Moment Mal: „Woran Du Dein Herz hängst, das ist dein Gott“ Von Wundern und vom Bewundern

Wunder und Bewundern. Zwei Dinge, die der geneigte Mensch nicht unbedingt zusammenbringt. Zwar wird in der Kultur (und Sprachkritik) stets der inflationäre Gebrauch dieser beiden Begriffe beklagt, jedoch fehlt der Blick darauf, was beide Begriffe trennt. Ein Wunder, das ist jedem klar, kann als Bild gebraucht werden. Dass das „Wunder von Bern“ nicht auf übersinnliche Einflüsse zurückgeht, das ist bei genauerer Betrachtung verständlich. Hier ist die Metapher offensichtlich.

Nicht so jedoch beim „Bewundern“. Noch inflationärer gebraucht, bewundern wir  doch gedeckte Tische, Gewichtsverluste, gewonnene Muskelmasse und gute Noten. Diese Dinge sind stets rational erklärbar und haben mit Wundern im Wortsinn wenig gemein. Der Kern des Unterschieds ist jedoch ein anderer: Wunder, das sind Gegenstände, Ereignisse, Personen, Handlungen die durch eine stille Übereinkunft der Betrachtenden zu Wundern werden. Es ist nicht entscheidend, ob an die Faktizität der Erweckung des Lazarus geglaubt wird, allein die Tatsache, dass Menschen vom Tod zurück ins Leben kommen, hat Wundercharakter.

Beim „Bewundern“ ist das anders. Bewundern ist immer eine Beziehungserfahrung, ein aktiver Vorgang. Der Zuschauende erhebt etwas zum Wunder, weil es für Ihn selbst die Züge eines Wunders trägt. Ich bewundere Menschen, die mit zwei kleinen Kindern für mehrere Monate nach Südafrika fliegen, während ich zufrieden bin, wenn unser Alltag mit einem Säugling funktioniert und die Wohnung nicht aussieht wie ein Trümmerfeld. Somit sagen die Dinge, die ich bewundere, mehr über mich aus, als über die wunderlichen Eigenschaften der Dinge selbst. Sie sagen etwas darüber aus, was, wie und wer wir gerne wären. Die Dinge und Menschen die wir bewundern sind natürlich höchst unterschiedlich, Konsens besteht hier selten. Was für den Einen eine geradezu unheimlich gute Leistung sein kann, ist für die Andere völlig unverständliche Wichtigtuerei.

Da kommt mir der Satz des Reformators Martin Luther in den Sinn: „Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott.“

Wenn ich länger darüber nachdenke, so stimmt das auch für das Bewundern. Vielleicht wird Luther verständlicher an dieser Stelle, wenn wir das Herz hängen durch das Bewundern ersetzen.

„Das, was wir bewundern, das ist Dein Gott.“

Vielleicht können wir über diesen Weg Gott nahe kommen und auch die unterschiedlichen Arten, Glauben und Religion zu erleben, verstehen. Die Einen bewundern diejenigen, die aufrecht im Glauben stehen, nicht wanken und Ihre Haltung verteidigen bis aufs Äußerste. Andere bewundern die offenen, diejenigen, die immer geduldig sind, die immer zuhören, die immer für Andere da sind.

In den Dingen, die wir bewundern, sehen wir die Unterschiedlichkeit des Menschen in seinen verschiedenen Lebensstationen und auch die unterschiedlichen Bedürfnisse in von Menschen. Luthers Satz wird oft negativ als Kritik an einem allzu menschlichen Gottesbild, als Kritik jeglicher Götzenverehrung verstanden. Aber in diesem Satz steckt – meines Erachtens nach – auch eine tiefe Wahrheit: Gott ist mehr als eine normative ethische Ordnungsmacht; Gott ist auch das, was den Menschen tröstet. Gott ist das, was ihn aufrichtet, das was ihm wichtig ist. Oder auch das, was der Mensch nicht sein kann, aber vielleicht gerne sein würde. Aber er ist bei jedem, der sein Herz an etwas hängt, so unterschiedlich das „Was“ oder „Woran“ auch sein mag. Auch diese Zusage enthählt Luthers Satz und das ist gut so.

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