Vielfalt aushalten: Ansätze für eine Ökumene der Zukunft Ökumenische Einsichten aus meinem Studienjahr in Rom – Teil 3
Abendrot (Foto: Oliva)

Dies ist nun der dritte und letzte Teil meiner Ökumenischen Einsichten. Im vorangegangenen Text berichtete ich von einem ökumenischen Schlüsselerlebnis meines Romjahres. Außerdem ging es darum, was von Papst Franziskus in Sachen Ökumene noch zu erwarten ist.


Innerprotestantische Ökumene heute

Eine Weitung meines innerprotestantischen Horizontes habe ich vor allem in den Ökumenevorlesungen an der Waldenserfakultät erhalten. An dieser kleinen Universität studiert der gesammelte Pfarramtsnachwuchs des protestantischen Italiens; momentan nicht einmal 15 Leute. Methodisten, Baptisten, Lutheraner und Waldenser sind in diesem Land angesichts der übermächtigen römisch-katholischen Kirche derart in der Minderheit, dass man zusammenstehen muss, vor allem organisatorisch. Keine der Kirchen könnte sich eine eigene Fakultät für die Ausbildung ihrer PfarrerInnen leisten, selbst gemeinsam ist es eine finanzielle Gratwanderung. Baptisten und Lutheraner mit einer gemeinsamen Universität – in Deutschland nahezu undenkbar.

Die Waldenserfakultät in Rom (Foto: Oliva)

Die theologischen Unterschiede bleiben derweil bestehen, etwa in Sachen Taufe. Während Waldenser und Methodisten, die in Italien mittlerweile eine Kirchenunion verbindet, der lutherischen und reformierten Praxis der Kindertaufe folgen, ist es bekanntlich eines der Unterscheidungsmerkmal der Baptisten, lediglich Erwachsene zu taufen. Aber diese Spannung kann ausgehalten werden – und zeigt auf, wie aus protestantischer Sicht die Ökumene eines Tages zur Vollendung gebracht werden könnte: Einheit in Vielfalt – eine Kommunion der Kirchen (konkret: die gegenseitige Anerkennung der Ordination sowie die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft) bei deren gleichzeitiger organisatorischer Eigenständigkeit. Ein Beispiel dafür bietet die innerprotestantische Leuenberger Konkordie von 1973.

Einheit in Vielfalt: Ein Modell für die Zukunft?

Die Evangelische Kirche in Deutschland zum Beispiel ist nach diesem Prinzip der Einheit in Vielfalt organisiert: Die EKD setzt sich aus grundsätzlich unabhängigen lutherischen, reformierten und unierten Landeskirchen zusammen. Auch der Lutherische Weltbund ist auf diese Weise strukturiert. Die römisch-katholische Seite dagegen bevorzugt die Verschmelzung aller Konfessionen in einer Kirche, deren Oberhaupt natürlich der Papst zu sein hat – wer auch sonst? Da stellt sich die Frage, ob es eine solche Einheitskirche jemals gegeben hat? Bezeugt nicht das Neue Testament, insbesondere die Apostelgeschichte und die Briefe des Paulus, dass sich schon die ersten Gemeinden in ihrer jeweiligen Glaubenspraxis voneinander unterschieden und um Lehrfragen stritten?

Einen anderen Weg, als die Andersartigkeit der Anderen zu akzeptieren und die bestehende Verschiedenheit auszuhalten, gibt es nicht. Es muss Schluss damit gemacht werden, die Wahrheit für sich allein zu beanspruchen und sich über die andere Seite zu erheben. Zu viel Leid hat dieses Verhalten in den vergangenen Jahrhunderten schon auf allen Seiten hervorgebracht. Anstatt uns von hochtrabenden, über die Jahrhunderte eingefahrenen dogmatisch-theologischen Streitpunkten davon abhalten zu lassen, sollten wir gemeinsam unseren Glauben leben und einander einladen – auch zum Abendmahl! Dass wir Lutheraner nicht am römisch-katholischen Abendmahl teilnehmen dürfen, kann kaum theologisch begründet werden (Stichwort Realpräsenz), sondern ist in erster Linie das Produkt historischer Entwicklungen. Dass die römisch-katholischen Geschwister unserer Einladung zur Eucharistie mit Verweis auf die in den protestantischen Kirchen fehlende apostolische Sukzession nicht folgen wollen, muss man akzeptieren. Aber könnten sie uns nicht wenigstens zu sich einladen? Wie könnte ihnen dies wehtun oder schaden? Mich persönlich verletzte in Rom das Gefühl des Ausgeschlossenseins vom Abendmahl in der Messe zusehends.

Die Sache mit der Hierarchie

Eine hierarchisch strukturierte Kirche mit einem zentralen Entscheider hat definitiv ihre Vorzüge. Ganz zu schweigen von dem Vorteil, eine solche Instanz in den eigenen Reihen zu haben, die in der ganzen Welt Gehör findet – auch bei Gläubigen anderer Religionen und bei Menschen, die ohne Gott leben. Kennt jemand dagegen Name oder Gesicht des Präsidenten des Lutherischen Weltbundes?

