Moment Mal: Vertrauen wagen
Tempel von Philae, Foto von Toni Schmidt

Ägypten ist sicher eine Reise wert. Das dachte ich mir und nutzte die vorlesungsfreie Zeit für einen kleinen Kultururlaub. Die Reisezeit war für mich perfekt. Glühende Hitze, verhältnismäßig wenig Touristen und somit leere Tempelanlagen. Perfekt, um sich Zeit zu nehmen und ohne jede Hektik Detailwissen über die Kultur der Alten Ägypter anzueignen. Egal ob Memnon-Kolosse oder Karnak-Tempel, allein die Frage, wie diese monumentalen Bauten vor tausenden von Jahren erbaut wurden, lässt selbst mich nicht einfach kalt stehen.

Ein paar Arabischkenntnisse eignete ich mir bereits vor Reiseantritt an. Somit konnte ich mir auch ein Bild über die heutige Kultur Ägyptens machen. Sicher gibt es auch in diesem Land Terror, jedoch in geringem Maße. Die hohe Polizeipräsenz an den größeren Anlaufpunkten beruhigte zudem. Andererseits: Waffenbesitzer gibt es in Ägypten genügend. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, an einem Wegpunkt vorbei zu fahren, während zwei, drei Zivilisten ihre Gewehre in der Nähe und Bereitschaft haben. Ein Punkt, der mich später zu einiger Überlegung brachte.

Etwa die Hälfte der Reise war bereits um. Unser Schiff lag in Assuan, der letzten größeren Stadt im Süden Ägyptens. Durch den Bau des neuen Staudamms in den 1960er-Jahren staut sich hier das Nilwasser, wodurch der riesige Nassersee entstand. Heute würden Abu Simbel und viele weitere Tempelanlagen unter Wasser stehen. Mit einem unglaublichen Kraftakt wurden einige Bauten verlegt, andere gingen unter, so wie hunderte kleinere Dörfer, die hauptsächlich von der Völkergruppe der Nubier bewohnt waren.

An einem freien Nachmittag wurden wir von eben einem dieser Nubier zum Abendessen eingeladen. Er wollte uns sein Dorf zeigen, keines der Dörfer, die extra für Touristen angefertigt wurden, sondern sein Heimatdorf. Unser Reiseleiter wollte uns nicht ziehen lassen: Nicht jedes Dorf würde gut auf fremde Personen reagieren, es könne zu Gewalt kommen. Entgegen dieses Ratschlages besuchten wir dennoch das Dorf.

Vertrauen wagen. Es hätte vieles schief gehen können an diesem Abend. An sich ist Ägypten ein sicheres Land an den Touristenorten, darunter zählt auch die Innenstadt von Assuan. Das Dorf jedoch befand sich zwanzig Kilometer entfernt vom Stadtzentrum. Eine Einladung von einer fremden Person anzunehmen, damit hätten wohl viele Leute ihre Schwierigkeiten, insbesondere, wenn dies in einem anderen Kulturraum geschieht. Doch in diesem Fall entschieden sich auch vier weitere abenteuerlustige Reisende, mitzukommen. Es baut ein Gefühl der Sicherheit auf, während der Tour nicht allein zu sein. Und wildfremd war der Nubier, der uns einlud, auch nicht. Wir kannten ihn bereits vom Schiff, er sprach gut Deutsch und arbeitet auch in Deutschland.

An diesem Abend lernten wir das gesamte Dorf kennen. Sämtliche Verwandte wurden vorgestellt, die Kinder beobachten uns aufgeregt, denn in dieses Dorf verirren sich nur selten Touristen. Etwas argwöhnisch waren die Blicke der älteren Bewohner. Ein mystischer Moment: Der Dorfälteste empfing uns. Das erste Mal seit langem verspüre ich wieder Demut gegenüber älteren Personen. Mir wurde klar, dass ich eben dieser Altersgruppe zu wenig Respekt zolle und mich zu stark distanziere von unseren älteren Leuten.

‚Vertrauen wagen‘ brachte in diesem Fall also nicht nur einen unterhaltsamen Abend, sondern auch Stoff zum Nachdenken mit sich, das eigene Handeln selbstkritisch zu reflektieren und Schlüsse daraus zu ziehen. Die Frage, die sich jeder letztlich stellen muss: Wo ziehe ich eine Grenze, Anderen zu vertrauen?

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.