Zur Kasse bitte!
Bundestag: Heye Jensen – Augsburger Dom: Christine Fuhrmannek

Anfang des Jahres erzählte mir eine Freundin, sie sei jetzt endlich aus der katholischen Kirche ausgetreten. Sie habe sich das lange genug angesehen und jetzt, wo sie selbst Geld verdiene und Kirchensteuer zahlen müsse, habe sie den Termin beim Amtsgericht gemacht. Der Sachbearbeiter habe das alles auch recht schnell geregelt und sie mit einem „Wir sehen uns dann in der Hölle!“ verabschiedet. Per se hat meine Freundin nichts gegen Kirche, kirchliche Krankenhäuser, die Caritas, Beerdigungen oder Hochzeiten. Eine sehr enge Bindung zu der katholischen Kirche hat sie aber nicht, die Sache mit dem Papst findet sie auch komisch und außerdem möchte sie selbst entscheiden, wofür sie ihr Geld ausgibt und wofür eben nicht.

So wie sie könnten das auch einige andere sehen. 2015 traten 181.925[1] Menschen aus der katholischen, 210.000[2] Menschen aus der evangelischen Kirche aus. Für 2016 liegen die Kirchenaustrittszahlen in beiden Kirchen wieder etwas niedriger (katholisch: 162.093[3], evangelisch: 190.000[4]), in der katholischen Kirche sogar niedriger als 2014 und 2013[5]. Über die Gründe für einen Austritt sagen die offiziellen Zahlen der Kirchen jedoch nichts aus.

Die EKD sieht in den sinkenden Austritten (in Verbindung mit den Zahlen der Taufen und Eintritte) sogar ein Anzeichen für die gestiegene Verbundenheit zur Kirche, die die kirchliche Mitgliedschaftsuntersuchung prognostiziert hatte.[6] Anders reagiert die Deutsche Bischofskonferenz auf die aktuellen Zahlen. Der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Dr. Hans Langendörfer SJ, bedauert die Austritte:

„Leider haben uns 2016 erneut viele Menschen verlassen, in dem sie aus der Kirche ausgetreten sind. Auch diese Zahl ist erneut leicht rückläufig. Der Austritt ist eine Form der Distanzierung, die in anderen Ländern nicht möglich ist. Doch zeigt er in jedem einzelnen Fall, dass die Weitergabe des kirchlichen Glaubens nicht vollständig gelungen ist. Wir müssen den Menschen, die weggehen, aktiv nachgehen, um ihre Beweggründe zu verstehen und unser Handeln danach kritisch zu überprüfen, um es da – wo notwendig – auch neu auszurichten.“[7]

Hier sieht die katholische Kirche also ein Scheitern ein und zieht daraus direkte Handlungsanweisungen für die Zukunft.

Kirchenaustritt.de – ein Portal, das Informationen zum Thema Kirchenaustritt sammelt und für Interessierte bereithält – führte 2016 eine eigene Umfrage zu den Beweggründen für einen Kirchenaustritt durch.[8] Laut dieser Umfrage gibt es zwei Hauptgründe: Für 30,4% der Befragten ist die Unzufriedenheit mit der Institution Kirche oder deren Amtsträgern ausschlaggebend für einen Austritt, für 46,9% ist es die Kirchensteuer. Wesentlich weniger Menschen (16,9%) verlassen die Kirche, weil sie nicht oder nicht mehr an Gott glauben oder an einen anderen Gott, eine andere Göttin oder andere Götter (2,2%). Die fehlenden 3,7% gaben andere Gründe für einen Austritt an. Dementsprechend hat sich kirchenaustritt.de auch spezialisiert und listet für Besucherinnen und Besucher Kosten, Bedingungen und Anlaufstellen für einen Kirchenaustritt – je nach Bundesland – auf. Außerdem bietet die Seite auch einen Kirchensteuerrechner.

Für Deutschland wird die Kirchensteuer über Artikel 140 GG geregelt. Genauer gesagt über Artikel 137 der Weimarer Verfassung von 1919, auf den verweist das Grundgesetz an dieser Stelle. Dort heißt es in Abschnitt 6:

„Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben.“

Vielen ist nicht verständlich, warum die Kirchensteuer ein Austrittsgrund sein kann. Immerhin ist die Erhebung der Steuer effizient, denn dadurch, dass der Staat den Einzug übernimmt, werden Verwaltungskosten gespart. Die Kirchen nutzen ein bestehendes System einfach mit. Die Kirchensteuer ist auch transparent, es ist kein Geheimnis, wer welchen Beitragssatz zahlt. Und die Kirchensteuer ist gerecht. In Deutschland orientiert sich die zu leistende Abgabe an der Einkommenssteuer. Wer wenig verdient zahlt wenig, wer dagegen ein hohes Einkommen zu versteuern hat, zahlt auch mehr. Für wen würde es sich also „lohnen“, wegen der Kirchensteuer aus der Kirche auszutreten? Eigentlich nur für Menschen, die viel verdienen, unverheiratet sind und keine Kinder haben und die Leistungen ihrer Kirche nicht in Anspruch nehmen wollen. Das mit den nicht in Anspruch genommenen Leistungen ist allerdings komplizierter als es sich anhört. Wer komplett auf Kirche verzichten will, verzichtet nicht nur auf den wöchentlichen Gottesdienst, eine kirchliche Beerdigung und die Sommerfreizeit der Kirchengemeinde vor Ort. Ein Mensch, der den Angeboten der Kirchen entgehen will, muss sich auch ein staatliches Krankenhaus und einen nicht-kirchlichen Pflegedienst suchen. Sollte diese Person irgendwann doch noch Kinder bekommen, wäre dann auch der kirchlich getragene Kindergarten Tabu. Je nach Infrastruktur, ist das gar nicht so einfach. Da wo ich herkomme (vom Land), wäre es mit einem ziemlich großen Aufwand verbunden, so zu leben.

Man kann mir jetzt leicht vorwerfen, ich hätte gut reden. Immerhin habe ich in meinem Leben noch nicht wahnsinnig viel Kirchensteuer bezahlt und wenn ich sie mal zahle, unterstütze ich ja damit – wenn das mit dem Pfarramt klappt – sogar meine eigene Arbeitgeberin. Und tatsächlich kann ich meine Freundin schon auch verstehen. Wenn ich als lediger junger Mensch frisch aus dem Studium komme, endlich von den Eltern unabhängig in einer Stadt wohne, entsprechend hohe Lebenshaltungskosten habe, dann verdiene ich selten sofort so viel, dass ich davon noch groß was zurücklegen könnte. Und auch wenn es nicht viel Kirchensteuer ist: Gerade bei einem niedrigen Einkommen tut jeder Euro weh.

Eine wirklich gute Finanzierungsalternative für die Kirchen in Deutschland sehe ich nicht. Die Kirchensteuern ermöglichen es den Kirchen und ihren Einrichtungen, langfristig zu planen. Das erzeugt Sicherheit und schafft einen Gestaltungsspielraum für Gelder. Allerdings ist eine Steuer dann doch nicht so ganz nach dem Prinzip „jede/r so viel er/sie kann“. Unsere Steuererhebung sieht nämlich nur bedingt den Menschen hinter den Zahlen. Der Einzug der Steuer erfolgt anonym. Selbst wenn die Kirchen wollten, sie könnten sich nicht bei ihren Beitragszahler*innen für die Steuern bedanken. Und das ist doch schon ein bisschen schade.

Statt leere Kirchen zu beklagen, sollten wir uns viel öfter bei denen bedanken, die nach dem Solidaritätsprinzip allen anderen einen Kirchbesuch ermöglichen, auch wenn sie ihn selbst gar nicht in Anspruch nehmen. All denen Danke sagen, die „mit Kirche nichts am Hut haben“ aber trotzdem nicht austreten. Und denen dankbar sein, die „nur“ in der Kirche bleiben, um auch mal so eine schöne Beerdigung zu haben wie Opa, weil sie damit die Kirchen und alle ihre Mitarbeitenden, Hauptamtliche wie Ehrenamtliche unterstützen.

Und zuletzt täte es den Kirchen auch gut, selbst die Nähe zu ihren Gemeindegliedern zu suchen und nicht mehr ewig auf die Komm-Struktur zu vertrauen. Ich fände es gut, wenn tatsächlich nach den Gründen für einen Kirchenaustritt gefragt wird und das bestehende System in Frage gestellt werden darf. Und ich hoffe, dass es nicht nur leere Floskeln sind, sondern dass es Herr Langendörfer, der für die katholische Kirche in Deutschland spricht, auch ernst meint, wenn er sagt:

