Über den Themenmonat „Kirchen und Politik“ Eine kritisch-würdigende Auseinandersetzung
Bundestag: Heye Jensen – Augsburger Dom: Christine Fuhrmannek

Was war so besonders an unserem Themenmonat Kirchen und Politik? Liest man unsere Beiträge aus der Vergangenheit durch, so ist erkennbar, dass wir uns im Grunde genommen in fast jedem Artikel damit auseinandersetzen. Denken wir zurück an den Artikel über Norbert Hofer, an die Berichterstattung über das Eheverständnis konservativer Politiker, an die Podiumsdiskussion am diesjährigen Kirchentag mit Obama und Merkel und und und.

Die „Textworker“ von theologiestudierende.de schreiben im Grunde genommen über alles nur erdenklich Mögliche – und da spielt Politik selbstverständlich eine wichtige Rolle. Πολιτικά quasi, also alle Dinge, welche die Stadt (die Öffentlichkeit) betreffen. Und somit ist die Trennung von Politik und Kirchen per se schwierig, da auch Theologie und Kirchen die Öffentlichkeit betreffen und betreffen wollen. Gerade in einer Zeit, in welcher religiöse Inhalte zum Politikum werden können.

Bürger zweier Welten

Aber jetzt stehen Wahlen in Deutschland und ein bisschen später auch in Österreich bevor. Die Wogen gehen hoch, die Stimmung wird stets aufgeheizter. Und immer wieder wird christlichen Institutionen attestiert, dass sie sich doch nicht in politische Debatten einmischen sollten. Die Vorwürfe spiegeln Emotionen wider und sie werden meist von denen vorgebracht, die ihre politische Haltung nicht von den jeweiligen Kirchen vertreten sehen. Kirche kritisiert den Staat, Kirche ehrt den Staat. Das beginnt in 1. Petr. 2,17, wird zugespitzt bei Luthers Zwei-Regimenter-Lehre und zieht sich bis zur Barmer Theologischen Erklärung und weiter bis in unsere Gegenwart durch.

Aber zugleich – und darauf weist etwa Barmen mit dem Zitat von 1. Petr. 2,17 hin – ist Kirche auch dazu verpflichtet, ehrfürchtig vor Gott zu sein. Damit kann man arbeiten: Wir (die Mitglieder aller christlichen Kirchen) sind Bürger zweier Welten, wir leben aber in der einen Welt mit Gott. Und zur Abgrenzung von Kirche und Politik meint Jüngel, dass Barmen dem religiösen Selbstverständnis des Staates einerseits und dem politischen Selbstverständnis der Kirche andererseits widerspreche. [1] Es ist also nicht selbstverständlich, dass Kirche Politik macht, aber Kirche ist unter anderem auch politisch tätig.

Politik im Kleinen

Aber was bedeutet das konkret? Diese Grenzen kann man doch nicht immer klar voneinander trennen. Das wird spätestens beim Thema Kirchenpolitik klar. In synodalen Entscheidungsprozessen fällen Kirchen im Dunstkreis einer politischen Geschäftsordnung Entscheidungen. Oder schöner ausgedrückt: Das „synodale Ringen um die Wahrheit“ hat eine politische Komponente. Jan Oliva ermöglichte uns einen Einstieg in den Themenmonat und beschäftigte sich mit einem sehr heiklen Thema: der Ökumene. Seine Antwort neben all den dogmatischen Differenzen zwischen den Kirchen ist eigentlich einfach: „Das ist für mich wahre Ökumene: sich zu begegnen und auszutauschen, sich kennen und verstehen zu lernen!“ [2]

Die Theologie ist eine gestrenge Herrin, sie mag uns mal eindeutig, mal vieldeutig erscheinen. Und Theologie ist bis zu einem Gewissen Grad unverzichtbar, um den kirchenpolitischen Prozess bedeutend mitzuprägend. Hierbei kann ein „gutes Theologiestudium“ nicht schaden und das sollte Grund genug sein, sich damit auseinanderzusetzen, was „gut“ schlussendlich konkret bedeuten mag. [3]

Freie Kirchen im freien Staat

Gehen wir einen Schritt weiter und fragen, was Kirchen in der politischen Institution „Staat“ leisten können und leisten sollen. Ein Rechtsstaat beispielsweise kennt die Trennung, aber auch die Verbindung, von Kirchen (bzw. Religionsgemeinschaften) und Politik. Religionsgemeinschaften allgemein sorgen in der offenen Gesellschaft „zu einer weltanschaulichen Vielfalt“, verrät die Journalistin, Bloggerin und Buchautorin Antje Schrupp im Interview mit Christine Fuhrmannek. [4] Damit Kirchen – bei allem sozialen, gesellschaftlichen Engagement in der freien Gesellschaft – aber nicht zu „Moralisten“ verkommen, sollten sie als argumentative Grundlage vermehrt das Evangelium, nicht moralische Erkenntnisse alleine, gebrauchen – meint Thomas Müller in seinem MomentMal. [5]

Gewiss ist das lediglich ein kleiner Einblick in unseren Themenmonat. Fakt ist, das Thema hat uns schwer beschäftigt und wir haben die unterschiedlichsten Bereiche „abgeklappert“. Können wir Gott und dem Staat treu sein? [6] Können wir Bonhoeffer treu sein? [7] Wird eine Grenze überschritten, wenn politische Personen kirchliche Räume betreten? [8] Wir haben dahingehend eine Bandbreite an Problemaufrissen, Diskussionen und Anregungen dargeboten.

Fazit

Wir leben momentan in Zeiten politischer Extreme, in Zeiten, wo politische Konflikte im Entstehen sind oder bereits voll im Gange sind. Politische Systeme befinden sich weltweit, auch in Europa, nach der Weltwirtschaftskrise im Umbruch. Der Newcomer in Frankreich und der Ungeheuerliche aus den USA sind nur zwei Beispiele für den Umsturz einer alten politischen Generation. Autokratische Systeme sind im Werden oder schon längst politische Realität geworden. Gesellschaftliche Veränderungen, Flucht und Vertreibung setzten Dinge in Bewegung und klagen „Stillstände“ an.

Furcht, Angst, Tod und Teufel – um es besonders drastisch zu formulieren – scheinen die Menschen im Griff zu haben. Und vielleicht liegt gerade in diesem Bereich die kirchliche Aufgabe, nämlich den Menschen Trost und Beistand zu geben. Vielleicht sehnt sich „die Politik“, die Öffentlichkeit, nach tröstendem Beistand, nach ruhigen Plätzen im „aufgeschreckten“ Leben. Problemaufrisse, Diskussionen und Anregungen mögen bei dieser Arbeit behilflich sein und eröffnen in diesen Belangen vielleicht neue Perspektiven.

[1] Eberhard Jüngel, „…nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens…“. Das Verhältnis von Staat und Kirche, in: Vernunft oder Macht? Zum Verhältnis von Philosophie und Politik, hg. von Ottfried Höffe (Tübingen 2006) 206.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.