Wie im Himmel so auf Erden Gedanken zum Ökumenischen Fest in Bochum 2017
Foto: Marcel Schmidt

Am 16. September 2017 fand in Bochum das Ökumenische Fest in Bochum statt, zu dem der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT), das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz im Rahmen des Reformationsjahres eingeladen hatten. Etwa 850 Christ*innen beider Konfessionen nahmen an der Veranstaltung teil.

Die Geschichte beginnt vor knapp einem Jahr

Im letzten Wintersemester besuchte ich eine Übung mit dem Titel „Aktuelle ökumenische Fragestellungen“. Außer mir nahm noch eine weitere Studentin teil. Ich war neu an der Uni in Bonn, schnell dabei alles mit meiner alten Uni zu vergleichen und über das, was mir komisch vorkam, ordentlich zu pöbeln. Wie konnte es sein, dass sich an einer so großen Uni und evangelischen Fakultät gerade mal zwei Menschen für das Thema Ökumene heute interessierten? Lag es wirklich am mangelnden Interesse? Oder hatte die Abschaffung der Anwesenheitspflicht dazu geführt, dass nur noch die Veranstaltungen besucht wurden, die der Modulplan vorsah und in denen eine Prüfungsleistung erbracht werden musste?

Ich ließ mich jedenfalls nicht abschrecken und wurde belohnt: In der Übung konnten wir sehr intensiv arbeiten, so besprachen wir die neuesten ökumenischen Entwicklungen und lasen die Texte, die von evangelischer und katholischer Kirche zum Reformationsjubiläum gemeinsam herausgebracht wurden. Dazu gehörte auch das Dokument „Erinnerung heilen — Jesus Christus bezeugen„, in dem es um die Trennung der Protestanten von der katholischen Kirche durch die Reformation und um die Herausforderung des gemeinsamen Erinnerns der Reformation geht. Bisher wurde die Geschichte nach der Reformation aus zwei Perspektiven erzählt. Diese Perspektiven sollen zu einer gemeinsamen Geschichte zusammengeführt werden. Durch eine gemeinsame Erinnerung könne die gegenseitige Vergebung der beiden Kirchen möglich werden. Das Dokument versteht sich nicht nur als Rückblick sondern auch als Verpflichtung eines weiteren Miteinanders.

Ein gesellschaftsdiakonischer Kongress

Für das Reformationsjahr war ein gemeinsamer Gottesdienst in Hildesheim geplant, die Ausarbeitung zu diesem und die Liturgie schlossen sich dem Papier an. Außerdem hieß es in der gemeinsamen Schrift auch, es solle im September 2017 einen „gesellschaftsdiakonischen Kongress“ geben, dieser würde vom ZdK und dem DEKT gemeinsam organisiert. Hier wurden meine Kommilitonin und ich hellhörig. Ein „gesellschaftsdiakonischer Kongress“ — das hörte sich interessant an und so anders als die restlichen Veranstaltungen im langen Lutherjahr. Hatte man hier nicht sogar ein Feld gefunden, in dem die beiden Kirchen zueinander finden konnten, ohne das Thema Abendmahl in den Vordergrund zu rücken: das gemeinsame diakonische Engagement?

Zu dem angekündigten Kongress war allerdings nichts zu finden, auch das Internet wusste von einer solchen Veranstaltung nichts. Also schrieb ich im Dezember des letzten Jahres eine Mail an den DEKT und erkundigte mich nach dem Kongress. Ich bekam Antwort. Aus dem „gesellschaftsdiakonischen Kongress“ war ein „Ökumenisches Fest“ geworden, es solle im September in Bochum stattfinden, erwartet würden 3.500 Menschen, vorrangig aus der Region. Am 16. September solle es stattfinden, nach Podium und Impulsvortrag fänden „kleine Veranstaltungen an verschiedenen Orten Bochums statt, welche gelebte Ökumene deutlich machen und aktuelle gesellschaftspolitische Fragen aufgreifen.“ Im Anschluss gäbe es ein Programm, das zum gemeinsamen Feiern einlädt, unter anderem einen ökumenischen Gottesdienst.

