Das liebe „Bückstück“ Kirchen und politische Institutionen sollten voneinander Abstand nehmen.
Bundestag: Heye Jensen – Augsburger Dom: Christine Fuhrmannek

Wer möchte schon gerne ein „Bückstück“ sein? Das Wort „bücken“ alleine ist bereits ein äußerst vieldeutiges Verb und kann – je nach Kontext – unterschiedlich aufgefasst werden. Sich bücken etwa heißt, einen Buckel machen zu müssen. Und im positivsten Sinne macht man einen Buckel, wenn es um harte Arbeit geht. Nur wer sich auch tief bückt, kann im Schweiße seines Angesichts die hart verdienten Früchte der Felder ernten. „Buckeln“ andererseits ist der Inbegriff für Unterwerfung, man wirft sich vor jemanden in den Staub. Und das „Bückstück“ bewegt sich semantisch irgendwo zwischen Rammsteins „Bück Dich“ und dem eben ausgeführten „buckeln“.

 

Der Vorwurf

Vor gut einer Woche habe ich mir abends in meinem Lieblingswirtshaus gepflegt ein kühles Bier gegönnt. Ich war alleine dort. Das ist nichts ungewöhnliches, da die wenigsten Freunde und Bekannten spontan um 23:00 Uhr  Zeit haben. An Gesprächsstoff mangelt es mir dort allerdings selten, man kennt mich in diesem Grätzel ziemlich gut. Und weil bekannt ist, was der Herr Müller so studiert, wird gerne über Gott und die Welt, vor allem über Gott gesprochen. Dauerthema momentan: Der deutsche Bundestag hat die „Homoehe“ zur „Ehe“ gemacht. Und ganz besonders hat die Stellungnahme der EKD dazu nachgewirkt (Ja tatsächlich, jetzt kennt man die EKD auch mancherorts in Österreich). Es dauerte nicht lange, da wurde mir folgender Satz gesagt:

„Ihr Protestanten seid doch das Bückstück der Politik.“

Zugegebenermaßen, diesen Vorwurf vernehme ich öfters. Das Wort „Bückstück“ kam mir bis dato allerdings so noch nie dabei unter. Man lernt nie aus, man lernt dazu. Und somit startete ein etwas länger andauerndes Gespräch.

 

Wir sind Teil der Politik

Ja, den evangelischen Kirchen wird eine sehr enge Verbindung zur Politik nachgesagt, nicht zu unrecht. Katrin Göring-Eckardt oder Günther Beckstein könnte man hier als die Personifizierungen dessen verstehen, was etwa die AfD unter „Teil des Establishments“ versteht. Ebenso dazu gehören kirchennahe Organisationen, wie etwa der Deutsche Evangelische Kirchentag. Auch dieser ist alles andere als unpolitisch [1], sieht Glaube und Politik gar eng miteinander verknüpft [2]. Und dann kommen zahlreiche politische Äußerungen diakonischer Einrichtungen dazu. In Österreich ist die Situation nicht viel anders. Eine ehemalige Superintendentin kandidierte 1998 für das Österreichische Präsidentenamt und ist seit 2001 in zahlreichen Funktionen für die Sozialdemokraten tätig [3]. Ein Detail am Rande: Sie hielt am 20. Juni 1999 in ihrer Funktion als Superintendentin den Abschlussgottesdienst am DEKT in Stuttgart. Zusätzlichen Gesprächsstoff liefern die zahlreichen Stellungnahmen der Diakonie zu diversen tagespolitischen Themen. Da kann es schon einmal vorkommen, dass während eines TV-Interviews sich ein parlamentarischer Klubobmann mit dem Direktor der Diakonie Österreich eher mäßig gut versteht [4].

