Über die (Un)Möglichkeit, Gott und Staat treu zu sein
the intersection of church and state von Ben McLeod (CC BY-NC-SA 2.0)

Christ*innen mussten und müssen sich immer wieder die Frage stellen, wem sie in letzter Instanz treu sind: Gott oder dem Staat. In der Frühzeit der Kirche waren das unter anderen Jesus und Paulus, im 16. Jahrhundert Maria de Bohorques, Luther und andere, in der Neuzeit zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer und Anni von Gottberg. Alle entschieden, dass sie als Christ*innen dem Gebot des Staates nicht Folge leisten können und auch in der Gegenwart finden sich solche Menschen. In Bayern zum Beispiel werden zur Zeit Pfarrer*innen, die Kirchenasyl gewähren, verstärkt vom Staat unter Druck gesetzt.

Petr Chelčický, tschechischer Laientheologe und Reformator, schrieb im 15. Jahrhundert: „Wer Gott gehorcht, bedürft keiner anderen Autoritäten.“ Als Christ*innen sind wir in letzter Instanz den Geboten Gottes verpflichtet und Staaten haben die Angewohnheit, Menschen die Entscheidung treffen zu lassen, ob sie zuerst Bürger*in oder zuerst Christ*in sind. Sogar in der Bibel wird von dieser Entscheidung erzählt. In 1. Samuel 8 wird davon berichtet, dass sich die Menschen einen weltlichen Herrscher wünschen, was Gott als Treueverweigerung empfindet.

Ich bin überzeugt davon, dass die Position der Kirche zum Staat überdacht und verändert werden muss. Ich finde es wichtig, dass die Kirche auf eigenen Beinen und unabhängig vom Staat steht. In diesem Verständnis lese ich auch mehrere Artikel der Barmer Theologischen Erklärung, die in dem Bewusstsein geschrieben worden ist, dass der Staat immer wieder versuchte, die Kirche zu übernehmen und dass es ein klares christliches Bekenntnis dagegen geben muss. Dazu gehört auch der zweite Artikel, in dem steht, dass es keinen Bereich im Leben von Christ*innen gibt, in dem wir uns nicht vor Gott rechtfertigen müssen. Auch wenn wir im Auftrag des Staates, beziehungsweise aufgrund seiner Gesetze bestimmte Dinge tun oder lassen, müssen wir uns deswegen vor Gott rechtfertigen.

Das hier ist kein Plädoyer für Widerstand oder sogar Märtyrertum, sondern für Zweifel und Vertrauen. Ich bin für das Zweifeln. Ich bin für das Nachdenken. Nachdenken darüber, ob meine Taten dem entsprechen, an was ich glaube. Nachdenken, warum ich bestimmte Dinge tue. Kann ich mich rechtfertigen für diese Taten? Ich bin für mehr Vertrauen, vor allem in Gott. Oft leben wir, besonders im Westen, ein Leben etsi deus non daretur, als ob es Gott nicht gäbe. Dies bietet zwar viele Vorteile in einer pluralistischen Gesellschaft, aber wo bleibt da der Glaube?

Ich denke, der Evangelischen Kirche fehlt ein eigenes Fundament auf dem sie stehen kann. Zu sehr ist sie der Welt verbunden, in der es Gott nicht zu geben scheint. Die Bekennende Kirche baute ihr Haus auf den Steinen des Glaubens, der Bibel und Christi. Aber heutzutage ist die Evangelische Kirche wieder sehr viel enger mit dem Staat und der Politik verbunden. Die Kirche kann ihre Botschaft nicht „dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugung überlassen“, wie es in der Barmer Theologischen Erklärung so schön formuliert ist. Vielleicht sollten wir die Barmer Theologische Erklärung wieder ins Zentrum stellen.

Kierkegaard schrieb: „Ich muss eine Wahrheit finden, die wahr für mich ist.“ Auf diese Suche sollten wir uns alle machen und vielleicht kann mein Text ein Anstoß für die Suche oder eine Begegnung während ihr sein.

4 Kommentare anzeigen

  1. Sebastian Schumacher

    Menschen fühlen sich ganz verschiedenen Dingen verpflichtet: Der Familie, der Firma, dem eigenen Gewissen usw. Der Staat wird bei den meisten Menschen wohl erst später kommen. Geht es hier also um die Frage, ob es gut ist, Gesetze zu missachten, wenn sie den eigenen Glaubensvorstellungen widersprechen? In einem demokratischen Rechtsstaat heißt die Antwort „Nein!“ Gesetze müssen befolgt werden.

    Als Atheist sehe mich ausschließlich den Interessen der Menschen gegenüber verpflichtet. Die Menschen in Deutschland sind aber nunmal in einem Staat organisiert, also sehe ich mich auch dem Staat gegenüber verpflichtet. Dazu gehört auch, die Interessen des Staates und seiner Bürger zu beschützen. Wenn sich also Christen (oder auch Kommunisten oder Buddhisten) gegen den Staat und damit gegen die Bürger positionieren, weiß ich auf welcher Seite ich stehen werde. Einen Kulturkampf gab es schon und wir haben ihn gewonnen.Wollt ihr wirklich so eine Frontstellung? Warum nicht mit vereinten Kräften für das Gute arbeiten?

