Williams Tod und die Juden Die Entstehung der jüdischen Ritualmordlegende
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c3/Ritualmord-Legende.jpg

Neben Hostienschändung, Geldgier und dem Christusmord gehört der Ritualmord zu den bekanntesten antijüdischen Vorwürfen, die ihre Geburtsstunde im Mittelalter hatten. Doch wie entstand diese Legende vom kindertötenden Juden? Was war der Ausgangspunkt? Wie konnte sich die Geschichte über ganz Europa verbreiten und welche Rolle spielte die Kirche dabei?

Wo alles begann…

Ihren Anfang hat die Geschichte 1144 in Norwich/England. Der Legende nach wird ein Junge namens William am 22. März entführt. Seine Cousine beobachtet danach, wie er in ein jüdisches Haus gebracht wird. Dort sollen jene alle Marter Christi an ihm wiederholt haben. Sie sollen ihn an einen Balken aufgehangen haben und durch einen Stich in die Seite endgültig getötet haben. Um die Tat zu vertuschen verstecken sie die Leiche im Thorpe Wood, wo sie sich jedoch durch ein Lichtwunder in der Nacht offenbart und gefunden wird. Der Leichnam wird in das Kloster überführt und dort begraben, woraufhin er verschiedene Wunder vollbracht haben soll. Der Verdacht wird recht schnell durch die Mutter auf die Juden gelenkt. Da die wenigen unbrauchbaren Indizien die Tat aber nicht beweisen können, sind Bischof, König und Sheriff nicht von der Schuld der Juden überzeugt und die Juden werden freigesprochen.

Nach Ansicht des Mönches Thomas von Monmouth, der die Geschichte niederschrieb, wurden diese drei jedoch von den Juden bestochen. Thomas sucht die Schuld an Williams Tod bei den Juden, denn nur – wenn er durch ihre Hand für seinen Glauben starb – konnte er als Märtyrer verehrt werden. Und dies war das Ziel von Thomas und seiner Version der Geschichte. Im 12. Jahrhundert waren die Märtyrer und Reliquien rar geworden, doch waren sie für den Schutz der Bevölkerung wichtig und jede Gemeinde strebte es an, mindestens eine Reliquie zu beheimaten. Zudem brachten die damit verbundenen Wallfahrten und die Bezahlung für den Reliquienzugang Geld in die Kasse.

Schuldzuweisung

Neben den wirtschaftlichen Aspekten der Reliquienverehrung gibt es auch noch andere Erklärungsversuche, warum solche Anschuldigungen gemacht wurden.
Die Eltern fühlte sich schuldig, wegen der Vernachlässigung der eigenen Kinder. Diese Gefühle wurden auf Minderheiten übertragen und so die Juden als Sündenböcke dargestellt. Da sie wegen verschiedenen anderen Vorurteilen (z.B. Christusmord) bereits negativ besetzt waren, fiel es leichter, ihnen noch weitere schlechte Eigenschaften zuzuschreiben. Auch der allgemeine Fremdenhass kann eine Ursache für den neuen Vorwurf sein. Zudem war eine Verurteilung oder Hinrichtung eines Juden stets auch ein Vorwand, um sich an seinen Besitztümern „legal“ zu bereichern.

Die Legende vom Ritualmord fand zuerst starke Verbreitung auf der britischen Insel, bevor sie auch auf dem europäischen Festland populär wurde. Dabei wird die Legende nicht nur bei tatsächlichen Morden (z.B. 1475, Simon von Trient) als Erklärung verwendet, sondern auch ohne konkreten Anlass. So wurde 1171 im französischen Blois ein Jude an der Loire verhaftet, da er ein Kind in den Fluss geworfen haben soll. Man fand jedoch keine Leiche und weiterhin wurde kein Kind vermisst. Infolgedessen wurden trotzdem Gemeindemitglieder verhaftet und über 30 von ihnen verbrannt.

Auswirkungen

Infolge der Verdächtigungen, Verfolgungen und Verurteilungen der Juden äußerten sich auch weltliche und geistliche Herrscher zu der Thematik. Sie waren verpflichtet, ihrer Schutzpflicht gegenüber den Juden nachzukommen. Zudem waren die Juden für sie wichtige Geschäftspartner und Finanziers. Die Mächtigen hatten aber nur wenig Erfolg.

Obwohl niemand infolge der Anklage in Norwich sein Leben einbüßte, sollte dieser Fall dennoch für alle Juden im christlichen Europa die fatalsten Auswirkungen zeigen und das ganze Mittelalter hindurch, ja bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein, noch unzählige Opfer fordern.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.