Dem Hass entgegentreten Über die Geistlichen, die in Charlottesville gegen Rassismus protestierten
Geistliche am Rand des Emancipation Parks von Anthony Crider (CC BY 2.0)

In den USA gibt es seit langem eine Diskussion um die Entfernung von Statuen und Monumenten, welche die Südstaaten, beziehungsweise deren Anführer und Soldaten ehren. In Charlottesville, Virginia, steht solch eine Statue im Emancipation Park. Sie wurde zu Ehren von Robert Lee, einem Oberbefehlshaber der Südstaaten-Armee im Bürgerkrieg, errichtet. Verschiedene Gruppen, darunter Nazis (The Daily Stormer, National Socialist Movement), antisemitische (The Right Stuff) und rassistisch-nationalistische Gruppen (League of South, Traditionalist Youth Network, Ku-Klux-Klan), sowie bewaffnete Milizien (Three Percenters, Oath Keepers), organisierten für den 12. August eine Demonstration an der Statue um gegen deren Entfernung zu protestieren.

Andere Gruppierungen organisierten Gegenproteste, die am selbigen Tag stattfinden sollten, darunter religiöse Organisationen, wie der National Council of Churches (ökumenischer Zusammenschluss verschiedener christlicher Konfessionen), sowie verschiedene antirassistische, antifaschistische, kommunistische, sozialistische und anarchistische Gruppen (u.a. Black Lives Matter, Antifa, Democratic Socialists of America).

Die in Charlottesville ansässigen Geistlichen Brittany Caine-Conley und Pfarrer Seth Wispelwey riefen 1000 Geistliche und Glaubensführer*innen auf, nach Charlottesville zu kommen, „um dem Hass sichtbar entgegenzuwirken, um mit unseren Körpern zu verkünden, dass Gott white supremacy[1] ablehnt und dass Gott bei jenen gegenwärtig ist, die von diesem riesigen, nationalen Event verletzt, verärgert, verängstigt und verwirrt sind.“

Etwa 250 Geistliche folgten dem Aufruf und kamen für das Wochenende nach Charlottesville. Freitags, am Abend vor der Demonstration, fand in einer Kirche ein interreligiösen Gebetabend statt, an dem nahezu 1000 Menschen teilnahmen. Unerwartet marschierten in direkter Nähe zur selben Zeit Mitglieder der rechten, faschistischen und nationalistischen Gruppen mit Fackeln. Pfarrerin Traci Blackmon sagte, dass sie der Fackelmarsch an die Prozessionen des Ku-Klux-Klan erinnere, nur dass im Gegensatz zu damals die Teilnehmenden diesmal keine Kutten aufgezogen hatten. Der Vergleich zeigt, dass offener Rassismus in der Gegenwart normalisierter ist als früher. Rassist*innen brauchen sich in den USA nicht mehr zu verstecken.

Während des gesamten Marsches wurden antisemitische und nazistische Parolen gerufen (u.a. „Jews will not replace us“ und „Blood and Soil“). Die Besucher*innen des Gebetabend wurden von den Organisator*innen angewiesen, nicht die Kirche zu verlassen, da nicht für deren Sicherheit garantiert werden könne. Und die Ausschreitungen am Zielort des Fackelmarschs zeigen, dass die Sorgen der Organisator*innen berechtigt waren.

Der Tag der Demonstration

Manche der anwesenden Geistlichen hatten im Vorfeld gelernt, welche Formen gewaltfreien Protest es gibt und wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten können und sollten. Jedoch hatte sich die zuvor erwartete Situation grundlegend geändert. Lisa Sharon Harper berichtet, dass am Morgen alle darauf hingewiesen wurden, dass die Anzahl der Teilnehmenden der rechten Demonstration sehr viel höher sei als vorher geschätzt und nur ein Bruchteil der Geistlichen erschienen ist. Dadurch hatte sich die gesamte Dynamik geändert und die Menschen, die sich auf die Straße begaben, mussten einerseits mit lebensgefährlicher Gewalt von den Nationalist*innen, andererseits mit Verhaftungen durch die Polizei rechnen[2].
Eine größere Gruppe Geistlicher marschierte trotzdem in Richtung des Emancipation Park und stellte sich in einer Reihe am Rand des Parkes auf, direkt vor bewaffneten Milizen der rechten Demonstration. Durch ihre Anwesenheit veränderte sie die Situation und bot ein wenig Schutz vor dem Hass der RechtenAndere Geistliche verteilten Snacks, Wasser und Sonnencreme oder waren seelsorgerlich unterwegs.