  2. Marvin GärtnerMarvin Gärtner

    Ich stimme ganz mir dir überein, dass der demokratische Rechtsstaat nicht möchte, dass seine Gesetze übertreten werden und dass er seine Ordnung, teilweise mit Gewalt, durchsetzen will. Der Staat stellt die Regeln für alles private und gesellschaftliche Leben auf.
    Aber was ist denn nun zum Beispiel mit dem Kirchenasyl? Als Bürger müsste ich den Staat gehorchen, aber als Christ bin ich etwas anderem verpflichtet. Ist der Staat, sind die Regierenden so unfehlbar, dass ich mich nicht in bestimmten Belangen gegen sie positionieren kann? (Es gäbe auch noch andere Beispiele, wie Sitzblockaden, oder die Aktionen von Berrigan.)

    Wenn du dich den Interessen der Menschen verpflichtet siehst, wie gehst du dann damit um, dass es vielfach verschiedene und sich widersprechende Interessen gibt?
    Ich stimme nicht damit überein, dass eine kritische Opposition zum Staat auch bedeutet sich gegen alle Menschen zu stellen, die in diesem Staat leben. Die Menschen sind auch noch da, wenn der Staat sich verändert hat oder weg ist.
    Warum sprichst du jetzt von einem Kulturkampf? Ich habe nicht für solch einen plädiert, ganz im Gegenteil. Ich hab mir nur ein eigenes, starkes Fundament für die Kirche gewünscht, weil ich teilweise das Gefühl habe, dass sie zu sehr im Fahrwasser des Staates mitschwimmt.
    Worum geht es denn in dieser Frontstellung (die wohl bisher kaum existiert)? Mir geht darum, dass Menschen nicht mehr in Länder geschickt werden in denen ihr Tod sehr wahrscheinlich ist. Mir geht darum, dass jeder Mensch ein Recht auf ein gutes Leben hat. Mir geht es darum, dass die Menschen in Solidarität, in Liebe miteinander leben/leben können. Offensichtlich scheint es da aber Differenzen zu geben.

    • Oliver

      Ein Recht auf ein gutes Leben ist Utopie – Jedoch kann man danach streben – Als Vergleich vielleicht die Dogmatik bei Star Trek undter Captain Piccard, der sehr gerne darauf insistiert, dass es Geld und Vermögen nicht mehr gebe, aber einen Bruder hat, der einen großen Weinberg besitzt und bewirtschaftet. Und was machen die Menschen des 23. Jahrhunderts in den Städten. ? Ererbter Besitz war, ist und wird immer der Anstoß zum Ärgenis, wenn es um das Verteilen geht.

      Hinsichtlich Deiner Äußerungen zu der Barmer Theologischen Erklärung meine ich bemerkt zu haben, dass Du die Ansichten von Wolfgang Huber vertrittst. Falls hier noch lesebedarf besteht, so empfehle ich :

      „Huber, Wolfgang: Folgen christlicher Freiheit. Ethik und Theorie der Kirche im Horizont der Barmer Theologischen Erklärung (NBST 4), Neukirchen-Vluyn 1983 (2. Auflage 1985).“

      Jedenfalls denke ich nicht, dass die Barmer Theologischen Erklärung in dem Bewusstsein geschrieben worden ist, der Staat würde immer wieder versuchen, die Kirche zu übernehmen und dass es ein klares christliches Bekenntnis dagegen geben müsse. Die Barmer Theologischen Erklärung ist meines Erachtens eine theologische Erklärung und kein politisches Bekenntnis.

      Ich denke, der Evangelischen Kirche (EKD) fehlt ein eigenes Abgrenzungs-Fundament gegenüber den Freikirchen und der RKK, auf dem sie stehen kann. Obwohl die Ökumene theologische Einheit verspricht, so müsste dennoch die EKD mehr die politische Vielfalt gegenüber der Ökumene postulieren, um auch theolgisch wieder darzustellen, was die EKD unter dem Begriff „evangelisch“ versteht. Aus diesem Grunde kann ich durchaus verstehen, dass wir uns in einem Kultukampf befinden, zumal die Gegenrefromation der Katholischen Kirche nie aufgehört hat, sich gegen die Reformation zu wenden.

  3. Sebastian Schumacher

    @Marvin Gärtner, natürlich ist der Staat nicht unfehlbar. Aber das Gewaltminopol des Staates sichert gerade das Wohl der Schwachen. Wer genug Geld für Leibwächter hat, braucht kein Gewaltminopol. Daher ist es richtig, das Gewaltmononopol zu achten. Wer nur Gesetze befolgt, die ihm passen, oder dafür wirbt, Gesetze die man doof findet, zu missachten, der untergräbt die Ordnung der Gesellschaft, zu der alle Bürger verpflichtet sind. Ein Gesetz zu brechen ist also an sich bereits ein Übel, auch ungeachtet der möglichen Folgen, weil es einen Treuebruch des Bürgers bedeutet gegenüber der Gesellschaft darstellt. Natürlich gibt es seltene Fälle, in denen das Befolgen eines Gesetzes so schreckliche Konsequenzen hätte, dass ein Gesetzesbruch das geringere Übel ist. Kirchenasyl mag so ein Fall sein. Alle diese Fälle ist gemein, dass der Staat zuerst versagt hat. Entweder geschah ein Treuebruch des Staates gegenüber den Bürgern (etwa bei den Nürnberger Rassegesetze gegenüber jüdischen Bürgern) oder der Staat schadet Menschen, die nicht Teil des Staates sind, etwa Asylbewerbern. In beiden Fällen endet die Legitimität des Staates. In allen anderen Fällen sind wir verpflichtet auch unkluge Gesetze zu befolgen.

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