Über die (Un)Möglichkeit, Bonhoeffer heute treu zu sein Eine kritische Antwort
the intersection of church and state von Ben McLeod (CC BY-NC-SA 2.0)

Wie verhalten sich ChristInnen zum Staat; und wie soll sich die Kirche positionieren? Marvin Gärtner plädierte in seinem Artikel zum laufenden Themenmonat „Kirchen und Politik“ dafür, unabhängiger vom Staat zu werden. Diese Forderung ist nicht ganz falsch, basiert aber auf falschen Annahmen, meint Daniel Fetzer in seiner kritischen Antwort.

Ich stimme zu: Gott ist für Christinnen und Christen die letzte Instanz, vor der das ganze Leben zu rechtfertigen ist. Gottes Gebote geben den Maßstab vor, an dem sich das zwischenmenschliche, politische, wirtschaftliche Handeln, also das ganze Leben zu orientieren hat. Kein Bereich kann davon gelöst werden.

Zu allen Zeiten jedoch versuchten TheologInnen, das hörige Christenvolk zum bedingungslosen Gehorsam der staatlichen Macht aufzurufen. Unter Berufung auf Röm. 13,1 – „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet“ – legitimierte schon Luther den blutigen Feldzug der Fürsten gegen die aufständischen Bauern. Unter Berufung auf Röm. 13,1 forderten die Hirten der Deutschen Christen, der katholischen Kirche – aber auch der Bekennenden Kirche – ihre Schafe auf, dem NS-Regime in „staatlichen“ und „politischen“ Fragen zu folgen.

Heute wird, ähnlich argumentierend, die Opposition vieler ChristInnen in den USA gegen Trump als unchristlich dargestellt. Die Liste der Beispiele ist lang, in denen sich christliche Kirchen dem Staat unterjochten und Gläubige nicht dem jüdischen Wanderprediger Jesus, sondern politischen Befehlshabern gehorchten.

Luther und die Bekennende Kirche: Falsche Vorbilder

Weder Luther noch die Bekennende Kirche können als Ruhmesblätter dafür gelten, wie ChristInnen sich mutig der staatlichen Macht widersetzten, um den Geboten Gottes zu folgen: Der Reformator war entsetzt darüber, dass Bauern, Lohnknechte, Knappen und Bergleute die „Freiheit eines Christenmenschen“ nicht nur im innerlich-geistigen Leben entdeckten, sondern auch politisch ein Ende der Unterdrückung und Unfreiheit forderten.

Nicht nur verunglimpfte er den Theologen dieser Befreiung, Thomas Müntzer, sondern schlug sich auf die Seite der Fürsten und rechtfertigte deren gewalttätiges und blutdurstiges Niederschlagen der Aufstände. Luther begnügte sich mit der Reformation der Kirche und der Theologie – sein Widerstand galt nicht den ungerechten Herrschern, die den Großteil der Bevölkerung in Unfreiheit hielten.

Auch die Bekennende Kirche war keine Widerstandsorganisation, keine Opposition im NS-Staat. Nein, ihr Widerstand beschränkte sich auf  die kirchenpolitischen Reformen der Deutschen Christen.

Bonhoeffer galt in dieser Kirche als ein radikaler Außenseiter, dessen Engagement als gefährdend für die Anliegen der Bekennenden Kirche angesehen wurde. Nein, ein großer Teil der BK-Pfarrer legte sogar Wert darauf, dass ihr Widerstand lediglich Reichsbischof Müller sowie der Theologie der Deutschen Christen gelte und keine Stellungnahme gegen den NS-Staat sei.

Der nationalsozialistischen Politik wurde nur dort widersprochen, wo sie kirchlich-organisatorische Angelegenheiten betraf. Als „nichtarische“ Glaubensgeschwister zunehmender Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt wurden, verzichtete man größtenteils auf Widerspruch, in vorauseilendem Gehorsam schloss man diese vom Pfarrdienst und später vom Gottesdienst aus.

In „weltlichen“ Fragen kam Opposition sowieso nicht infrage – zu sehr prägte das protestantische Obrigkeitsdenken die Haltung zum „Führer“. Keine Kritik an Konzentrationslagern, keine Kritik am Krieg, keine Kritik am Umgang mit Oppositionellen: Die Bekennende Kirche war keine Widerstandsorganisation, sie stand nicht „auf den Steinen des Glaubens, der Bibel und Christi“.

Die heutige Verklärung Bonhoeffers ist verständlich: Sein klarer Blick auf die unchristliche Politik der NS-Regierung, sein Engagement für den Frieden sowie sein späterer Gang in den Widerstand und der Märtyrertod müssen gewürdigt werden. Sein Verdienst gilt umso mehr, da die große Mehrheit der Kirchenleute sich entweder blenden ließ oder aus Furcht schwieg angesichts der bedrohlichen Umstände.

Gleichzeitig leben wir aber in gänzlich anderen Verhältnissen, nämlich in denen eines demokratischen Rechtsstaats. Dieser fundamentale Unterschied darf nicht ignoriert werden. Geschieht es doch, findet man seltsame Antworten auf die Frage, wie sich der/die Einzelne und auch, wie sich die Kirche zum Staat verhalten und positionieren soll.

