Warum bist du so wunderschön?
Bild: Theresa Noack

Die Wolken hängen tief über Marburg, das Sonnenlicht scheint nur schwach durch die Wolken und es nieselt ununterbrochen. Es ist Herbst, die Blätter werden bunter und das Wetter grauer. Ich krame die weiten Pullover aus den Untiefen meines Kleiderschranks. Ich streife mir einen davon über und bin dankbar, dass die Strukturen meines Körpers hinter dem dicken, weiten Stoff verschwinden. Aus den schlechten Boxen meines Laptops höre ich Sushi von Von Wegen Lisbeth, „Lina, ich will dein Sushi gar nicht sehen. Warum ist dein Leben so prima und du immer so wunder- wunderschön?“

Ja Lina, warum bist du so wunderschön? Sorgst du dich im Sommer auch um deine Orangenhaut an den Beinen oder dein Hüftgold? Ich schaue mich im Spiegel an, mein Gesicht wirft Schatten auf meine unebene, von Pickeln gezierte Haut. Meine Oberschenkel berühren sich und unter meinem Bauchspeck kann man mit viel Fantasie Bauchmuskeln erahnen. Schnell wende ich den Blick ab, es ist unerträglich. Im Bad packe ich noch etwas Schminke in mein Gesicht, um größeres Übel zu vermeiden und mich auf die Straße zu trauen.

Der Nieselregen macht jedenRettungsversuch aus dem Bad zunichte: Bei meinen schnellen Schritten zur Bushaltestelle reißt meine Hose zwischen den Beinen noch ein bisschen weiter auf. Ich brauche eine neue Hose, aber bei der Vorstellung, mir im Laden eine kaufen zu müssen, graut es mir. Mit meiner Konfektionsgröße 40 (deutscher Durschnitt ist übrigens 42) fühle ich mich oft wie ein Elefant beim Hosenkauf, auch wenn mein BMI (was auch immer der aussagt) im Normalbereich liegt und Größe 40 als M deklariert wird. Oft sind meine Größe oder die darauffolgende die größten im Sortiment. Alles andere ist „plus size“, keine normale Größe, sondern Plus-Größe. Die Zuschreibung Minus-Größe scheint für die Kleidergrößen 32 und 34 nicht nötig. Kann nicht einfach alles im Sortiment sein, ohne, dass sich jemand fühlen muss wie eine Person mit ausgesondertem Körper? Vielleicht laufe ich zukünftig nur noch in Thermostrumpfhosen rum. Die reißen mir auf dem Weg zu Bus zumindest nicht.

Der Bus fährt gerade ein und ein Haufen Menschen drängelt sich ins Innere, um sich vor weiterer Nässe zu schützen. Etwas versteckt hinter der Bushaltestelle sitzt eine Frau im Rollstuhl und versucht auf sich aufmerksam zu machen. Ich gehe zu ihr, sie zeigt auf den Bus, dabei krümmen sich ihre Finger ungewöhnlich, ich klappe die Rampe auf und die Frau rollt in den Bus. Als letzte steige ich ein, schaue mich nach einem freien Platz um und finde einen Platz vor der, für Behinderte und Kinderwagen deklarierten Stelle. Die Frau lächelt mir zu, ihre Zunge guckt beim Lächeln heraus. Ich lächele zurück. Sie grinst noch weiter, so sehr, dass etwas Spucke ihren Mundwinkel herabläuft. Ihr Lächeln kommt von Herzen, es berührt mich sofort. Diese Frau ist wunderschön und perfekt, denke ich.

Zu viele meiner Freundinnen zweifeln auch an ihrer Perfektion. Sie verfluchen ihre Beine, Brüste und Nasen. Wenn ich das mitbekomme würde ich sie am liebsten an den Schultern packen, sie schütteln und ihnen einhämmern, dass sie in so vielerlei Hinsicht wunderbar sind. Ich ärgere mich. Wenn ich an mein Spiegelbild zurückdenke, bin ich selbst auch nicht besser zu mir und meinem Körper. Ich bin doch auch Teil einer ziemlich guten Schöpfung, weshalb stelle ich mich so sehr infrage? Vor allem warum räume ich meinem Aussehen einen hohen Stellenwert ein? Eigentlich sind mir doch bei anderen Menschen ihre Charaktereigenschaften wichtiger als die Dichte ihres Haares.

Vielleicht hat Lina aus dem Lied von Von Wegen Lisbeth auch Zweifel. Vielleicht hätte sie auch gerne längere Beine und vollere Lippen, aber weißt du was Lina? Du bist wunder- wunderschön. Und an den Sänger, der sich fragt warum du so schön bist Lina: weil du wunderbar geschaffen wurdest.

Ps 139, 14 Ich danke dir, dass ich auf erstaunliche Weise wunderbar geschaffen bin. Wunder sind deine Taten, meine Lebenskraft weiß darum.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.