Moment Mal: Moral oder Evangelium? Vergessen die Kirchen die Verkündigung des Evangeliums in politischen Debatten?
Bundestag: Heye Jensen – Augsburger Dom: Christine Fuhrmannek

Die „Ehe für alle“ erhitzt derzeit die Gemüter in der Öffentlichkeit. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich. Das verwundert kaum, da sich beide Länder momentan im hitzigen Wahlkampfgefecht befinden. Sachargumente spielen – bei Gegnern als auch Befürwortern – in solchen Momenten eine untergeordnete Rolle, es sei denn, man könnte sie für die eigenen Zwecke instrumentalisieren. Mehr als eigentlich nötig setzten Meinungsmacher daher auf Emotionen. Ähnlich äußert sich diesbezüglich der evangelisch-reformierte Systematiker Ulrich Körntner:

Rechtlich betrachtet ändert sich in Deutschland freilich weniger als die emotional geführte Debatte suggerieren mag. Die Rechtsprechung der vergangenen Jahre hat dazu geführt, dass eingetragene Partnerschaften der Ehe weitgehend gleichgestellt sind.

Das ist wohl des Pudels Kern. Gesellschaftliche Änderungen, in welche Richtungen sie sich auch bewegen mögen, stoßen in den meisten Fällen auf eine breite Debatte. Das ist in der Regel gut so, denn es ist ein Beweis dafür, dass eine demokratische Kultur in einem Land noch vorhanden ist. Dennoch spielen Emotionen eine nicht unbedeutende Rolle, um Menschen in eine bestimmte gesellschaftspolitische Richtung zu bewegen. Und diese Emotionalisierung dient vor allem einer: Der Moralisierung. Zahlreiche „rechten Rülpser“ im Internet machen das deutlich: Wer Flüchtlinge abschieben möchte, erreicht eine Veränderung der moralischen Grundsätze einer breiteren Bevölkerungsschicht am schnellsten dadurch, dass emotionsbeladene Nachrichten verbreitet werden.

Moralisierung und Emotionalisierung gehören zusammen betrachtet und ergeben ein günstiges politisches Vehikel. Und dieses Vehikel wird momentan seitens der EKD gerne in Anspruch genommen. Ratsvorsitzender Bedford-Strohm ist ein Sozialethiker, was folgender Satz in einer Interview-Debatte verdeutlicht: „Der Anspruch, dem Nächsten zu helfen, bleibt hoch. […] Wir dürfen unser Nichtkönnen in die Hand Gottes legen. Tun aber, was wir tun können.“ Und weiter: „Ein fragwürdiger Weg wäre: Wir senken die moralischen Maßstäbe so lange ab, bis wir sie erfüllen können.“ Die Moral treibt uns also zum gerechten Tun und moralische Maßstäbe halten das gute Tun aufrecht?

Das sollte nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Kirchen haben vor allem die Aufgabe, das Wort Gottes zu verkündigen, sie sollen das Evangelium in der Welt ernstlich verbreiten. „Politische Kirchen brauchen wir keine.“ Ja. Wenn sich eine Kirche in politischen Debatten zusehr auf gesellschaftspolitische Maßstäbe verlässt, so kann der Befund zutreffend sein, dass sie ihr Kerngeschäft (die Verkündigung der „befreienden Botschaft“) vernachlässigt. Der Gebrauch von gesellschaftspolitischen Maßstäben als argumentative Grundlage suggeriert den Menschen zudem noch eine moralische Erhabenheit einer (kirchlichen) Institution. Und wird die Moral zur Königin verklärt, so bekommt das Evangelium den bitteren Beigeschmack, lediglich eine Fußnote darzustellen. Somit komme ich zum Schluss, dass die Kommunikation des Evangeliums eine befreiende Arbeit ist. Sie befreit nicht nur Menschen, sie befreit auch Kirchen.

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