Wo Freiheit herrscht, braucht es kein Entweder-Oder

Nur BürgerInnen eines freien Rechtsstaats sind tatsächlich in der Lage, eine freie Entscheidung zu treffen, ob sie sich zuerst als StaatsbürgerInnen oder als ChristInnen definieren. Andere Staatsformen – nationalistische, sozialistische, religiöse Diktaturen – geben diesen Entscheidungsspielraum nicht.

Dort ist und war Religion entweder verboten oder vorgegeben; hier muss man sich tatsächlich selbst entscheiden, ob man der Religion oder dem Staat Folge leistet, eine Entscheidung, die in den Widerstand führt und Verfolgung nach sich ziehen kann.

Wo die Freiheit aber gegeben ist, handelt es sich nicht mehr um eine Frage des Entweder-Oders, denn ich kann sowohl Christ als auch Staatsbürger sein.

Bonhoeffers Wort, dass nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden sind, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen ist, bleibt wahr. Nur darf dabei nicht vergessen werden, dass auch der Antrieb des Rads eine Rolle spielt.

Das zermalmende Rad einer Diktatur wird gelenkt durch Ideologie und Gewalt; wir aber leben in einer Demokratie. Deren Kurs lässt sich, wenn auch nur begrenzt, mitbestimmen; und wo man mit dem Kurs nicht einverstanden ist, kann man sich der Opposition anschließen und auf eine Veränderung hinwirken. Das gilt für einzelne ChristInnen ebenso wie für die Kirchen im Land.

Meiner Meinung nach wählt die Evangelische Kirche in ihrem Umgang mit dem Staat keinen schlechten Weg, wenn sie auf konstruktive Zusammenarbeit mit demokratisch gewählten VertreterInnen setzt. Warum sollte eine Institution wie die Kirche darauf verzichten, am demokratisch-politischen Prozess teilzunehmen, indem sie PolitikerInnen berät, Stellungnahmen abgibt und auch selbst als politischer Akteur auftritt?

Unabhängigkeit vom Staat ist durch die Verfassung gegeben; der Staat verfügt nicht über die Kirche, die Kirche bestimmt nicht über die Politik. Die Zusammenarbeit, den Dialog und auch die Einmischung zu verweigern, ergibt in einer Demokratie keinen Sinn – anders als in einer Diktatur, wo Nicht-Kooperation ein wichtiges Mittel des gewaltfreien Widerstandes ist.

Neue Fragen, neue Antworten

Wir können uns als heutige, protestantische ChristInnen nicht auf Luther und die Bekennende Kirche beziehen, wenn wir uns für unsere Unabhängigkeit vom staatlichen Regiment auf die Schulter klopfen wollen: Die christlichen Kirchen haben sich viel zu oft schuldig gemacht durch Paktieren mit unterdrückerischen, gewalttätigen Mächten.

Ebensowenig taugt Bonhoeffers Widerstand als Anleitung für unser Verhalten heute – nicht, weil er nicht richtig war, sondern weil wir in einer anderen Zeit leben. In dieser sind ChristInnen anders gefordert und haben sich andere Fragen zu stellen.

Die Klarheit christlicher WiderständlerInnen kann bei der Orientierung helfen, bietet aber nur begrenzt gültige Antworten für das Leben als Bürgerinnen und Bürger in einer Demokratie.


Das Versagen der Kirchen sowie der Inneren Mission in der NS-Zeit findet sich eindrücklich belegt in Klee, Ernst: „Die SA Jesu Christi“: Die Kirche im Banne Hitlers. Frankfurt a.M.: Fischer, 1989.

2 Kommentare anzeigen

  1. Sebastian Schumacher

    Tolle Replik. Der demokratische Rechtsstaat garantiert die Freiheit des Glaubens. Er muss nicht in Konkurrenz zu Religionsgemeinschaften stehen.

    • Oliver

      Nach Art. 4 Abs. 2 GG wird die ungestörte Religionsausübung gewährleistet. Damit ist der organisierte Gottesdienst gemeint. Die allgemeine Religionsfreiheit nach Art. 4 Abs. 1 GG ist zwar unverletzlich, aber wird nicht gewährleistet, sodass der demokratische Rechtsstaat durchaus gegen die Religionsgemeinschaften handeln kann, sofern jene gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung „in Konkurrenz“ stehen. Demnach gibt es Varianten, bei welchen der Staat gegen Religionsgemeinschaften einschreiten muss.

      Luther und die Bekennende Kirche sind Vorbilder, denn die Freiheit wird nicht aufgegeben bei einem entweder-oder. Ob sie gute Vorbilder sind, ist dikussionswürdig. Allerdings stimmt es, dass man als Christ auch ein Staatsbürger ist und nicht nur sein kann. Dieser Ausschluss ist tatsächlich, rechtlich und biblisch gegeben, sodass man eigentlich die EKD politscher sehen müsste, um noch mehr konstruktive Zusammenarbeit als politischer Akteur gegenüber anderen Religionsgemeinschaften einzufordern. Die EKD ist nämlich zu politisch gegenüber dem Staat und zu unpolitsch gegenüber den Freikirchen und der Römische-katholischen Kirche.

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