Moment Mal: Religionsunterricht Der konfessionelle Religionsunterricht ist eine wichtige Säule der Religionsfreiheit

Nicht nur in Berlin/Brandenburg, sondern auch in Nordrhein-Westfalen haben die evangelischen Landeskirchen und die katholischen Erzdiözesen Kooperationsverträge unterschrieben, damit der konfessionelle Religionsunterricht an Schulen zusammengelegt werden kann. In NRW stimmten alle zuständigen Landeskirchen und (Erz-)Bistümer der Zusammenarbeit zu, nur das Erzbistum Köln unterschrieb den Vertrag nicht. In einem Interview erklärt die Leiterin der Abteilung Schule und Hochschule des Erzbistums Köln, Dr. Bernadette Schwarz-Boenneke, dass ein konfessionell-kooperativer Unterricht nicht der Herausforderung gerecht werden würde „Glaube und Gott überhaupt wieder zum Thema zu machen“. Die Bundesvorsitzende des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen, Roswitha Fischer, macht den evangelischen Landeskirchen sogar den Vorwurf, nicht Kooperation, sondern „Aufgabe katholischer Glaubenswahrheiten zugunsten ‚ökumenischer Billigware'“ als Ziel zu haben.
Während ich nicht denke, dass dieser Vorwurf berechtigt oder richtig sei, bin ich gleichzeitig auch kein glühender Verfechter dieser Kooperationen. Zwar finde ich die Idee eines Unterrichtfaches ‚Interreligiöser Dialog‘ gut, denn dort könnten katholische, evangelische, freikirchliche, atheistische, jüdische, muslimische, … Schüler*innen im Klassenverband gemeinsam von- und übereinander lernen. Doch sollte dies auf keinen Fall den konfessionellen Unterricht ersetzen.

Die Zusammenarbeit in NRW ist, entgegen des Vorwurfes von Roswitha Fischer, vor allem den stark gesunken Zahlen Teilnehmender am katholischen und evangelischen Religionsunterricht geschuldet. Zudem erteilen Schulen schon seit einigen Jahren den konfessionsübergreifenden Religionsunterricht, obwohl es dafür bisher keine gesetzlichen Regelung gab. Doch sollte dies nicht nur eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit sein, sondern vielmehr auch deutliches Warnzeichen. Es sollte nicht einfach so hingenommen werden, wenn sich Landeskirchen und Bistümer dazu genötigt sehen, Religionsunterricht zusammenlegen zu lassen.
Nicht ohne Grund ist der Religionsunterricht als einziges Fach im Grundgesetz als ordentliches Lehrfach festgeschrieben. Der Absatz in Paragraph 7 ist eine Konsequenz aus dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit, denn Religionsfreiheit bedeutet nicht nur Freiheit von Religion (negative Religionsfreiheit), sondern auch Freiheit zur Religion (positive Religionsfreiheit). Ein Zusammenlegen, oder sogar das gänzliche Entfallen, von Religionsunterricht ist meiner Meinung nach nicht im Sinne der Religionsfreiheit!

Es herrscht heutzutage (besonders bei Kindern und Jugendlichen) eine große Sprachlosigkeit im Bereich des Glaubens und der Religion und selbst die grundlegendsten Dinge können im Religionsunterricht nicht mehr vorausgesetzt werden. Dies ist in vielen Studien, beispielsweise in der Shell-Jugenstudie 2015 deutlich erkennbar: Mindestens ein Viertel der Jugendlichen können keine Antwort auf die Frage geben, an was sie glauben. Religion und Glaube spielt eine immer geringere Rolle im Leben jüngerer Generationen.
Ein interreligiöser Unterricht könnte helfen, gewisse Grundlagen im Austausch zu erlernen, wie die Verständigung verschiedener Gruppen über ihren Glauben, da die Shell-Jugendstudie auch zeigt, dass bei muslimischen und christlich-orthodoxen Jugendlichen Glaube einen sehr hohen Stellenwert hat. Außerdem könnte Kindern die Akzeptanz gegenüber eigenen und fremden religiösen Erfahrungen und Emotionen dialogisch vermittelt werden.
Gleichzeitig ist der konfessionelle Unterricht von immenser Wichtigkeit, um die positive Religionsfreiheit der Kinder und Jugendlichen zu sichern, denn dort lernen sie die Grundlagen und die Geschichte ihrer eigenen Religionsgemeinschaft kennen und üben diese kritisch zu reflektieren.