Die Zerfaserung der protestantischen Kirchen dagegen birgt zweifelsohne viele Probleme. Aber Christsein gestaltet sich in unserer heutigen Welt derart vielfältig, jede Gesellschaft auf jedem Kontinent hat ihre eigenen Probleme und Fragen, auf die eingegangen werden will. Es ist beeindruckend zu beobachten, wie sich die römisch-katholische Kirche krampfhaft an diesem Spagat abmüht, den das Weltkirche-Sein mit sich bringt. Aber so wird man niemandem wirklich gerecht! Weder dem Bistum Dresden-Meißen noch der Kirchenprovinz Lagos in Nigeria oder dem chinesischen Erzbistum Changsha.

Der nach außen hin mitunter doch recht autoritär wirkende Führungsstil der Kurie in Rom, durch den man die Einheit dieser Kirche zu gewährleisten versucht, verträgt sich nur schwer mit der Vielfalt, die man in der Welt, ja bisweilen in einer einzigen Kirchengemeinde vorfindet. Mit einfachen Antworten kann der Komplexität des Lebens – seien es Fragen der Sexualität, politische Situationen oder die Frömmigkeit des Einzelnen – unmöglich angemessen begegnet werden.

Vielmehr sollte der Blick geweitet werden, um die bestehenden Vielfalten in Kirche und Gesellschaft(en) wahrzunehmen. Das kann, ja muss im Kleinen anfangen: Wie positiv überrascht war mein mexikanischer Kommilitone von der katholischen Fakultät Sant’Anselmo, als er eines Sonntags mit mir in den lutherischen Gottesdienst kam. Obwohl er für ein Aufbaustudium in Liturgie nach Rom geschickt wurde, war dies sein erster protestantischer Gottesdienst überhaupt. Sein bis dahin nicht unbedingt positives Bild von den Lutheranern hatte er in Kirchengeschichtsvorlesungen im Priesterseminar daheim in Mexiko bekommen. Nun merkte er, dass das ja ein echter Gottesdienst war: mit Lesungen, Liedern, Gebeten und sogar einer Abendmahlsfeier.

Die Begegnung zählt – Tacos essen mit meinem mexikanischen Kommilitonen (Foto: Oliva)

Interessant für mich wiederum war an dieser und anderen Begegnungen mit meinem äußerst internationalen Kommilitonenspektrum an den päpstlichen Hochschulen die Erfahrung, dass unsere konfessionelle Situation in Deutschland eine Ausnahme ist: In nur wenigen anderen Ländern begegnen sich evangelische und römisch-katholische Christen zahlenmäßig derart auf Augenhöhe. Andernorts auf der Welt dagegen wird das protestantische Spektrum insbesondere durch evangelikale Gruppierungen vertreten, die durch ihre Gottesdienste und sonstigen Praktiken nicht selten einen unseriösen bis verstörenden Eindruck in ihrer römisch-katholischen Umwelt hinterlassen.

Konsequenz: Ökumene geht nur über persönliche Begegnungen

Nun könnte der Eindruck erweckt worden sein, ich hätte durch mein Romjahr eine gründliche Abneigung gegen den Katholizismus entwickelt. Dem möchte ich entschieden widersprechen! Wie das nun einmal ist, wenn man eine Sache näher kennenlernt, werden einem mit der Zeit ihre positiven wie auch die negativen Aspekte umso deutlicher. Nach wie vor schätze ich etwa an der römisch-katholischen Liturgie ihren Sinn fürs Heilige, fürs Transzendente – etwas, das uns Protestanten leider ein wenig verloren gegangen ist. In ihrer Fülle an Reizen für Augen, Ohren und Nase ist die Messfeier für mich ein Ort, an dem ich mich Gott nahe fühlen kann, trotz des Schmerzes angesichts des verweigerten Abendmahls.

Was für mich die römisch-katholische Kirche in erster Linie ausmacht, sind nicht die doktrinalen Aufreger, sondern die Menschen. Die Herzlichkeit und das Entgegenkommen, die Offenheit und das Interesse, mit dem viele Kommilitonen und auch Dozenten an den päpstlichen Universitäten mir begegneten, haben mich beeindruckt und soll an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt werden. Ebenso das Miteinander und die Freundschaftlichkeit in den regelmäßigen Treffen und Unternehmungen meiner Studiengruppe mit den Priesteranwärtern des deutschen Kollegs, die in Rom studieren – bei allen theologischen Differenzen, um die man weiß, die das Miteinander aber nicht beeinträchtigen.

Das ist für mich wahre Ökumene: sich zu begegnen und auszutauschen, sich kennen und verstehen zu lernen! Solche zwischenmenschlichen Erfahrungen wiegen so viel mehr als alle ökumenischen Dokumente, die von den Gelehrten der Konfessionen in ihren Elfenbeintürmen erarbeitet werden, denen es jedoch nur schwerlich gelingt, die Menschen an der Basis tatsächlich zusammenzubringen. Dies vermag einzig der persönliche Kontakt. Und so möchte ich jeden und jede ermutigen, selbst solche Begegnungen zu suchen und sich überraschen zu lassen, was der Heilige Geist zu wirken vermag – eines Tages dann vielleicht auch auf den offiziellen Ebenen unserer Kirchen.

Ob Monsignore Martinelli, der Bischof von Frascati, dies noch erleben wird? Vielleicht. Kommendes Jahr wird der gute Mann seinen siebzigsten Geburtstag feiern.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.