Der große Crash Wenn das Examen krank macht

Draußen strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Es ist August. Während jeder den fränkischen Sommer mit seinen 30 °C und dem guten Wetter genießt, sitze ich in meinem Zimmer. Ich soll Stress, Sonne und menschliche Kontakte meiden. Ich habe eine Gürtelrose, eine Windpockeninfektion, ausgelöst durch Stress. Kein Wunder, befinde ich mich doch in der Examensvorbereitung, die nun einmal mindestens ein Jahr Dauerstress bedeutet. Die Gürtelrose ist allerdings nur eines von vielen Warnsignalen, die mir mein Körper sendet: Angefangen hat alles mit Albträumen und Schlafstörungen. Dazu kommen bis heute Nervosität bis hin zu Panikattacken, Verzweiflung, Übelkeit und Depressionen. Soweit zu mir.

Googelt man „Examen“ und „Stress“, kommen diverse Seiten dazu, wie man das Erste Staatsexamen in Jura stressfrei bestehen kann und Artikel darüber, wie Studenten am Examen fast zerbrechen. Über Theologie steht da nichts. Bevor ihr mich falsch versteht: Ich will den Jurastudenten ihren Stress nicht absprechen! Ich weiß, dass sie ähnlich viel Stoff zu bewältigen und vergleichbare Examensanforderungen haben. Aber auch in Gesprächen mit Freunden aus nicht-theologischen Studiengängen fällt mir eben auf, wie oft ich mich dafür rechtfertigen muss, dass ich überfordert bin angesichts der zu bewältigenden Stoffmenge.

Es gibt unterschiedliche Bewältigungsstrategien, die man im Internet finden kann. Was ich bedenklich finde, ist die Tatsache, dass scheinbar immer wieder zu harmlosen „Drogen“ gegriffen wird. Ritalin, ein Medikament, das eigentlich zur Behandlung des Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) verwendet wird, ist dabei scheinbar der Spitzenreiter. Kein Wunder, führt es doch bei nicht notwendiger Einnahme zu Euphorie und gesteigertem Antrieb. Der Nachteil, wie bei allen „Drogen“, sind die „Nebenwirkungen“: Ritalin beeinträchtigt das Herz-Kreislaufsystem, die Verdauung und das Schlafempfinden. Zudem kann es zu depressiven Episoden bis hin zum Suizid kommen. Das wird im Examensstress häufig übersehen, denn der Berg an Aufgaben, die vor einem liegen, scheint im Rausch plötzlich wie ein kleiner, schaffbarer Hügel.

Gehört habe ich bisher von niemandem, der Ritalin nimmt, um das theologische Examen zu bestehen, aber ich weiß von Kommilitonen, die sich mit Koffein über Wasser halten. Damit meine ich allerdings nicht einen einfach gesteigerten Kaffeekonsum. Dieser ist, wenn für mich als Teetrinkerin auch nicht nachvollziehbar, völlig normal. Ich rede vom gezielten Einsatz hochkonzentrierter Koffeintabletten. Sie sind rezeptfrei im Einzelhandel zu bekommen und schnell verabreicht. Der Körper reagiert innerhalb kürzester Zeit auf den Energieschub und wird leistungsfähiger. Doch auch dieses scheinbar harmlose Mittelchen hat so seine Tücken. Koffein in Maßen regt den Körper an, macht ihn wach und steigert die Konzentration, im Übermaß macht es unruhig und süchtig, denn schon nach kurzer Zeit sackt der Körper in ein Müdigkeitsloch. Wer dann nicht nachfüttert, ist verloren. So entsteht im Körper ein Zustand des permanenten Stresses, der sich auch auf das Schlafverhalten auswirkt und auf Dauer überstrapaziert.

Wenn ich weiterforsche, erfahre ich, dass es immer wieder vor, während und nach dem Examen zu Nervenzusammenbrüchen kommt. Irgendwann kommt der Körper an eine Grenze und sagt: „Stopp! Bis hierhin und nicht weiter!“ Aber ich muss doch weiter Leistung bringen! Wie soll ich es im Pfarramt weiterbringen, wenn ich nicht belastbar bin, wenn mich das Examen schon überfordert? Eine Freundin von mir sagte neulich so treffend: „Das Examen ist es nicht wert, dass DU daran kaputt gehst!“ Dieser Satz steht nun über meiner aktuellen Phase. Ich habe mir Hilfe gesucht und mache eine Therapie, denn das Examen hat mich krank gemacht. Ich muss lernen, wie ich mit meinem Stress anders umgehe. Dann kann ich auch mein Examen schaffen. Wie das geht, steht jedoch auf einem anderen Blatt, das auf meinem Stapel noch nicht oben aufliegt. So egoistisch es klingen mag, aber jetzt bin ich dran, keine Uni und keine Landeskirche, denn nur, wenn ich mit meinen eigenen Kräften umzugehen und auf meinen Körper zu hören lerne, verhindere ich in Zukunft, dass mich der Stress krank macht.

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Ein Kommentar

  1. Emanuel

    Ja, Ziel des Studiums ist u.a., zu lernen, sich selbst zu organisieren, mit Stress umzugehen usw. Das kann einem niemand abnehmen, da muss man selber auch erarbeiten. Und im Examen zeigt man dann, dass man das gelernt hat bzw. lernt es auch noch.

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