Nur weil es eine Mehrheit konfessionsloser/agnostischer/atheistischer Menschen gibt, sollte dies nicht auf die Kosten der gläubigen Minderheiten gehen. Es sollte jedem Kind ermöglicht werden in einem Religionsunterricht seiner Religion/Konfession unterrichtet zu werden. Der gegenwärtige Atheismus und die gesellschaftlich-dominierende Säkularisierung werden ihrer Verantwortung nicht gerecht, den Religionen einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft zu sichern, sondern, sich selbst als neutral verstehend, nutzen sie jede Möglichkeit, Religion und Glaube aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Die Auflösung des konfessionellen Religionsunterricht ist ein Symptom der Verwässerung der Religionsfreiheit zugunsten des Atheismus.

Anstatt dass Kirche davor warnt und ganz nach dem Motto ‚Lasset die Kinder zu mir kommen‘ religiöse Bildung und damit auch konfessionellen Religionsunterricht stärkt, beteiligt sie sich an dieser Entwicklung. Interreligiöser Unterricht wäre eine wunderbare und wichtige Ergänzung zum konfessionellen Unterricht, doch dieser muss bestehen bleiben!
Natürlich ist es schwer konfessionellen Religionsunterricht zu organisieren, wenn es nur 1-2 Schüler*innen einer Konfession in einer Jahrgangsstufe gibt, aber anstatt vor dem Problem zu kapitulieren, könnte man jahrgangsübergreifend arbeiten. Bevor der konfessionelle Unterricht abgeschafft wird, sollten erst andere Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Es gibt verschiedene Punkte, die die Kirchen vorher in Angriff hätte nehmen können: Der Lehrberuf (vor allem an Grund- und Hauptschulen) ist nicht sehr attraktiv; ob das Bachelor-/Mastersystem der Lehrausbildung angemessen ist, ist fraglich; es könnte überlegt werden, Studierende in den Unterrichtsbetrieb einzubinden; …

Ich finde es jedenfalls falsch und vorschnell, jetzt schon den Schritt zu tun und einen überkonfessionellen Religionsunterricht als Ersatz zu etablieren, besonders, wenn dies vielerorts auch ohne Kooperationsvertrag schon gängige Praxis ist. Im konfessionellen Religionsunterricht können Gott und Glaube überhaupt wieder und gleichzeitig sehr persönlich zum Thema werden. So würde Kirche wieder auf festen Grund und nicht weiter auf Sand gebaut werden30.

7 Kommentare anzeigen

  1. Emanuel

    „Gleichzeitig ist der konfessionelle Unterricht von immenser Wichtigkeit, um die positive Religionsfreiheit der Kinder und Jugendlichen zu sichern, denn dort lernen sie die Grundlagen und die Geschichte ihrer eigenen Religionsgemeinschaft kennen und üben diese kritisch zu reflektieren.“
    Da gibt es in einigen neuen Bundesländern die interessante Einrichtung „Christenlehre“, welche von kirchlichen Angestellten im Rahmen der Gemeindearbeit angeboten wird. Sie bietet sowohl die Möglichkeit, über die eigene, evangelische Religion zu lernen, als auch, in das Gemeindeleben hineinzuwachsen. Vielleicht eine Alternative, wenn der staatliche konfessionelle Religionsunterricht wegfällt.

    „So würde Kirche wieder auf festen Grund und nicht weiter auf Sand gebaut werden30.“
    Abgesehen vom Grundgesetz und seinen Rechten hinsichtlicher positiver Religionsfreiheit: Warum sollte der Staat dafür sorgen müssen, dass die Kirche auf festem Grund gebaut wird? Sollte sich darum nicht v.a. die Kirche einsetzen, indem sie eben ihren Mitgliedern ihre eigene Überzeugung näher bringt und sie „religiös“ bildet? – Der konfessionelle Religionsunterricht kann da doch bloß ein nettes Add-on sein, welches sich aus früheren Zeiten erhalten hat. Ich kann da die Kritiker schon ein bisschen verstehen.

