Moment Mal: Amos und die Umweltkatastrophen
Church and Storm von George Hodan (CC0 1.0)

Als ich nach den Zerstörungen durch die Hurrikane gelesen hatte, dass einige Christ*innen diese als göttliche Strafen für Homosexualität bezeichnen, tat ich das sofort als den typischen Unsinn ab, der manchmal von bestimmten Gruppierungen verkündet wird. Ich glaube nicht daran, dass Gott Menschen dafür bestraft, nicht heterosexuell zu sein. Doch der Gedankengang „Umweltkatastrophen als göttliche Strafen“ blieb in meinem Kopf stecken. Im „Mainstream-Christentum“, wie ich es erlebe, wird selten über göttliche Strafen geredet. Stattdessen steht der Gott, der bei den Schwachen und Armen ist, stets im Vordergrund. Nicht, dass ich das schlimm oder schlecht finde, vielmehr denke ich, dass ein solches Gottesbild gut und wichtig ist. Die Gedanken zu göttliche Strafen ließen mich trotzdem nicht los.

Am Wochenende, als Hurrikan Irma auf das Festland der USA traf, war ich seit längerer Zeit wieder im Gottesdienst der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin. Das Thema des Gottesdienst war Amos 4. Das Kapitel handelt davon, dass die Menschen trotz vieler Unheile nicht zu einem guten Leben zurückkehrten, sondern weiter Gottes Gebote missachteten. In der Predigt wurde dies mit der heutigen Zeit verglichen, in der sich immer schrecklichere Umweltkatastrophen ereignen, fruchtbare Böden unfruchtbar werden, Wüsten sich ausbreiten und Tierarten aussterben. Alles Folgen des durch den Menschen verursachten Klimawandels. Die Menschheit geht nicht verantwortungsbewusst mit Gottes Schöpfung um und es kommt immer wieder zu Katastrophen.
Oft wird der Klimawandel rein naturwissenschaftlich erklärt und sich gegen jeden religiösen Bezug gewehrt. Aber lassen sich nicht Parallelen finden zwischen den Berichten im Buch Amos und unserer Gegenwart? Die Menschheit handelt entgegen den Geboten Gottes, sie zerstört die Schöpfung und die Konsequenzen sind katastophal. Anstatt diese Warnsignale zu verstehen und umzukehren wird die Situation von Jahr zu Jahr schlimmer.
Aber die Naturwissenschaften können unser Verständnis auch bereichern, denn bestätigen sie doch genau das, was durch die Bibel schon lange verkündet wurde: Wenn wir als Menschheit nicht die Schöpfung wahren und sie nicht in Demut hüten, dann werden Katastrophen über uns hereinbrechen – das göttliche Gericht.

In dem Gottesdienst wurde Amos 4 als Vorlage genommen und die Worte in die Gegenwart übersetzt, was ungefähr so klang:

Ich habe euch Wirbelstürme und Hurrikane gegeben. Und doch seid ihr nicht zu mir umgekehrt.
Ich habe euer Land unfruchtbar gemacht und eure Wüsten vergrößert. Und doch seid ihr nicht zu mir umgekehrt.
Ich habe Tierarten aussterben lassen. Und doch seid ihr nicht zu mir umgekehrt.

Göttliche Strafen und göttliches Gericht sind keine einfache Themen. Ich glaube, wenn wir in Glauben und Theologie diese Themen ausklammern, dann geht etwas verloren. Aber ich tue mich schwer damit, von gottgewollten Strafen zu reden. Für mich wichtig und im Glauben bestärkend war es trotzdem, über diese Themen nachzudenken, auch wenn dieses Nachdenken wahrscheinlich noch nicht abgeschlossen ist. Zu wissen, dass falsches oder böses Verhalten Konsequenzen hat, dass wir Gott nicht egal sind, gibt mir Sicherheit. Gottes Gericht oder göttliche Strafen müssen nicht nur beängstigende Vorstellungen sein, sondern können auch Schutz und Zuversicht bieten.

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3 Kommentare anzeigen

  1. Es gibt eine Monographie über die Säkularisierung der Katastrophenzuschreibung, sehr interessant, doch ich weiß den Titel nicht mehr.
    Ich habe das Katastrophenthema (Theodizee) in einer Notfallseelsorgetagung aufgegriffen. Dort kommen noch die alten Deutungsmuster und Schuldzuschreibungen vor. Zitat:
    Viel nachdenklicher stimmt mich, daß es schon öfter Schreckenserfahrungen gegeben hat, die die Leute innehalten ließen, weil sie ihr Weltbild sprengten. In der Antike war die Zerstörung des Jerusalemer Tempels ein solches Ereignis und in der Neuzeit das Erdbeben von Lissabon (1.11.1755)– um nur die Geschehnisse mit kollektiver Wirkung zu nennen. Das Erdbeben hat nicht nur den zu der Zeit 6 jährigen Goethe erschüttert. Er schreibt in „Dichtung und Wahrheit“:

    einspielen Dichtung und Wahrheit, S:29ff

    Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum ersten Mal im tiefsten erschüttert. Am 1. November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schecken. Eine große prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen. Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien, denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen miteinander zugrunde, und der Glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist. Die Flammen wüten fort, und mit ihnen wütet eine Schar sonst verborgener oder durch dieses Ereignis in Freiheit gesetzter Verbrecher. Die unglücklichen Übriggebliebenen sind dem Raube, dem Morde, allen Mißhandlungen bloßgestellt; und so behauptet von allen Seiten die Natur ihre schrankenlose Willkür.
    Schneller als die Nachrichten hatten schon Andeutungen von diesem Vorfall sich durch große Landstrecken verbreitet: an vielen Orten waren schwächere Erschütterungen zu verspüren, an manchen Quellen, besonders den heilsamen, ein ungewöhnliches Innehalten zu bemerken gewesen; um desto größer war die Wirkung der Nachrichten selbst, welche erst im allgemeinen, dann aber mit schrecklichen Einzelheiten sich rasch verbreiteten. Hierauf ließen es die Gottesfürchtigen nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an Trostgründen, an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen. So vieles zusammen richtete die Aufmerksamkeit der Welt eine Zeit lang auf diesen Punkt, und die durch fremdes Unglück aufgeregten Gemüter wurden durch Sorgen für sich selbst und die Ihrigen um so mehr geängstigt, als über die weitverbreitete Wirkung dieser Explosion von allen Orten und Enden immer mehrere und umständlichere Nachrichten einliefen. Ja vielleicht hat der Dämon des Schreckens zu keiner Zeit so schnell und so mächtig seine Schauer über die Erde verbreitet.
    Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen mußte, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen. Vergebens suchte das junge Gemüt sich gegen diese Eindrücke herzustellen, welches überhaupt um so weniger möglich war, als die Weisen und Schriftgelehrten selbst sich über die Art, wie man ein solches Phänomen anzusehen habe, nicht vereinigen konnten.

    Das Erdbeben wurde auch für Auseinandersetzungen mit dem Gegner benutzt. Eine Veröffentlichung trug den Titel: „Neueste Nachricht von dem in Lissabon und vielen anderen Orten gewesenen Erdbebens, von dessen natürlichen Ursachen, nebst einer Beschreibung von der Lebensart der Portugiesen und von ihrer Inquisition, woraus die moralischen Gründe ihres Verderbens gezogen werden.“ Sie hatten also, wie Hiob, selber schuld, die Portugiesen und ihre Inquisition. Doch die katholischen Theologen drehten den Spieß um: Sie sahen im Erdbeben ein Strafgericht Gottes angesichts protestantischer Blasphemie und verwiesen auf den Tod der in der Stadt ansässigen Hamburger Kaufleute.
    Zitatende

    Auszug aus https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/12/nachtcafe.pdf

  2. Spassheide

    „Zu wissen, dass falsches oder böses Verhalten Konsequenzen hat“
    Sollte man auch annehmen.
    „dass wir Gott nicht egal sind“
    kann man nicht daraus ableiten!
    „Gottes Gericht oder göttliche Strafen müssen nicht nur beängstigende Vorstellungen sein“
    nö, müssen sie nicht.
    „sondern können auch Schutz und Zuversicht bieten.“
    vor allem, wenn man weiß, dass Hurrikanes nur dort zuschlagen, wo sie meteorologisch auch zu erwarten sind. Gleiches gilt für Erdbeben,Vulkanausbrüchen und ähnlichem.
    „Die Menschheit handelt entgegen den Geboten Gottes, sie zerstört die Schöpfung und die Konsequenzen sind katastophal. Anstatt diese Warnsignale zu verstehen und umzukehren wird die Situation von Jahr zu Jahr schlimmer.“
    Wir verstehen die Signale. Nicht nur Neoliberale sondern auch von konservativ christlichen Gruppierungen werden diese Warnsignale in den Wind geschossen, weil die Schöpfung ja perfekt ist.

    Es gibt keine gottgewollte Strafen. Es gibt nur Shit happens. Mehr oder weniger hausgemacht.

  3. Sebastian Schumacher

    Ganz am Ende schreiben Sie, böses Handeln habe Konsequenzen. Aber wird Umweltzerstörung nicht erst deshalb böse, weil sie anderen Menschen Nachteile bringt. Wer Umweltzerstörung betreibt, der nimmt also Schaden für andere billigend in Kauf. Wenn diese Konsequenzen nicht auftreten würden (warum auch immer) wäre Umweltzerstörung auch nicht böse.

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