Das hörte sich für mich schon eher nach Reformationsjubiläum an, quasi ein Kirchentag nur ohne Bibelarbeit und in klein. Die Sache mit dem gemeinsamen diakonischen Aspekt war wohl bei der Planung unter den Tisch gefallen. Zwar fand ich das schade, war aber dennoch neugierig genug, mir das Ökumenische Fest „in echt“ anzusehen.

Ein Ökumenisches Fest

Was gehört alles zu einem richtig guten Fest? Was zu Essen und zu Trinken, Luftballons, Sonnenschein und Gäste in Feierlaune. Einen Anlass braucht man gar nicht unbedingt, man soll die Feste schließlich feiern, wie sie fallen und einen Grund zum Feiern findet man doch immer. Lädt man Gäste ein, die sich untereinander nicht kennen, dann ist es die Aufgabe der Gastgeber, die Gäste einander vorzustellen. Kommen alte Bekannte, die sich lange nicht gesehen haben, dann sollte genug Zeit und Raum zum Reden sein. Die schönsten Feiern sind die, bei denen man alte Freunde wieder sieht und aus Freunden von Freunden eigene neue Freunde werden.

Dass es eher ein spießiges Erwachsenenfest werden würde, keine Veranstaltung, die ich als wilde Party bezeichnen würde, war mir nach der Ankündigung und der Einladung schon irgendwie klar. Mir hätte wohl auch klar sein können, dass ein Programm, welches neben einem Vortrag des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, verschiedenen Workshops zu den Themen Integration, Demokratie, Musik, Bergbau, Friedenspolitik und Werten sowie einem Gottesdienst mit Heinrich Bedford-Strohm und Kardinal Reinhard Marx, keine jungen Leute anzieht. Die ökumenische Studierendengruppe aus Münster, der ich mich angeschlossen hatte, war unter den 850 Gästen nicht nur die größte Gruppe, auch senkten wir den Altersdurchschnitt ordentlich.

Um mich so richtig in die Zielgruppe einzufühlen, hatte ich mir den altersgerechten Workshop „Bewegtes Werte-Erleben“ rausgesucht. Die Ankündigung fand ich irgendwie witzig: Die Teilnehmenden sollten gemeinsam Boule spielen und dabei über das Thema „Werte“ ins Gespräch kommen. Ich war diskussionsfreudig und gespannt. Und wurde enttäuscht.

Seniorenfete ohne Kuchen

Der Festtag selbst fing relativ gut an: Auf Begrüßung und einem wirklich schönen Eröffnungsgebet folgte ein Impulsvortrag des Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert, an den sich eine Podiumsdiskussion anschloss. Der Vortrag von Lammert sorgte im Publikum für Begeisterung: Der Bochumer und Katholik nahm die Gelegenheit wahr, Kritik an dem gemeinsamen ökumenischen Miteinander der evangelischen und katholischen Kirche im Reformationsjahr zu äußern. Die Absichten den beiden Kirchen, die auch in „Erinnerung heilen — Christus bezeugen“ vereinbart wurden, gingen ihm nicht weit genug.

Warum nicht heute schon gemeinsam Abendmahl feiern? Das Kirchen- und Amtsverständnis halten uns davon ab.  Aber wie relevant ist die Diskussion der Kirchen über dieses Verständnis für die heutigen Christ*innen? Das Glaubensverständnis hielte uns in der Praxis nicht auf.  Provokant fragte Lammert ins Publikum: „Können wir nicht oder wollen wir nicht?“ Für seinen Vortrag bekam Lammert viel Applaus, die Veranstalter gaben sich im Anschluss jedoch redlich Mühe, diese Begeisterung wieder auszubremsen.

Genau so wurde auch meine Diskussionsbereitschaft in meinem Workshop ausgebremst. Ich kam mit den anderen Teilnehmenden – die fast alle meine Großeltern hätten sein können – nicht dazu, mich beim Boule-Spiel über Toleranz, Würde, Großzügigkeit, andere Werte oder überhaupt über den Wertebegriff in ein Gespräch zu vertiefen. Stattdessen erzählte uns der Kursleiter, wie schön man doch das Boule-Spiel nutzen könne, um jungen Leuten etwas über Werte zu erzählen. Der junge Mensch, der sich nach 10 Minuten schon sehr überflüssig fühlte, lernte außerdem noch so einiges über das Altern, den Einsatz von Boule-Kugeln im Schwimmbad und in der Seniorenarbeit kennen. Nur davon, welche Werte die Anwesenden als wichtig in ihrem langen Leben erachten und warum ihnen diese so wichtig sind, davon erfuhr ich leider nichts.