    • Marvin GärtnerMarvin Gärtner

      Die „Christenlehre“ klingt sinnvoll und gut. Ich hoffe aber mal, dass es nicht dazu kommen wird, dass es zu einem Wegfall des konfessionellen Unterricht kommt. Ich fände das kein gutes Zeichen für eine Gesellschaft.

      Der Staat muss natürlich nicht dafür sorgen, dass Kirche wieder auf festen Grund steht. Aber der Religionsunterricht wird ja auch von den Kirchen mitverantwortet und ich finde es für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wichtig, dass diese sich auch in religiösen Themenbereichen bilden können, zudem bietet der Religionsunterricht gewisse Möglichkeiten, die in anderen Unterrichtsfächern so nicht möglich sind.

  2. Spassheide

    Stellt euch vor, es gibt Religionsunterricht und keiner geht hin…
    Schön, wenn der Religionsunterricht als einziges Fach im GG verankert ist. Nur was nützt das, wenn immer mehr ihr Recht auf negative Religionsfreiheit nutzen und den Religionsunterricht als verzichtbar betrachten. Wenn ich nicht hingehe, weil ich konfessionsfrei/religionsfrei bin, dann ändert das auch nichts an der angeblichen Sprachlosigkeit, die Herr Gärtner hier fälschlicherweise postuliert. Diese angebliche Sprachlosigkeit ist doch erst recht bei konfessionsfreien zu finden. Und die werden wohl eher selten im evangelischen bzw katholischen Religionsunterricht zu finden sein.
    Dieser Passus im GG ist ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, in der die beiden großen Amtskirchen eine gesellschaftliche Vormachtstellung besaßen, weil einige Politiker/Machthaber meinten, so das Volk erziehen zu müssen und auf dem sich die beiden großen Amtskirchen noch ausruhen. In einer pluralen Welt, in der jeder das glauben darf, was er für richtig hält, ist so ein Paragraph schlicht eine fragwürdige Bevorzugung der beiden großen Amtskirchen. Und mit der Begründung, Werte etc zu vermitteln, völlig sinnfrei, da der Religionsunterricht nur bei denen greift, die eh schon einer Religionsgemeinschaft angehören.

    Was die religiöse Sprachlosigkeit angeht, so handelt es sich wohl eher um Desinteresse, der fehlenden Relevanz für das eigene Leben und der nicht klärbaren Frage, welches Glaubenssystem denn nun das richtige ist. Und natürlich auch, dass der gesellschaftliche Zwang weg gefallen ist, einer religiösen Vereinigung, sprich einer der beiden großen Kirchen, anzugehören.

    Herr Gärtner, das, was Sie als Sprachlosigkeit bezeichnen, ist lediglich nur die Tatsache, dass diese Jugendlichen nicht ihrem Glaubenssystem angehören!

    Positiv sehe ich an dieser Situation, dass das wahrscheinlich der erste Schritt zur Ablösung des konfessionellen Unterrichtes zugunsten des allgemein verpflichtenden Faches Ethik, Religionskunde oder ähnlichem sein wird.

    • Marvin GärtnerMarvin Gärtner

      Also ich erlebe diese Sprachlosigkeit eigentlich bei jedem Gespräch über Religions-/Glaubensthemen (ausgenommen Menschen, welche regelmäßig in der Kirche sind/gläubig sind). Wenn man dann noch das Unwissen/die Falschinformationen über den Islam, das Judentum und andere Religion betrachtet, dann wird deutlich, dass in Deutschland die Gesellschaft zu einer großen Mehrheit in diesen Bereichen nicht sprachfähig ist. Das kann man natürlich als Teil der Religionsfreiheit bezeichnen oder aber als ignorant gegenüber der Realität (vor allem global gesehen ist Religion noch sehr präsent).

      Zudem will hier auch einmal deutlich betonen, dass es nicht nur katholischen und evangelischen Religionsunterricht gibt, sondern auch Unterricht in anderen Religionen existiert. Ich plädiere nicht dafür, dass nur der christliche Religionsunterricht gesichert werden sollte, sondern auch der anderer Religionen. Eine plurale Gesellschaft sollte sicherstellen, dass auf möglichst viele gesellschaftliche Gruppen Rücksicht genommen wird. Religionsunterricht ist nicht nur wichtig um Werte zu vermittlen, sondern auch aus verschiedenen anderen Gründen.