Zugegeben: Die hier angeführte Auflistung ist lediglich die kleine Spitze des Eisbergs. Die Verstrickungen reichen tief und sind in vielerlei Hinsicht kritisch hinterfragenswürdig. Zusätzlich müsste sich momentan jede Institution vom demagogischen Sammelbegriff „Mainstream“ distanzieren, möchte sie nicht ins mediale Dauerfeuer der selbsternannten Wutbürgerinnen und Wutbürger geraten. Und in letzterer Konsequenz ist die EKD Stellungnahme zur „Ehe für alle“ das I-Tüpfelchen in der tagespolitischen Diskussion gewesen, weitere werden vermutlich folgen.

 

„Wer ein ‚Bückstück‘ ist, entscheide immer noch ich.“

Dass die evangelischen Landeskirchen mancherorts in Deutschland dem politischen Entscheidungsprozess zuvorgekommen sind, wird dabei aber leider oft vergessen. In der Nordkirche etwa ist die offizielle Segnung homosexueller Pärchen kein Tabu mehr, sondern kirchenrechtlich geregelt. Der Beschluss dazu viel im September des vorigen Jahres. Trauung wurde diese Segnung wahrscheinlich einerseits aus kirchenpolitischen Gründen nicht genannt, vor allem aber auch aus kirchenrechtlichen Gründen. Bereits 2009 stellte die EKD fest, dass:

„Eine Trauung ohne vorangegangene standesamtliche Eheschließung … nicht dem evangelischen Verständnis“entspricht. [5]

Und generell sind politische Verurteilungen oftmals äußerst unreflektiert, denn was man unter „Mainstream“ verstehen mag entstammt vielmehr einem innerlichen Gefühl. Ähnliches gilt für die Begriffe „Arbeiterklasse“, „Systemmedien“ et cetera. Diese hoch subjektive Art der gesellschaftspolitischen Pauschalisierung darf aber nicht einfach als „dümmlich“ abqualifiziert unter den Teppich gekehrt werden. Man kann „Systemmedien“ etwa als Begriff ablehnen, andererseits wird man nicht umhinkommen, sich mit der Verstrickung zwischen Medien, Politik und Wirtschaft auseinanderzusetzten.

Die Kirchen in Deutschland, vor allem die protestantischen, sind tatsächlich sehr eng mit der Politik verbunden. Das ist nicht unproblematisch, auch aus theologischer Sicht. Bedford-Strohm etwa pflegt immer wieder zu sagen: „Wer fromm ist, der muss politisch sein.“ Das stimmt prinzipiell, aber demnach könnte man dann Joachim Gauck als den Frommsten unter den Frommen betiteln. Und irgendwie geht das dann doch zu weit. Vielleicht grenzen sich die evangelischen Kirchen in den letzten Jahren zu wenig von den politischen Institutionen ab, vielleicht wird in letzter Zeit auf zu viele tagespolitische Themen eingegangen. Der unrühmliche Titel „Bückstück“ ist natürlich ordinär und überzogen, aber er entstammt aus einem Gefühl eines Teils der Bevölkerung, der Kirchen und Politik momentan zusehr im Gleichklang sieht.

2 Kommentare anzeigen

  1. Warum so verschämt bei Unverschämtheiten?
    Neben der Bückware unterm Ladentisch fiel mir sofort BDM, BDM, BDM ein, ein Spruch aus der Nazizeit, mit dem man sich besser nicht erwischen ließ, sozusagen eine verbale Bückware: Bück Dich Mädchen, Binnen Drei Minuten Bist Du Mutter!
    Wenn der Vorwurf also lautet: „Ihr Protestanten seid doch das Bückstück der Politik.“, hat der nicht nur eine sexuelle Konnotation, sondern ist gezielt sexuell gemeint. Er ernennt die evangelische Kirche zur Hure der Politik, die sich’s von hinten besorgen lässt.
    Da es sich um ein Stammtischgespräch in Österreich handelt, wundert mich die Drastik der Ausdrucksweise nicht.
    Bleiben wir drastisch: Wir Protestanten sollten uns nicht verarschen lassen, weder von der Politik noch vom Stammtisch – aber auch nicht von unseren Kirchenoberen.

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