100 Jahre später Was würde Martin Niemöller heute sagen?
Foto: Berkan (CC BY-SA 3.0)

Der 14. Januar ist für mich kein Datum wie jedes andere – da habe ich Geburtstag. Praktisch an diesem Datum ist, dass ich immer schon früh weiß, an welchem Wochentag ich meinen Ehrentag feiern werde, da er stets auf den gleichen Tag wie Weihnachten und Silvester des vorhergehenden Jahres fällt.

Zu den Prominenten, mit denen ich meinen Geburtstag teile, zählen unter anderem der einstige Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl, der Arzt und Theologe Albert Schweitzer und auch Martin Niemöller. Letzterer wurde 1892 geboren, auf den Tag 100 Jahre vor mir. Während Niemöller das Licht der Welt im westfälischen Lippstadt erblickte, kam ich im Berliner Martin-Luther-Krankenhaus im Stadtteil Wilmersdorf zur Welt. Das ist nur wenige Kilometer von Niemöllers Wirkungsstätte in Dahlem entfernt.

Martin Niemöller 1952 (Foto: Wikipedia (CC-BY-SA 3.0))

So spüre ich eine gewisse Verbindung zu Niemöller und fühle mich durch die Biografie dieses großen Protestanten des 20. Jahrhunderts angesprochen. Die politische Haltung des jungen Niemöller kann ich freilich nicht teilen, jedoch ist sie aufschlussreich für die Zeit, in der Niemöller lebte: die Zeit vor 100 Jahren, die der unseren in einiger Hinsicht gleicht. Aber dazu später mehr.

1917 war Niemöller 25 Jahre alt. Der Erste Weltkrieg tobte bereits seit drei Jahren. Niemöller hatte es bereits zum U-Boot-Offizier gebracht und ein Jahr später oblag ihm gar der Oberbefehl über ein Boot.

Als der Krieg vorbei war, fiel es Niemöller schwer, den Zusammenbruch des Kaiserreiches zu ertragen. Er engagierte sich vehement gegen die Weimarer Republik, die ersten demokratischen Gehversuche Deutschlands. Weil Niemöller der Ansicht war, „meinem Volk aus ehrlichem und geradem Herzen in seiner trostlosen völkischen Lage“ am besten in der Kirche dienen zu können, entschloss er sich zum Theologiestudium. Von 1919 bis 1923 studierte er in Münster.

Nach mehrjähriger Tätigkeit für die Diakonie in Westfalen, kam Niemöller 1931 nach Dahlem, um seine erste (und einzige) Pfarrstelle anzutreten. Im selben Jahr hielt er eine Rundfunkansprache mit dem Titel „Wo ist der Führer?“. Darin heißt es: „Wann wird er kommen? Unser Sehnen und Wollen, unser Rufen und Mühen bringt ihn nicht herbei. Wenn er kommt, kommt er als Geschenk, als Gabe Gottes.“

Einer, der sich schon seit Mitte der 1920er-Jahre als „Führer“ bezeichnet hatte, war Adolf Hitler. Seine Partei, die NSDAP, hatte Niemöller bereits seit 1924 gewählt. Niemöller versprach sich von ihr, das politische Chaos der Weimarer Republik zu beruhigen. Als Hitler 1933 an die Macht kam, formierte sich jedoch bald um Niemöller herum die Bekennende Kirche, die sich in erster Linie gegen die Vereinnahmung der Verkündigung durch die Staatspropaganda wehrte und, so der Theologe Heinz Zahrnt, „erst in zweiter, wenn nicht gar dritter oder vierter Linie gegen das allgemeine Unrecht Widerstand leistete, das der totalitäre Staat den Menschen zufügte.“