„Hinter jeder Zahl in dieser Statistik steckt eine Lebensgeschichte: die Biographie von Menschen, die sich das Ja-Wort geben, die Biographie von Menschen, die in die Kirche aufgenommen werden. Biographien von Gläubigen, Priestern, Mitarbeitern. Wir sollten bei den Zahlenwerken nicht unseren eigentlichen Auftrag vergessen: Trotz manchmal stürmischer Zeiten das Evangelium mutig und freudig zu verkünden. Die Kirche muss mit den Realitäten leben. Wir werden weniger, aber wir verlieren nicht unsere Aufgabe und unsere Anliegen. Menschen, Gesellschaft, Staat brauchen die Kirche. Ich wünsche mir, dass wir mit den heute vorgelegten Zahlen und Wirklichkeiten entschlossen umgehen, um an einer Kirche zu bauen, die menschendienlich ist und ihren Grundauftrag nicht vergisst. Daran werden wir uns messen lassen“[9]


[1] http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/Zahlen%20und%20Fakten/Kirchliche%20Statistik/Eintritte%2C%20Wiederaufnahmen%20zur%20katholischen%20Kirche%20sowie%20Austritte%20aus%20der%20katholischen%20Kirche/2015-Wiederaufnahmen-Eintritte-Austritte-Zeitreihe_1950-2015.pdf

[2] https://www.ekd.de/EKD-Statistik-Hohe-Verbundenheit-der-Kirchenmitglieder-26671.htm

[3] http://www.dbk.de/de/presse/details/?presseid=3440&cHash=e1ecf3b27f78a18867978eab9461137d

[4] https://www.ekd.de/EKD-Statistik-Hohe-Verbundenheit-der-Kirchenmitglieder-26671.htm

[5] Zahlen vom statistischen Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/StatistischesJahrbuch/Bevoelkerung.pdf?__blob=publicationFile

[6] „Erstmals seit drei Jahren traten im Jahr 2016 weniger Menschen aus der evangelischen Kirche aus als Mitglieder im selben Zeitraum durch Taufe (180.000) oder Aufnahme (25.000) hinzukamen. Damit bestätigt sich ein Ergebnis der jüngsten Kirchlichen Mitgliedschaftsuntersuchung (KMU) aus dem Jahr 2014, der zufolge die Verbundenheit der Mitglieder mit ihrer Kirche im vergangenen Jahrzehnt gestiegen ist.“ https://www.ekd.de/EKD-Statistik-Hohe-Verbundenheit-der-Kirchenmitglieder-26671.htm

[7] http://www.dbk.de/de/presse/details/?presseid=3440&cHash=e1ecf3b27f78a18867978eab9461137d

[8] Link zur Umfrage: http://www.kirchenaustritt.de/

[9] http://www.dbk.de/de/presse/details/?presseid=3440&cHash=e1ecf3b27f78a18867978eab9461137d

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7 Kommentare anzeigen

  1. Man sollte sauber trennen – wie es die Kirche auch tut – zwischen der „verfassten Kirche“ und ihren Sozialeinrichtungen. Nur ausgesprochene Kirchengegner lehnen es ab, die nicht-speziell kirchlichen Angebote zu nutzen. Sie werden ja auch nicht oder kaum durch die Kirchensteuer finanziert, sondern leben von den Sätzen, die zwischen ihnen und den jeweiligen Sozialversicherungen ausgehandelt werden. Auch die kirchlichen Kindergärten sind weitestgehend von der jeweiligen Kommune refinanziert.
    Die Austrittszahlen von regelrechten Kirchengegnern dürften sich zahlenmäßig in Grenzen halten. So die von ehemaligen Heimkindern. Auch ihnen ist der Unterschied von Kirche und ihren Sozialeinrichtungen nicht bewußt. Viele sprechen von der kirchlichen Mafia. So haben sie die Kirchen am Runden Tisch erlebt, unter der Leitung einer Pfarrerin. [ https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/ ]
    Manche gehen noch einen Schritt weiter: »Für den Fall einer eintretenden Pflegschaft traf ich folgende rechtsverbindliche Verfügung: „Meine Unterbringung in einem von Kirchen oder deren Konzernableger Diakonie oder Caritas betriebenem Pflegeheim untersage ich. Wer als Verfügungsberechtigter dafür Geldmittel einsetzen sollte, wird enterbt“. Stimmt, ich freue mich über die Machtverluste der Kirchenmafiosi.«
    Für die meisten Ausgetretenen dürfte die Kirche ganz einfach funktionslos geworden sein, um sie weiter zu unterstützen. Auch das ist aus der Mitgliedschaftsbefragung zu ersehen.
    https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/03/12/eine-zeitdiagnose-die-mitgliedschaftsumfrage-der-ekd/