Gottesdienst statt Topfschlagen

Immerhin konnte das gute Wetter beim Abschlussgottesdienst bei mir wieder für gute Laune sorgen. Gut gelaunt hielten auch Marx und Bedford-Strohm ihre Dialog-Predigt. Die beiden waren sich einfach in allem einig und griffen gegenseitig das Gesagte des anderen auf. Wenn Lammert auf dem Fest einen Gastauftritt in der Rolle des Onkels hatte – der sich zwar mit allen versteht aber auch mal ordentlich auf den Tisch haut, wenn ihm etwas nicht passt und sich traut, den Gastgeber in die Pflicht zu rufen – dann waren Landesbischof und Kardinal so etwas wie die Eltern, die auf dem 16. Geburtstag auftauchen und die Anwesenden mit ausgetauschten Zärtlichkeiten peinlich berühren.

Gefeiert wurde beim Ökumenischen Fest für meinen Geschmack ein bisschen zu wenig. Mit einer Boule-Gefährtin kam ich nach dem Workshop noch ins Gespräch und insgesamt war der Austausch mit Fremden sowie in der ökumenischen Studierendengruppe wohl das, was ich von diesem Tag mitnehmen werde. Und natürlich, dass viele anwesenden Menschen nicht verstehen, warum „evangelisch“ und „katholisch“ noch zwei Kategorien sein sollen, die Christ*innen davon abhalten, sich als eine Gemeinschaft zu fühlen, zusammen zu leben und (Abendmahl) zu feiern.

3 Kommentare anzeigen

  1. Emanuel

    „Und natürlich, dass viele anwesenden Menschen nicht verstehen, warum „evangelisch“ und „katholisch“ noch zwei Kategorien sein sollen, die Christ*innen davon abhalten, sich als eine Gemeinschaft zu fühlen, zusammen zu leben und (Abendmahl) zu feiern.“
    Hm..Kommunalpolitiker von den Grünen und der FDP können auch super zusammenarbeiten und kommen oft zum selben Ergebnis – sollten sie deshalb eine gemeinsame Partei bilden? Nein, denn in ihrem Theoriegebäude gibt es Unterschiede. Warum ist das jetzt bei den Kirchen egal, nur weil viele Menschen sich nicht die Mühe machen, diese Theoriegebäude anzuschauen? „Ok, eigentlich sagen unsere Lehrdokumente etwas anderes, aber wir legen jetzt einfach mal fest, dass wir alles zusammen machen…“? Ist das nicht unaufrichtig? Könnte man, wenn man sich wirklich so einig wäre, dass nicht deutlich sichtbarer in den Lehrdokumenten kennzeichnen bzw. müsste man nicht ganz offiziell sagen, „die und die heben wir auf“?
    Die Grundfrage einer solchen praktischen Ökumene scheint mir zu sein: ist die Voraussetzung dafür, dass den Menschen einfach egal ist, was ihre Kirche lehrt? Und haben nicht dann wir Theolog(iestudierenden) ein Problem, weil wir entweder unsere Lehre nicht gut vermitteln können oder andersherum allzu unnötigen Ballast weitertransportieren? Werden lutherische Pastoren auf die Bekenntnisschriften ordiniert, weil es eine nette Tradition ist? Dann aber scheinen sich die Kirchen selbst anzulügen. Sie wollen an der Kreuzung nicht den Weg nach rechts gehen, aber auch nicht den nach links, aber irgendwie auch alle beide.

    • Deborah KehrDeborah Kehr

      „Die Grundfrage einer solchen praktischen Ökumene scheint mir zu sein: ist die Voraussetzung dafür, dass den Menschen einfach egal ist, was ihre Kirche lehrt? “ Danke für den Kommentar, da legst du den Finger in die Wunde. Ich denke dass es tatsächlich ein Problem ist, dass Bekenntnisse und theologische Unterschiede viel zu häufig Insider-Wissen sind.

      • Spassheide

        Nicht wirklich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die wenigsten aus Glaubensüberzeugung zum Mitglied wurden.

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