      Ich bin total dafür ein Fach ‚Religionskunde‘ einzuführen, nur halt nicht als Ablösung des konfessionellen Unterrichts, sondern als Ergänzung.

      • Spassheide

        Warum soll jemand über etwas sprechen können, was ihn nicht interessiert und ihn in keinster Weise tangiert?
        Nur weil Ihnen ihr Glaube wichtig ist, heißt das nicht, dass jeder über (ihren/christlichen/sonstigen) Glauben Bescheid wissen und es ihm auch wichtig sein muss. Unwissenheit über eine Religion ist kein Mangel. Ich behaupte mal, dass locker 80% konfessions-/religionszugehörige weltweit unwissend selbst über ihre „eigene“ Religion sind (es gab in den USA vor nicht allzu langer Zeit eine Studie mit dem Ergebnis, dass Atheisten besser über Religion Bescheid wissen als der Durchschnittsgläubige; aber auch andere Studien lassen das vermuten). Für die meisten ist Religion nur ein Sammelsurium tradierter Rituale mit gewissem Unterhaltungswert, Gruppenzugehörigkeit oder auch Zwang. Das hat nichts mit Ignoranz und falsch verstandener Religionsfreiheit zu tun, sondern vielmehr mit Relevanz und Prioritäten.
        Warum haben denn in DE immer weniger Menschen einen Bezug zum religiösen, wenn es doch so wichtig ist? Die werden doch nicht zur Areligiosität und Kirchenaustritt gezwungen, oder?

        Für Falschinformationen und speziell Vorurteile sorgen die Religionen/Religionsgemeinschaften selbst (schon bei der anderen großen christlichen Vereinigung, der katholischen Kirche, kann jeder deutsche aus dem Stehgreif so einiges aufzählen…).
        Aber warum soll es Aufgabe des Staates sein, das auszubügeln?

        Ja, die Einführung islamischen Religionsunterricht ist natürlich der Bevölkerungszusammensetzung in einigen Kommunen geschuldet. Aber auch dem Irrglauben, mit trennenden Religionsunterricht Radikalisierungstendenzen entgegenzuwirken zu können.
        Nach verschiedenen Negativschlagzeilen über einige „Religions“organisationen, die einige Beiräte stellen, diversen Verfassungsschutzberichten oder Studien (z.B. Khorchide) hat sich der eine oder andere allerdings mittlerweile gefragt, ob man da nicht den Bock zum Gärtner gemacht hat und konfessionell bez. religiös gebundener Unterricht nicht eher kontraproduktiv ist.

        Rücksicht auf religiöse Gruppen ist ja schön und gut. Nur wo zieht man dann eine Grenze? Irgendwo ist mal eine Grenze erreicht und solche Extravaganzen nicht mehr stemmbar. Und die größte Einzelgruppe, die konfessionsfreien, fallen da wie üblich unter den Tisch. Wo bleibt bei denen denn die Wertevermittlung, die „religiöse“ Bildung etc.? Eigentlich müsste hier ja als erstes angesetzt werden. (Siehe auch http://www.theologiestudierende.de/2016/01/27/das-hat-an-schulen-nichts-zu-suchen/)

        Ob Religionsunterricht andere Möglichkeiten als z.B. Philosophie oder Ethik bietet, (auch religiöse) Themen durchzukauen und Werte zu vermitteln, darüber kann man ziemlich geteilter Meinung sein. Ergebnisoffene Diskussionen (typisches Kennzeichen echter Wissenschaftlichkeit!) im konfessionell geprägten Unterricht kann ich mir aber bei einigen Themen beim besten Willen nicht wirklich vorstellen (wobei evangelischer Reliunterricht wahrscheinlich etwas weltoffener ist als katholischer oder muslimischer) – da braten Religionen doch lieber im eigenen Saft. Deswegen sehe ich da keine Wichtigkeit.

  3. Sebastian Schumacher

    Wenn schon bei sehr wenigen Schülern ein Religionsunterricht möglich sein soll, möchte ich auch das religionskritische Schulfach „humanistische Lebenskunde“ für die Konfessionslosen in NRW…

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