  2. Sebastian Schumacher

    Ich bin einer dieser Kirchengegner. Das bedeutet erstens, dass ich aus der (evangelischen) Kirche ausgetreten bin. Es bedeutet aber auch, dass ich die Dienste von kirchlichen, religiösen Sozial-Institutionen vermeide, also auch Caritas usw. nicht in Anspruch nehme, wenn ich es vermeiden kann. Anstatt den Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie als Atheisten im ländlichen Raum kirchliche Schulen und Kitas nutzen MÜSSEN, sollte Ihnen lieber die Möglichkeit gegeben werden einen weltanschaulich neutralen Anbieter zu wählen. Man stelle sich vor, es gäbe überall kommunistische Wohlfahrt und kaum Alternativen. Jetzt würden die Kommunisten euch Christen einreden, ihr solltet doch bitte in der Kommunistischen Partei sein, weil ihr diese Wohlfahrt nutzen müsst. Das wäre doch empörend. Ihr würdet doch auch wollen, dass der Staat weltanschaulich neutrale Alternativen schafft. Genauso sage ich, der Staat muss Alternativen schaffen. Das bedeutet wahrscheinlich, dass er seine finanzielle Unterstützung fur Kirchen einstellen. Umso besser!

    • Oliver

      Wie es im ländlichen Raum aussieht, kann ich nur erahnen, aber generell weltanschaulich neutralen Anbieter der so genannten „freien Wohlfahrtspflege“ sind neben der AWO auch das Rote Kreuz und in Berlin sogar das UHW. Abgesehen vom Roten Kreuz partizipieren also auch die beiden großen Parteien – SPD und CDU – an dem staatlich-finanzierten Zuwendungssytem der „freien Wohlfahrtspflege“. Demnach hat der Staat bereits Alternativen geschaffen. Jedoch entscheiden die Wohlfahrtsverbände selber, ob und wie sie vor Ort vertreten sind. Da die Kirchen meistens sowieso vor Ort sind, so ebenso auch deren Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie.

  3. Das wird in der Realität wohl nicht klappen.
    1. Die meisten Leute sind mit den kirchlichen Angeboten zufrieden.
    2. Die Politiker würden den Mehraufwand scheuen, denn trotz überwiegend öffentlicher Finanzierung gibt es eine Cofinanzierung durch die Kirchen. Darauf wird man nicht verzichten wollen.
    Sie müssen sich kein schlechtes Gewissen machen lassen, schließlich zahlen Sie für solche Dienstleistungen. Versucht man jedoch, Sie zu missionieren, wenden Sie sich an den Hauptfinanzier mit der Bitte/Forderung, er möge diese „Missionsversuche“ abstellen. Das gilt auch für muslimische Eltern. Doch ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass man dort Missionsversuche unternimmt.
    Zu Friktionen mag es aber kommen, wenn im Kindergarten typischerweise der Jahreskreis abgebildet wird. Dabei kommen selbstverständlich die kirchlichen Feste vor mit den dazugehörigen Geschichten. Es dürfte inzwischen Allgemeingut sein, dass auch die Feste aus der islamischen Welt gewürdigt werden, nach dem simplen Motto: Je mehr Feste desto besser, um die Kinder kindgemäß zu beschäftigen. Da sehen Atheisten natürlich alt aus, es sei denn, sie animieren die Kindergärtnerinnen, auch den Tag der Menschenrechtserklärung u.ä. in ihr Curriculum aufzunehmen.

    Apropos Kindergärten: Mir fällt eine Episode aus Gomaringen im Landkreis Tübingen ein.
    Dort gab es ausschließlich evangelische Kindergärten und einen blöden Pfarrer. Der hielt das Fasnetstreiben (Karneval im Rheinischen) für eine Sache des Teufels und verbot solches Treiben in den Kindergärten. In allen anderen Kindergärten ringsum war die Fasnet selbstverständlich einer der Höhepunkte im Jahreskreis und die Kinder kamen verkleidet in den Kindergarten. Für den oberflächlichen Betrachter sind Fasnet und Karneval katholische Feste. Das einschlägige Brauchtum hat einen theologisch hochinteressanten Hintergrund, wie man bei Werner Mezger nachlesen kann. „Mezgers Veröffentlichungen zur Geschichte der Fasnet stellen … die Fastnacht als Fest im Ablauf des Kirchenjahrs ausdrücklich in eine christliche Tradition. https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Mezger “ Doch davon wußte der blöde Ortspfarrer nichts. Er war sehr eng pietistisch. Ich habe erst hier in Württemberg gelernt, dass für manche Pietisten die Katholiken nicht zur Ökumene, sondern in die Nähe des Teufels gehören.
    Das Fasnetsverbot in Gomaringen schlug Wellen mit dem Ergebnis, dass die evangelischen Kindergärten Konkurrenz bekamen durch einen kommunalen, den dann wohl nicht ausschließlich die Kinder der zugezogenen nicht-pietistischen Neubürger besucht haben.
    Ja, Gomaringen hatte einen arg beschränkten Pfarrer.

