo auf der Welt eine Frau an den Folgen einer Schwangerschaft oder Geburt“.

Zudem sind Frauen im Vergleich zu Männern häufiger von Bildung und Rechten ausgeschlossen, außerdem vermehrt von Armut betroffen, gerade abseits Mitteleuropas.

Gewalt ist eine Verletzung der Menschenrechte

Gewalt gegen Frauen, insbesondere im häuslichen Bereich oder in sexuellen Beziehungen, wurde lange Zeit als Privatangelegenheit betrachtet, sodass Staat und Öffentlichkeit sich nicht in der Pflicht sahen, einzugreifen. Doch es ist der Auftrag des Staates, die Menschenrechte aller Bürger mittels Gesetzen, Strafverfolgung, Aufklärung und Beseitigung der Umstände struktureller Gewalt zu schützen.

Die Situation für Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten, insbesondere in den westlichen Staaten, erheblich verbessert. Allen voran ist hier das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt („Istanbulkonvention“) zu nennen. Der erstmals 2011 ausgearbeitete und 2014 in Kraft getretene Vertrag richtet sich mit verbindlichen Rechtsnormen gegen Gewalt an Frauen. Bis zum heutigen Zeitpunkt wurde das Übereinkommen von 45 Staaten unterzeichnet, doch nur von 27 ratifiziert (erst durch die Ratifikation erhält ein Vertragstext Rechtskraft und ist völkerrechtlich gültig). Deutschland hat die Konvention vor sechs Wochen, am 12. Oktober 2017, unterzeichnet und ratifiziert.

Dies ist ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen. Leider ist eine solche Vertragsunterzeichnung nicht unmittelbar die Lösung aller Probleme. Beispielsweise suchen in Deutschland jährlich zwischen 30 000 und 34 0000 Frauen und Kinder Schutz und Hilfe in einem Frauenhaus, doch müssen diese oft die Kosten für ihren Aufenthalt selber oder anteilig tragen, was gerade für finanziell von ihrem (gewalttätigen) Partner abhängige Frauen untragbar ist. Auch werden immer wieder Frauen wegen Überbelegung abgewiesen, in den Jahren 2011 und 2013 waren es jeweils 9000 Frauen. 4

Was aber kann jeder einzelne, egal ob Mann oder Frau, Betroffene, Angehörige oder durch diesen Artikel aufgerüttelt, tun?

Sprecht das Unrecht an, wenn ihr davon mitbekommt, und verschafft den Frauen eine Stimme! Selbst wenn man als Einzelperson keine politische oder religiöse Unterdrückung von Frauen auf der anderen Seite des Erdballs beseitigen kann, so kann sich doch jeder von uns für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen einsetzen. Menschenrechtsorganisationen wie Terre Des Femmes und Amnesty International haben Städte- und Hochschulgruppen, Projekte und Petitionen. Vielleicht gibt es in Eurer Gemeinde oder Stadt Frauenberatungsstellen, Vereine oder Arbeitsgruppen, die Mitglieder suchen oder Aktionen planen. Selbst wenn ihr Euch nicht regelmäßig in Vereinen engagieren könnt oder wollt, so ist es wichtig, darüber zu sprechen und Bewusstsein zu schaffen für die Gewalt gegen Frauen. Weil diese oft (und gerade in westlichen Ländern) im Privaten geschieht und von den Opfern aus Angst und Scham verschwiegen wird. Deshalb ist es umso wichtiger, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu bringen und nicht wegzuschauen oder zu verharmlosen. Hierfür hat UN Woman 2015 eine Kampagne gestartet, die auch dieses Jahr stattfindet: Orange the world.

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.“ (Sprüche 31, 8-9). Und zwar nicht nur heute, am 25.11., dem Tag der Beseitigung der Gewalt gegen Frauen, sondern jeden Tag.


1 Schirrmacher, Christine, Schirrmacher, Thomas: Unterdrückte Frauen, Gewalt-Ausbeutung-Armut, Holzgerlingen, 2013, S.24.

2 Definition gemäß der Erklärung der UN-Generalversammlung über die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen vom 20.12.93

3 Schirrmacher, S.25.

4 Nach einem Bericht der Caritas und dem WAVE Report 2015.

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