Moment Mal: Endlich wieder Ruhe?
Foto: Sam Rodgers (CC BY-NC 2.0)

Die Wahl ist gelaufen. Endlich! Ich kann es kaum erwarten, wieder durch die Innenstadt laufen zu können, ohne dass sexy Lindner mir „Bedenken second“ zuraunt und der Regen Wahlplakate in eine ekelhafte, braune Pampe verwandelt, die meine Schuhe beschmutzt.

Endlich kehrt wieder Ruhe ein! Gut, viele waren von Angela-#fedidwgugl-Merkels und Martin-„Ich-will-Kanzler-werden“-Schulz’ lahmer Auseinandersetzung gelangweilt, aber trotzdem: es brodelte.

Kaum ein großes politisches Event blieb verschont von übel gelaunten Schreihälsen, die mit „Demokratie“ hauptsächlich das Recht meinen, jederzeit die eigene Meinung herumzubrüllen oder in Tomatenwürfen auszudrücken. Im Netz konnte das jede und jeden treffen; offline wurde vor allem Merkel unwohlwollend begleitet. Wenn selbst Günter Oettinger zum leidenschaftlichen Redner wird, weil ihn undemokratische Nationalisten in der Provinz provozieren, braucht es dann weitere Beweise, dass dieser Wahlkampf ein unheimlich emotionaler war?

Da wächst das Bedürfnis nach Ruhe, nach Normalität. Ein frommer Wunsch – der sich wohl nicht erfüllen wird. Diese Sätze wurden am Samstag geschrieben, als die Wahl zwar längst entschieden schien, aber eben noch nicht vorbei war. Ziemlich sicher wird die Welle des Protests die AfD in das höchste deutsche Parlament tragen und ihr damit eine noch größere Bühne verschaffen. Wie ruhig die restlichen Fraktionen ihrer Arbeit nachkommen können – und dürfen – ist fraglich. Ob sich der Ton in politischen Debatten weiter verschärft?

Trotz allem habe ich persönlich nichts zu befürchten. Ich kann mein Leben in Ruhe weiterleben, mein Studium ohne Studiengebühren abschließen und werde einen Arbeitsplatz finden. Die meisten BürgerInnen werden ähnlich sorgenfrei durch die nächsten vier Jahre kommen – selbst die Sorge, ob man weiterhin mit dem Diesel in die Stadt pendeln darf, fällt weg. Endlich kehrt wieder Ruhe ein!

Darf ich mich an dieser Ruhe freuen, während der syrische Familienvater verzweifeln muss, weil seine Kinder durch einen Zaun an der türkischen Grenze im Bürgerkrieg eingesperrt werden? Weil in Deutschland das Thema „Flucht“ nicht mehr auf der Basis von Menschenrechten diskutiert wird, sondern nur noch mit den Themen Kriminalität und Abschiebung verbunden wird?

Darf ich mich an dieser Ruhe freuen, während sich Eltern behinderter Kinder dafür rechtfertigen müssen, ihren Kindern einen Platz mitten im Leben – in Regelschulen – zu wünschen, weil umfassende Inklusion als „ideologische Bildungspolitik“ diskreditiert wird? Weil TraditionalistInnen sich eine Gesellschaft wünschen, in der alles seinen Platz hat, und der von Menschen mit Behinderung nun mal am Rand ist: Sonderschule, Behindertenwerkstatt, Wohnheim am Dorfrand?

Das sind Fragen, bei der eine christlichen Haltung zu steter Unruhe führen muss. Eine Haltung, die auf das feste Vertrauen gründet, dass in allen Menschen Gottes Ebenbild glänzt; eine Haltung, die es schmerzt, wenn dieser Glanz von vielen Seiten bestritten wird. Ich wünsche mir, dass Christinnen und Christen in den kommenden vier Jahren unruhig bleiben und sich daran erinnern, dass hinter jedem menschlichen Gesicht die göttliche Würde schimmert – egal, ob das Gesicht vom Kopftuch gerahmt oder von Wut verzerrt wird.

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