  4. Spassheide

    Ein Blick auf die Freikirchen zeigt, dass diejenigen, die sich freiwillig für den Glauben entscheiden, sogar mehr geben als es die Kirchensteuer von einem abverlangt.

    Das besonders wichtige an der Kirchensteuer war damit wohl eher die soziale Kontrolle.

    Da die katholische und EKD-Kirchen praktisch als einzige NGOs Steuern erheben, erschienen sie bei einem Großteil der Bevölkerung (West) als Teil des Staates, dem man anscheinend angehören musste. Und bis zum Mauerfall dürfte der eine oder andere auch in der Kirche geblieben sein, weil er bei seinem Arbeitgeber nicht in Ungnade fallen wollte.
    Das hat sich zum Glück geändert – Konfessionszugehörigkeit wird immer mehr als Privatangelegenheit betrachtet und selbst den Kirchen verbundene Arbeitgeber werden heute nicht mehr auf den Konfessionseintrag auf der Lohnsteuerkarte achten, weil ihm sonst mittlerweile noch nicht einmal die Hälfte des Arbeitnehmerpools mehr zur Verfügung stehen würde.
    Damit ist dieser schöne Nebeneffekt – oder war es vielleicht doch das Hauptziel – verpufft.

    „Vielen ist nicht verständlich, warum die Kirchensteuer ein Austrittsgrund sein kann.“
    Ich eher würde sagen:
    „Vielen ist nicht verständlich, warum für etwas zahlen, was man nicht glaubt.“

    @Sebastian Schumacher
    Man darf als Atheist durchaus kirchliche Einrichtungen nutzen, da diese für den Staat so oder so ein Zuschussgeschäft sind, weil die Kirchensteuer unbegrenzt zu 100% abzugfähig ist; die Kirchen die Kirchensteuereinnahmen aber nur 5 % in caritative Einrichtungen stecken. Jeder Kirchenaustritt ist ist damit eher positiv für den Staat – eine Einsicht, die vor 20 Jahren schon Theo Weigel hatte.

    • Sebastian Schumacher

      @Spassheide: Das mag schon sein, aber ich komme mir als Heuchler vor, wenn ich religiöse Angebote nutze. Wenn ich kann, unterstützte ich lieber weltanschaulich neutrale Angebote oder direkt die humanistischen Dienste des HVD, wo ich mich selbst weltanschaulich verorte. Leider sind die in NRW kaum präsent.

  5. Spassheide

    Die wahren Heuchler sind die Kirchen und ihre „Tochtergesellschaften“, die ihre Angebote, die sich auch an die Allgemeinheit richten, praktisch fast komplett fremdfinanzieren lassen (was eigentlich auch ok ist, da andere Träger genau so finanziert werden), aber dann immer schön behaupten, dass ohne ihr Engagement das Sozial- und Bildungssystem zusammenbrechen würde.

    Man muss es einfach so sehen, Altenheime und Krankenhäuser sind keine religiösen Angebote sondern Wirtschaftsunternehmen, die halt nur unter dem Kreuz firmieren. Wenn ich die Krankenhauskapelle nicht nutze, entsteht mir kein Nachteil. Alles andere wird nach den gleichen Sätzen wie bei nichtreligiösen Einrichtungen abgerechnet.
    Das größere Problem sehe ich eher darin, dass seitens der Politik den kirchlichen Einrichtungen immer noch ein besonderes Arbeitsrecht oder Vergünstigungen bei Ämtern (relativ aktuell ist die Kritik der hamburger Piraten, dass Kirchen nicht nur dort beim Amtsgericht praktisch gebührenbefreit sind) gewährt wird, was zu einer Wettbewerbsverzerrung führt.

    Hier unterstützt man Alternativen am besten dadurch, dass man sich selbst politisch einbringt oder einfach auch nur den Parteien und Politikern kritische Fragen stellt. In dem Ort, in dem ich lebe, sind schon zwei konfessionelle Grundschulen verschwunden, weil auch den Politikern es so langsam dämmerte, dass es Quatsch und auch nicht mehr begründbar ist, bei vorwiegend Fremd- bzw Nichtgläubigen die zu 100% von der öffentlichen Hand finanzierten katholischen Grundschulen aufrecht zu erhalten.

    Das ist zwar ein langer und zäher Weg; aber in unserer Gesellschaft tut sich so langsam etwas.

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