Während die Geistlichen in einer Reihe am Rand des Parkes standen, zusammen beteten und Lieder sangen, wurden sie immer wieder von ankommenden Teilnehmern der rechten Demonstration beleidigt. Nach einiger Zeit entschied sich eine kleinere Gruppe zum Eingang des Parks zu gehen und dort ihren gewaltfreien Prostest fortzuführen. Dort kam es zu einer Konfrontation mit rechten Demonstrierenden, die sich schubsend einen Weg durch die Geistlichen bahnten.

Geistliche am Eingang des Emancipation Parks in Charlottesville, Foto: Anthony Crider

Eine Handvoll Gegendemonstrant*innen entschied sich, die Gruppe am Parkeingang zu unterstützen. Brandy Daniels beschreibt, dass sich aber kurze Zeit über 100 Rechte dem Eingang näherten. Er wüsste, dass seine Gruppe bei einer möglicherweise gewaltsamen Konfrontation keine Chance hätte. Doch bevor es dazu kommen konnte, stellten sich weitere Gegendemonstrant*innen vor die Geistlichen, um diese zu schützen. Einige Geistliche sagten, dass die „antifaschistischen und anarchistischen Demonstrierenden“[3] ihnen dadurch womöglich das Leben gerettet haben. Auch in anderen Situationen sollen Teilnehmer des Gegenprotests Geistliche vor rechten Demonstrierenden geschützt und gerettet haben. Aus dem brutalen Angriff auf den Sonderpädagogen Deandre Harris, sowie dem rechtsterroristischen Anschlag auf Gegendemonstrant*innen, bei dem Heather Heyer getötet wurde, lässt sich schließen, dass diese Berichte nicht überzogen sind. Im Nachhinein muss deutlich gesagt werden, dass für alle Menschen, die sich an diesem Tag den Rechten entgegenstellten, Lebensgefahr bestand.

Im Nachhinein

Mehrfach betonten Geistliche, dass sie zwar nicht mit allen Methoden der Gegendemonstrant*innen einverstanden sind, aber dass ihre Ziele dieselben seien. Pastor Seth Wispelwey schrieb:

Die white supremacists pflügten ohne zu zögern gewaltsam direkt durch die Geistlichen, die wir alle in klerikaler Kleidung waren. White supremacy ist Gewalt. Ich sah keine antirassistischen Protestierenden mit Waffen; bezüglich der Antifa jedoch würde ich alles, was diese mitbrachten als Werkzeuge zur Gruppenverteidigung kategorisieren und nicht mehr. So ziemlich alle mit denen ich sprach – inklusive den meisten Geistlichen – stimmten mir zu. Mein deutlicher Standpunkt ist: die Waffe war und ist white supremacy, und die white supremacists brachten vorsätzlich Waffen mit um Gewalt anzuzetteln. [4]

Was sind also die Möglichkeiten für Geistliche und/oder gläubige Menschen auf Demonstrationen? Sie können alleine durch ihre Anwesenheit ihre Umgebung verändern und einen sicheren Platz für Menschen bieten. Und liegt es nicht auch in unserer Verantwortung, dass wir uns von white supremacy deutlich distanzieren und uns white supremacists in den Weg stellen? Ich stimme Pfarrerin Laura Everett ausdrücklich zu, die schrieb:

Wir wissen, dass wir nicht frei sind bis wir lernen Rassismus, Gewalt, Antisemitismus, white nationalism, und verschiedene Formen ineinander greifender Unterdrückung zu sehen, benennen und zu demontieren. [5]

Und wie geht es nun weiter? Pastor Jim Wallis stellte im Sojourners Magazine einige Überlegungen an[6]. Welche Lehren können wir in Deutschland aus den Protesten unserer Glaubensgeschwister ziehen?


[1]
Rassistische Ideologie, dass es eine Rasse von Weißen gäbe, die anderen menschlichen Rassen überlegen sei. Diese Ideologie manifestiert sich in vielfältiger Weise auf institutionellem und individuellem Level.
Info-Grafik über white supremacy: https://radicaldiscipleship.net/2017/07/05/white-supremacy-overt-covert/

[2]
http://auburnseminary.org/will-america-pick-cross/

[3]
https://www.democracynow.org/2017/8/14/cornel_west_rev_toni_blackmon_clergy

[4] http://www.slate.com/articles/news_and_politics/politics/2017/08/what_the_alt_left_was_actually_doing_in_charlottesville.html

[5] http://www.ucc.org/news_a_week_after_charlottesville_ucc_clergy_ready_for_boston_08182017#.WZdQ-Zq-qNo.twitter

[6]
https://sojo.net/articles/what-your-church-can-do-after-charlottesville-5-steps-forward

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