Aber es ist leicht, die Vergangenheit mit erhobenem Zeigefinger zu bewerten. Hinterher ist man immer schlauer. Verblüffen sollten aber die Parallelen zwischen der Niemöller’schen Lebenszeit und der meinen, der aktuellen: Als ein solcher hitlerähnlicher Führer, der den unseren Planeten im Griff haltenden (bzw. in erster Linie die USA bedrohenden) Chaosmächten Einhalt zu gebieten vermag, stilisierte sich vor seiner Wahl Donald Trump. Nun hat er es tatsächlich zum US-Präsidenten gebracht, die Diskriminierung von Minderheiten ist nach wie vor eines der Merkmale seiner Politik.
Vor einigen Jahren ebenso wenig für möglich zu halten wie die Wahl Trumps ist der Umstand, dass es mit der AfD seit vielen Jahrzehnten nun wieder eine deutschnationale, rechtspopulistische Partei in den Deutschen Bundestag geschafft hat.

Die Ereignisse der 1930er-Jahre, im Deutschland Martin Niemöllers, sollten uns Warnung genug sein, welche Pflanze aus einem Samen wie der AfD wachsen kann. So ist heute jeder und jede aufgefordert und verantwortlich dafür, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

Niemöllers Leitsatz lautete „Was würde Jesus dazu sagen?“. Die heutzutage insbesondere in frommeren Kreisen geläufige englische Version „What would Jesus do?“ ist zwar ein wenig abgenutzt, enthält dennoch eine starke Botschaft. Diese Herausforderung zu verantwortlichem, christlichem Handeln sollte man sich nahegehen lassen: Wie hätte ich damals gehandelt, angesichts des NS-Regimes? Und was kann ich heute tun, in einer Zeit der Trumps, Putins, Erdogans? In einer Zeit der eskalierenden Koreakrise, wiederholter heftiger Wirbelstürme in Mittelamerika (die offensichtlich eine Frucht des Klimawandels sind) und nicht zuletzt angesichts der AfD im Bundestag?

Alles muss klein beginnen, Frieden und Demokratie fangen im täglichen zwischenmenschlichen Umgang an: indem man einander ernst nimmt und respektiert, dem anderen seine Macken vergibt und sich selbst vergeben lässt, andere Meinungen zulässt und – so abgedroschen der Begriff auch in manchen Ohren klingen mag – schlichtweg Nächstenliebe übt. Alles Weitere wird sich von selbst ergeben.

Lasst uns unser Bestes geben, damit ein/e Vertreter/in des Jahrgangs 2092 eines
Tages aufs 21. Jahrhundert zurückblickt und erkennt, dass die Erde seitdem ein besserer, ein gottgefälligerer Ort geworden ist!

Martin Niemöller ging beharrlich seinen Weg: Seine Aktivitäten gegen das Regime brachten ihn 1937 ins KZ. Acht lange Jahre, bis zum Ende des Krieges, harrte er dort aus.

Nach 1945 beteiligte er sich sogleich am Aufbau der EKD, nicht ohne auf die Schuld der Kirchen während des Hitler-Regimes zu verweisen. Er wurde Kirchenpräsident der Landeskirche von Hessen-Nassau sowie Gesicht und Botschafter des „neuen“ Deutschlands, indem er zahlreiche Reisen im Dienste der Ökumene unternahm. Der einstige U-Boot-Kommandant setzte sich unter anderem gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ein und wurde Präsident der Deutschen Friedensgesellschaft sowie Ehrenpräsidenten des Weltfriedensrates.

Niemöller – ein Mann, der in keiner Schublade unterzubringen ist. Als stets streitbarer und bisweilen unangenehmer Zeitgenosse ist er ein Vorbild dafür, wie man die Demokratie, mit der er selbst sich erst anfreunden musste, am Leben erhält. Niemöllers Biographie, die mich persönlich so anspricht, dient mir als Aufruf und ständige Erinnerung, immer wieder zu hinterfragen und mutig für die eigenen Überzeugungen einzustehen.

Am 14. Januar 2017 wäre Martin Niemöller 125 Jahre alt geworden.

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